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Weltweiter Switch der Polio-Vakzine

23.05.2016  16:33 Uhr

Von Christina Hohmann-Jeddi / Der erste Schritt zu einer neuen weltweiten Impfstrategie gegen Poliomyelitis ist getan: Insgesamt 155 Länder und Regionen haben gleichzeitig den trivalenten oralen Lebendimpfstoff (tOPV) gegen einen bivalenten (bOPV) ausgetauscht.

 

Wenn kein Wildtypvirus mehr zirkuliert, sollen in einem zweiten Schritt alle oralen Lebendimpfstoffe aus dem Verkehr gezogen und nur noch der inaktivierte Polioimpfstoff (IPV) eingesetzt werden. Das sieht der Endgame Strategic Plan der globalen Polio-Eradikations-Initiative vor.

Während in Industriestaaten schon seit einigen Jahren ausschließlich der Totimpfstoff eingesetzt wird, verwendeten 145 Länder weltweit bislang noch die trivalente Schluckimpfung in Impfprogrammen. Diese enthält abgeschwächte lebensfähige Polioerreger der Stämme 1, 2 und 3. Da Stamm 2 bereits seit 1999 nicht mehr nachgewiesen wurde, kommt nun eine orale Lebendvakzine ohne diesen Stamm zum Einsatz. Der Hintergrund hierfür ist, dass Stamm 2 der Hauptverursacher der selten vorkommenden impfassoziierten paralytischen Poliomyelitis, also einer durch die Impfviren ausgelösten Lähmungserscheinung, ist. Da bei der Lebendvakzine immer die Gefahr besteht, dass die Impfviren vom Impfling ausgeschieden werden und kleine Polioausbrüche hervorrufen, soll langfristig ganz auf den Totimpfstoff umgestellt werden.

 

Bis dahin soll die bivalente Lebendvakzine in Kombination mit IPV eingesetzt werden. Wie effektiv dieses Vorgehen ist, berichten Forscher um Professor Dr. Edwin Asturias vom Children’s Hospital Colorado im Fachjournal »The Lancet« (DOI: 10.1016/S0140-6736(16) 00703-0). In einer kontrollierten Multicenter-Studie testeten sie verschiedene Impfstrategien. Jeweils eine Gruppe von 210 Säuglingen erhielt drei Dosen bOPV ohne zusätzliche IPV-Injektion, beziehungsweise mit einer oder zwei Dosen des Totimpfstoffs.

 

Die drei bOPV-Dosen bewirkten einen vergleichbaren Schutz gegen Typ 1 und Typ 3 des Polioerregers wie die trivalente Vakzine. Durch eine einzelne zusätzliche IPV-Injektion waren zudem 80 Prozent der Kinder auch gegen Typ 2 geschützt. Bei zwei Dosen waren es 100 Prozent. Die zusätzliche IPV-Gabe ist nötig, um die Risiken einzudämmen, die durch das Herausnehmen der Typ-2-Komponente entstehen. So könnte dieser Typ in einer ungeschützten Bevölkerung noch Ausbrüche hervorrufen, wenn aus Versehen Restbestände der trivalenten Vakzine eingesetzt werden. /

 

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