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Neonatales Abstinenzsyndrom

Oft sind Analgetika verantwortlich

26.05.2015
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Von Ulrike Viegener / In den USA werden fast 30 von 1000 Kindern mit einem neonatalen Abstinenzsyndrom geboren. Schuld ist in vielen Fällen die Verschreibung Opioid-haltiger Schmerzmittel während der Schwangerschaft.

Meist bringt man das neonatale Abstinenzsyndrom (NAS) von Neugeborenen mit drogenabhängigen Müttern in Zusammenhang. In den vergangenen Jahren hat jedoch die Anwendung Opioid-haltiger Schmerzmittel als Auslöser an Bedeutung deutlich zugenommen. Zentral wirksame Analgetika werden in den USA zum Teil inflationär verordnet, und offenbar macht das unkritische Verschreibungsverhalten auch vor Schwangeren nicht halt.

 

Opioide gegen Kopfschmerzen

 

28 Prozent der in einer aktuellen Studie erfassten rund 112 000 Schwangeren hatten Opioid-haltige Schmerzmittel eingenommen, und zwar vor allem wegen Kopfschmerzen, Migräne oder Muskelproblemen – Indikationen also, bei denen Opiode nicht die Mittel der Wahl darstellen. Erstautor Stephen Patrick von der Vanderbilt University in Nashville äußerte sich angesichts dieser Entwicklung im Fachjournal »Pediatrics« sehr besorgt (DOI: 10.1542/peds.2014-3299).

 

Wie die Studie zeigt, kommt es in der Folge häufiger zu Frühgeburten, das durchschnittliche Geburtsgewicht ist verringert und es werden vermehrt Atemkomplikationen wie das Mekonium-Aspirations-Syndrom beobachtet. Dabei kommt es beim Neugeborenen infolge einer Inspiration von Fruchtwasser mit Kindspech (Mekonium) zu schwerer Atemnot.

 

Ein neonatales Abstinenzsyndrom äußert sich mit Symptomen wie Zittern, Hyperaktivität, schrilles Schreien, Reizbarkeit, Trinkschwäche bei übermäßigem Saugen und seltener auch Atemstörungen und Krampfanfällen. Besonders gefährdet waren Neugeborene, deren Mütter in der Schwangerschaft mehrfach Opioide auf Rezept bekamen, zusätzlich selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer einnahmen oder rauchten. Auch der Opioid-Typ scheint eine Rolle für das Risiko zu spielen.

 

Eine zweite, fast zeitgleich im »New England Journal of Medicine« erschienene Studie bestätigt die Problematik (DOI: 10.1056/NEJMsa1500439). Die Autoren werteten mehr als 10 000 Fälle neonataler Entzugssyndrome aus, die zwischen 2004 und 2013 in den USA registriert worden waren. Die Mütter der betroffenen Kinder hatten in 24 Prozent der Fälle Opioid-haltige Schmerzmittel erhalten. Bei 9 Prozent der Kinder hatten die Schwangeren Anti­depressiva und bei 8 Prozent Benzodi­azepine angewendet. Drogenersatzmittel war bei 31 Prozent der NAS-Fälle im Spiel; Buprenorphin war in 15 Prozent der Fälle verordnet worden, ob zur Substitutionstherapie oder in anderer Indikation, ist unklar.

 

Die Zunahme der Fallzahlen ist dramatisch: Während 2004 noch 7 von 1000 Kindern mit Entzugs­erscheinungen geboren wurden, kamen 2013 auf 1000 Geburten 27, also fast viermal so viele Fälle eines Abstinenzsyndroms. Neben der Inzidenz untersuchten die Forscher die Schwere neonataler Entzugserscheinungen und deckten auch in dieser Hinsicht eine Verschärfung auf: Die Dauer der intensivmedizinischen Betreuung der Neugeborenen hat sich im Beobachtungszeitraum von 13 auf 19 Tage deutlich verlängert und die Zahl der medikamentös behandlungsbedürftigen Kinder stieg von 74 auf 87 Prozent.

 

Situation in Deutschland

 

Konkrete Zahlen zur Häufigkeit des NAS in Deutschland liegen nicht vor. Schätzungen zufolge haben hierzulande 50 000 bis 60 000 Kinder drogenabhängige Eltern betroffen (www.neonataler-drogenentzug.de). Laut dem jetzt vorgelegten Suchtbericht der Bundesregierung nimmt die Zahl der Heroin-Abhängigen jedoch weiter ab (lesen Sie dazu Cannabis: In der Medizin ja, Legalisierung nein).

 

Rund 75 000 Patienten nehmen an Substitutionsprogrammen teil. Allerdings nehmen schätzungsweise 1,3 bis 2,3 Millionen Menschen in Deutschland missbräuchlich Medikamente ein, vor allem Schmerz-, Schlaf- und Beruhigungsmittel, Neuroleptika und Amphetamine. /

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