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Dosierung bei Kindern

Besonderheiten kennen

01.06.2016  09:45 Uhr

Was bei Erwachsenen wirkt, wirkt nicht zwangsläufig genauso bei Kindern. Falsche Dosierungen können Wachstum und Entwicklung der Kinder stören und zu schweren Nebenwirkungen führen. Auch Apotheker können viel zur Arzneimitteltherapiesicherheit beitragen, wenn sie pharmakologische Besonderheiten bei Kindern im Hinter­kopf haben.

Die europäische Arzneimittelbehörde EMA unterscheidet zwischen Neugeborenen (0 bis 27 Tage), Säuglingen oder Kleinkindern (28. Tag bis 23 Monate), Kindern (zwei bis elf Jahre) und Jugend­lichen (12 bis 16 Jahre). Darüber informierte Professor Dr. Stephanie Läer von der Universität Düsseldorf. Wie die Apothekerin und Medizinerin verdeutlichte, ist es nicht ganz einfach, die richtige Dosierung zu finden, denn die Pharmako­kinetik ändert sich im Laufe des Lebens. Das zeigt sich bereits bei der Absorption von Arzneistoffen. »Da die Blut-Hirn-Schranke bei Säuglingen noch nicht ausgereift ist, können Arzneistoffe wie Loperamid, Codein und auch Antihist­aminika bei ihnen zentrale Wirkungen hervorrufen«, nannte Läer Beispiele. Auch cortisonhaltige Topika können in diesem Alter aufgrund der höheren Durchlässigkeit der Hautbarriere systemische Wirkungen verursachen.

 

Unterschiede in der Pharmakokinetik

 

Laut der Referentin sind auch bei der Verteilung von Arzneistoffen Unterschiede zu beachten. Beispielsweise sei der Anteil des extrazellulären Wassers bei Neugeborenen doppelt so hoch wie bei Erwachsenen. Insbesondere bei Arzneistoffen, die sich im extrazellu­lären Wasser verteilen, etwa Gentamicin, habe das große Auswirkungen auf die Wirkstoffkonzentration.

 

Unterschiede in der Pharmako­kinetik sind ferner bei der Metabolisierung und Ausscheidung von Arzneistoffen zu berücksichtigen. »Die Nierenfunktion reift erst im ersten Lebensjahr aus«, informierte Läer. Auch die abbauenden Enzyme entwickeln sich erst nach der Geburt. Hier gebe es von Enzym zu Enzym Unterschiede. Wie wichtig dieses Wissen in der Praxis ist, machte die Referentin am Beispiel von Chloramphenicol deutlich: Da die abbauenden Enzyme bei Neugeborenen noch nicht ausgereift sind, kann eine körpergewichtsadaptierte Chloramphenicol-Erwachsenendosis bei den jungen Patienten zur Überdosierung beziehungsweise Vergiftung führen. Das sogenannte Grau- Syndrom äußert sich Läer zufolge durch bleiche Hautfarbe und Herzkreislauf­kollaps und kann tödlich enden.

 

In vielen Fällen sind Kinder heute noch immer therapeutische Waisen. Läer machte darauf aufmerksam, dass ein Off-Label-Einsatz in der Pädiatrie keine Seltenheit ist. Rund die Hälfte aller Verordnungen sei davon betroffen. »Je kleiner und je kränker die Kinder sind, desto höher ist der Prozentsatz an Off-Label-Verordnungen.« Auf einer Neugeborenen-Intensivstation liege er bei 90 Prozent.

 

Die Referentin ging auf das arbeitsteilige Handeln zwischen Arzt und Apotheker im Off-Label-Gebrauch ein. So müsse der Arzt über das Nutzen-Risiko-Verhältnis aufklären. Apothekern empfahl Läer, pharmazeutische Bedenken anzumelden, wenn sie einen Off-Label-Use, zum Beispiel aufgrund des Alters des Kindes, auf dem Rezept erkennen. In diesem Fall solle das pharmazeutische Personal Rücksprache mit dem Arzt halten und sich die Richtigkeit der Verordnung bestätigen lassen. Ein Beispiel: Paracetamol ist für Säuglinge ab einem Körpergewicht von 3 kg zugelassen. Das heißt, das zu behandelnde Kind muss nicht nur ausreichend schwer sein, sondern mindestens auch 28 Tage alt. Der Einsatz bei einem Neugeborenen mit einem Körpergewicht von 3 kg entspricht dagegen nicht der Zulassung.

 

ASS in Ausnahmefällen

 

Vermeintliche Fehlverordnungen von Ärzten können sich aber auch als gewollt und richtig erweisen. So ist bekannt, dass der Wirkstoff Acetylsalicylsäure (ASS) wegen der Gefahr des Reye-Syndroms bei Kindern nicht eingesetzt werden sollte. Allerdings gibt es laut der Referentin Ausnahmen von der Regel: »Bei der Therapie des Kawasaki-Syndroms wird ASS bei jungen Patienten obligat eingesetzt.« Dabei handelt es sich um eine akute, fieberhafte, systemische Erkrankung, bei der es zur Gefäßentzündung der kleinen und mittleren Arterien kommt. Symptome sind hohes Fieber, Lacklippen, Himbeerzunge und Konjunktivitis.

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