Pharmazeutische Zeitung online
Arbeitszeit und Vergütung

Flexibel bleiben

26.05.2014  16:23 Uhr

Von Daniela Biermann / In Stein gemeißelte Arbeitszeiten und Bezahlung nach Tarifvertrag? Das stellt sich der heutige Nachwuchs anders vor. In Münster stellte Professor Dr. Andreas Kaapke von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg vor, wie sich junge Pharmazeuten ihre Arbeitsbedingungen wünschen und welche Arbeitszeitmodelle es gibt.

Pharmazie-Absolventen haben heutzutage die Wahl: Nachwuchs wird händeringend gesucht. So sinkt zwar die Anzahl der Apotheken leicht, aber kontinuierlich, während die Zahl der Beschäftigten wächst. Der Bedarf an den gut ausgebildeten Apothekern (und PTA) ist da und wird nach Einschätzung von Kaapke sogar noch weiter steigen. Schuld ist der demografische Wandel: Immer mehr alte Menschen müssen pharmazeutisch betreut werden, während immer weniger junge Fachkräfte nachkommen. Der Aufwand für Apothekenleiter, gutes Personal einzustellen und vor allem auch zu halten, wird daher überdurchschnittlich steigen, prophezeite der Handelsexperte und Apothekenkenner Mitte Mai bei den Münsteraner Gesundheitsgesprächen, veranstaltet von der Apothekerkammer Westfalen-Lippe.

Wünsche der Generation Y

 

Für den Nachwuchs sind das gute Nachrichten: Die Arbeitgeber werden ihren Wünschen in Bezug auf Arbeitsbedingungen und Gehalt entgegenkommen müssen. Die gute Nachricht für die Arbeitgeber: Die sogenannte Generation Y legt weit weniger Wert darauf, möglichst viel Geld zu verdienen als ihre Vorgänger. Ihnen sind andere Aspekte mindestens ebenso wichtig. Das sind zum Beispiel eine interessante, abwechslungsreiche Arbeit mit Fortbildungsmöglichkeiten, mehr Freizeit durch reduzierte Stundenzahl, flexible Arbeitszeiten (Kasten) und angenehmes Team. Zum Beispiel sagen 90 Prozent der heute 25- bis 39-Jährigen, Familienfreundlichkeit ist bei der Arbeitgeberwahl genauso wichtig wie das Gehalt.

 

Ganz unwichtig ist das Gehalt natürlich nicht. In der Regel wird in den Apotheken nach Tarif oder um rund 10 Prozent darüber gezahlt. Viele Menschen, vor allem Männer, wünschen sich jedoch heute eine leistungsbezogene Bezahlung, so Kaapke. Das setzen vielen Apothekeninhaber zumindest bei ihren Filialleitern schon um.

 

In puncto Teilzeitarbeit und damit in gewissem Maß auch Familienfreundlichkeit gelten die Apotheken als vorbildlich. Während in einer Umfrage der Gesamtbevölkerung 63 Prozent angeben, Familie und Beruf lassen sich nicht gut miteinander vereinbaren, dürften es in den Apotheken viel weniger Angestellte sein, die dieses Problem haben. Dafür erfordert es vom Apothekenleiter ein ausgeklügeltes Personalmanagement, um die vielen Teilzeitkräfte sinnvoll zu koordinieren. Schließlich muss die Apotheke während der normalen Öffnungszeiten, die vielerorts von 8 Uhr morgens bis 20 Uhr abends ohne Mittagspausen sind, immer mit genügend Apothekern besetzt sein.

 

Damit sind sie im Einzelhandel nicht allein. Eine Umfrage unter Verkäufern im Textilhandel ergab, dass sich 85 Prozent flexible Arbeitszeiten in Abstimmung mit Kollegen und Chef wünschen. 72 Prozent wären auch mit festen Arbeitszeiten, aber regelmäßigen Wechseln zwischen Früh- und Spätschicht einverstanden. 52 Prozent können sich eine längere Tagesarbeitszeit vorstellen, wenn Plusstunden über ein Arbeitszeitkonto abgegolten werden. 48 Prozent würden gern jeden Tag länger arbeiten, dafür aber nur vier Tage die Woche. Nur 41 Prozent wollen mehr Wochenarbeitszeit bei höherer Bezahlung und nur 32 Prozent wünschen sich feste Arbeitszeiten.

 

In einer Umfrage unter Schulabgängern von Prof. Kaapke Projekte im Auftrag des Großhändlers Noweda kam heraus, dass 55,5 Prozent derjenigen, die Apotheker werden wollen, starken Wert auf die Umsetzbarkeit von Arbeitszeitmodellen bei der Wahl des Berufs legen. 66,6 Prozent schätzen den wohnortnahen Arbeitsort und auch die persönliche und fachliche Weiterentwicklung war ein wichtiger Punkt.

