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Arzneimittelproduktion

TV-Dokumentation zu Fälschungen

23.05.2017
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Von Anna Pannen / »Sind Sie sicher, dass da wirklich das Richtige drin ist?« Diese Frage könnten Apotheker diese Tage häufiger hören, wenn sie Patienten eine Arzneimittelpackung überreichen. Die ARD veranstaltete vergangene Woche einen Themenabend »Gefährliche Medikamente«. Tenor: Fälschungen gibt es überall, auch in deutschen Offizinen.

Wenn sich Patienten gerade erworbene Arzneimittelpackungen in diesen Tagen ganz genau anschauen, liegt das nicht an einer vergessenen Lesebrille. Wahrscheinlich wollen sie sichergehen, dass es sich nicht um eine Fälschung handelt. Grund ist der Themenabend »Gefährliche Medikamente« der ARD am vergangenen Dienstag, der bei vielen Zweifel an der Standards in der Arzneimittelproduktion geweckt hat.

 

Tenor des Abends: Große Pharmakonzerne produzieren günstig in Niedriglohnländern, kontrollieren die Produktion dort aber viel zu wenig. Aus Angst vor Imageschäden gingen sie Hinweisen auf Fälschungen nicht nach, sodass über verschlungene Lieferwege verunreinigte oder unwirksame Medikamente in die ganze Welt gelangen. Auch Behörden kontrollierten zu lasch. Ein deutscher Apotheker erzählt, dass er in Sachen Bestechlichkeit nicht nur den Großhändlern und Importeuren, sondern auch seinen eigenen Kollegen und den Ärzten misstraut. Auch Professor Martin Schulz von der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker beklagt die intransparenten Vertriebsketten. »Die lückenlose Kontrolle ist nicht so, wie sie sein sollte«, so Schulz.

 

Die Pharmaunternehmen wehrten sich nach der Ausstrahlung gegen ihre Darstellung in der Dokumentation. Wer sein Medikament in einer Offizin oder zertifizierten Versandapotheke kaufe, bekomme ein sicheres Produkt, hieß es in einer Pressemitteilung des Bundesverbands der Arzneimittelhersteller. Außerdem werde alles bald noch sicherer: Derzeit arbeiten Industrie, Apotheker und Großhändler an neuen Sicherheit­smerkmalen für Arzneimittelpackungen. Sie sollen künftig einen Erstöffnungsschutz und eine individuelle Seriennummer tragen. Bis 2019 soll das System mit den Namen Securpharm funktionieren.

 

Aufklärung in Apotheken

 

Wie Apotheker nun reagieren sollen, wenn Kunden sie auf die verunsichernde Dokumentation ansprechen, erklärte der Berliner Apothekerverein in einem Rundschreiben: »Klären Sie darüber auf, dass in jeder öffentlichen Apotheke in Deutschland täglich stichprobenartig Arzneimittel kontrolliert werden«, heißt es darin. Auch auf den Unterschied zwischen Offizin und nicht zertifizierten Onlinehändlern sollen die Pharmazeuten hinweisen. Der Verein empfiehlt seinen Mitgliedern außerdem das Patienten-Informationsblatt »Wir schauen genau hin«. Es erklärt, wie Apotheken Medikamente auf Qualitätsmängel prüfen und steht auf der Homepage der ABDA zum Download bereit. /

Kommentar

Bärendienst

Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation zufolge liegt der Fälschungsanteil der über illegale Internetversender verkauften Arzneimittel bereits bei 50 Prozent. Dafür zu sensibilisieren, ist richtig. Mit ihrer Doku hat die ARD-Redaktion aber eher verunsichert als aufgeklärt. Warum wurde nicht herausgestellt, dass die Arzneimittelversorgung in Deutschland zu den sichersten der Welt zählt? Bislang sind in deutschen Apotheken nur vereinzelte Arzneimittelfälschungen aufgetaucht. Die legale Lieferkette vom Arzneimittelhersteller über den pharmazeutischen Großhandel bis zur Apotheke dürfte schon jetzt sehr sicher sein. Das hat in der Doku aber niemand so klar gesagt und auch das Projekt Securpharm, das die Lieferkette noch sicherer machen wird, fand traurigerweise überhaupt keine Erwähnung. Stattdessen kam ein Apotheker zu Wort, der es verstand, mit seiner Äußerung und der Skepsis gegenüber Importeuren, Großhändlern, Ärzten und Kollegen noch Öl ins Feuer zu gießen. Kein Wunder also, dass viele Patienten verunsichert sind. Gerade bei jenen, die einen Reimport, vielleicht mit überklebtem Etikett oder kyrillischen Schriftzeichen, in der Apotheke erhalten haben, sind Zweifel an der Echtheit ihres Arzneimittels die logische Konsequenz. Wenn Panikmache und Patienten, die möglicherweise ihr Medikament aus Angst vor einer Fälschung nicht mehr einnehmen, das Ziel der ARD-Doku waren, dann ist das erreicht worden. Der sicheren Arzneimittelversorgung hat diese Doku eher einen Bärendienst erwiesen. Die ABDA hat vor einiger Zeit mehr als zehn Millionen Exemplare der Broschüre »Gefälschte Medikamente – echte Nebenwirkungen« über die Apotheken an Verbraucher verteilen lassen. Aus aktuellem Anlass könnte man nun über eine Neuauflage nachdenken. Ein Freiexemplar sollte man direkt der ARD-Redaktion zukommen lassen. /

 

Sven Siebenand,

stellvertretender Chefredakteur

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