 

Arbeitsklima muss stimmen

 

Neben diesen Rahmenbedingungen sind jedoch ein fairer, motivierender Chef und ein nettes Team zwei immens wichtige Faktoren. Denn die Kunden kann man sich nicht aussuchen, den Chef und die Kollegen angesichts der Jobangebote aber durchaus. Hier ist es die Aufgabe des Chefs, sein Team zu motivieren und Aufgaben fair zu verteilen. Ein angenehmes Arbeitsklima und ein passendes Lob sind für gute Mitarbeiter in der Regel viel mehr wert als eine kleine Gehaltserhöhung.

 

Wer das nicht bekommt, sollte vom Chef aktiv Feedback einfordern. Häufig ist der ja doch ganz zufrieden mit einem oder hat neue, interessante Aufgaben, die man übernehmen kann. Die Generation Y gilt durchaus als ehrgeizig und fleißig – es muss aber Spaß machen. Das sollten die Chefs von heute bedenken. / 

Arbeitszeitmodelle

  • Gleitzeit: Arbeitnehmer (AN) bestimmt tägliche Arbeitszeit nach persönlichen Bedürfnissen und betrieblichen Belangen, meist Anwesenheitspflicht während der Kernzeit, darüber Mitarbeiterdichte steuerbar
  • amorphe Arbeitszeit: verschiedene Modelle, Arbeitgeber (AG) legt Arbeitsvolumen fest, Lage und Dauer bestimmt AN, zum Beispiel Jahresteilzeit oder flexible Wochenarbeitszeit, kein Absitzen, schnelle und unkompliziertes Reagieren auf Schwankungen im Arbeitsaufkommen
  • Vertrauensarbeitszeit: AN managt vertraglich vereinbarte Arbeitszeit selbst, hohe Eigenverantwortung, ausreichend Personal nötig, kurzfristiger Ausgleich muss möglich sein
  • Teilzeit: weniger Umfang als betriebliche Regelzeit, sehr individuell, ohne Lohnausgleich, muss transparent für Kollegen und Kunden sein,
  • Halbtagsarbeit: bekanntestes Teilzeitmodell, in der Regel fünf Tage die Woche vor- oder nachmittags, starres Modell, Einsatzplanung eventuell schwierig, da viele nur morgens arbeiten wollen
  • Turnusteilzeit: abwechselnd Vollzeit und Freizeit (zum Beispiel eine Woche voll arbeiten, danach eine Woche frei), langfristige Planung möglich
  • Job-Sharing: Partner-Teilzeit, zwei AN teilen sich eine volle Stelle, flexible Aufteilung, wenn alle einverstanden, Synergien, bessere Vertretungsmöglichkeit, schwierig nachzube-setzen
  • zeitautonome Arbeitsgruppe: Job-Sharing mit mehreren AN, hohe Eigenverantwortung und Teamgeist, anfangs schwierig zu koordinieren, aber maximaler Entscheidungsspielraum für Team
  • modulare Arbeitszeit: AG teilt Betriebszeit in Blöcke (Tage, Wochen et cetera), Wahlmöglichkeit für AN, Ausgleich von Stoßzeiten, für Voll- und Teilzeit, gegebenenfalls Mindestarbeitszeiten
  • Jahresarbeitszeit: Anpassung an Schwankungen wie Weihnachtsgeschäft/Ferien, weniger Überstunden, gleichmäßigere Auslastung
  • Langzeitkonten: Plusstunden sparen für Auszeiten (Elternzeit, Pflege, Weiterbildung) statt Kündigung unter Lohnfortzahlung, Anpassung an Schwankungen, längere Planung, Vertretung nötig
  • Sabbatical: Auszeit mit Gehaltsverzicht oder Aufbau von Plusstunden für Freizeitblock mit Gehaltsfortzahlung, längere Planung, motivierend, Vertretung nötig
  • individuelle Arbeitszeit: vertragliche Arbeitszeit wird reduziert, während weiter Vollzeit gearbeitet wird, Plusstunden ansparen für tage- oder wochenweise Auszeit, längere Planung, Vertretung nötig
  • Vier-Tage-Woche: eventuell kombinierbar mit Telearbeit, Beschäftigungssicherung durch kollektive Arbeitsreduzierung, hoher Freizeitnutzen, weniger Fahrtzeiten, oftmals nicht arbeitsanfallgerechter Einsatz, sondern Personalausdünnung an beliebten Tagen
  • rollierende Wochenarbeit: gerechte Verteilung der Arbeitszeit auf alle Tage inklusive Samstage, jede Gruppe hat einen bestimmten Wochentag frei, wechselt jedoch auf Wunsch, gut für lange Betriebszeiten, relativ starr
  • Home Office: Arbeit von zu Hause aus an mindestens einem Tag pro Woche (in Apotheken wenig praktikabel), Vertrauen nötig, weniger Betriebskosten

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