Pharmazeutische Zeitung online
Tollwut

Gefahr weltweit noch nicht gebannt

20.05.2015
Datenschutz bei der PZ

Von Nicole Schuster / Die von Tieren übertragene Seuche gilt in Deutschland zwar gemeinhin als ausgerottet. Fledermäuse zählen allerdings auch bei uns weiterhin zu den Überträgern. Die Krankheit endet unbehandelt fast immer tödlich. Nur eine rechtzeitige aktive Immunisierung nach der Infizierung kann Leben retten.

Tollwut (Rabies) ist eine lebensgefährliche Zoonose. Überträger des klassischen Tollwut-Erregers, des Rabies-Virus aus der Gattung der Lyssa-Viren, sind Säugetiere wie Füchse oder Hunde. Erkrankte Wildtiere verlieren die Scheu vor dem Menschen. Das erhöht die Gefahr, gebissen zu werden. Außer durch einen Biss können die Viren auch durch direkten Kontakt mit dem Speichel übertragen werden. Infektionen mit dem weltweit vorkommenden Erreger treten vor allem in Entwicklungsländern Afrikas und Südostasiens sowie in China und Indien auf. Jährlich sterben nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) etwa 55 000 Menschen an Tollwut, wobei von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen wird.

Vor einiger Zeit galten in Deutschland noch Wildtiere wie der Rotfuchs als mögliche Infektionsquelle. Heute besteht diese Gefahr nicht mehr, wie Dr. Conrad Freuling aus dem Nationalen Referenzlabor für Tollwut am Friedrich-Loeffler-Institut in Greifswald – Insel Riems gegenüber der Pharmazeutischen Zeitung erklärt: »Seit 2008 gilt Deutschland wie viele andere west- und mitteleuropäische Länder offiziell als frei von klassischer Tollwut.« Dazu haben konsequente Impfmaßnahmen beispielsweise mit Impfködern geführt. Auch in den meisten Nachbarländern der Bundesrepublik wurde die terrestrische Tollwut erfolgreich ausgerottet.

 

Allerdings: »Neben der klassischen Tollwut kommen auch noch in Deutschland bei einigen Fledermausarten verwandte Tollwutviren vor«, so Freuling. Die Tiere gelten als Wirt für spezielle Typen der Lyssa-Viren, vornehmlich die Europäischen Fledermaustollwutviren (EBLV) 1 und 2 und können diese auch auf den Menschen übertragen. In Europa wurden bislang fünf derartige Fälle von Erkrankungen von Menschen dokumentiert. Die einheimischen Fledermausarten beißen Menschen jedoch nur in seltenen Ausnahmen, wenn sie sich stark bedroht fühlen. Der Experte erklärt, dass infizierte Tiere häufig abnormales Verhalten wie Attackieren nahegelegener Gegenstände, Orientierungsschwierigkeiten, Schluckbeschwerden sowie Lähmungserscheinungen und dadurch bedingte Flugunfähigkeit zeigen. »Aufgefundene Fledermäuse sollten nicht mit bloßen Händen angefasst werden«, warnt er.

 

Die wilde und ruhige Wut

 

Die Inkubationszeit des Virus im Menschen beträgt meistens zwischen 20 und 90 Tagen, in Einzelfällen auch bis zu einem Jahr. Sie ist vor allem davon abhängig, wie viele Viren übertragen wurden und wie weit die Infektionsstelle vom Zentralnervensystem entfernt ist. Die eingedrungenen Viren vermehren sich zunächst in Bindegewebe und Muskelzellen und befallen dann die Nerven. Der Krankheitsverlauf lässt sich in drei Phasen einteilen. Im Prodromalstadium treten meist im Bereich um den Biss herum lokale Affektionen wie Juckreiz, Schmerzen oder Empfindungsstörungen auf. Des Weiteren entwickeln sich unspezifische Symptome wie ein allgemeines Krankheitsgefühl, Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen, mitunter auch Fieber sowie Unruhe oder Ängstlichkeit.

 

In der akuten neurologischen Phase sind zwei Krankheitsverläufe zu unterscheiden. In den meisten Fällen kommt es zur klassischen enzephalitischen, der sogenannten wilden Wut. Als Folge einer atypischen Gehirnentzündung treten hier zerebrale Funktionsausfälle auf. Typisches Kennzeichen ist die »Wasserangst« (Hydrophobie). Die Betroffenen erleiden beim Trinken und schon beim Anblick von Wasser Krämpfe der Schlundmuskulatur und können den Speichel nicht mehr herunterschlucken, sodass er ihnen aus dem Mund rinnt. Die Angst vor Luftzügen (Aerophobie) ist ein weiteres häufiges Symptom. Episoden, in denen die Patienten auf Reize aggressiv, etwa mit Schlagen, Beißen und Schreien reagieren, wechseln mit depressiven Gemütslagen ab.

 

Die zweite Verlaufsform ist die paralytische Tollwut, auch als stille Wut bezeichnet. Sie tritt in etwa 20 bis 30 Prozent der Fälle auf. Das erste Anzeichen ist meist eine Muskelschwäche in dem Körperteil, in das gebissen wurde. Es entwickelt sich eine sich rasch verbreitende Lähmung, die bald die Muskulatur aller vier Extremitäten, des Rumpfes und des Gesichts befällt. Typischerweise sind auch die Schließmuskeln des Magen-Darm-Traktes und der ableitenden Harnwege betroffen. Als begleitendes Symptom kann leichtes Fieber vorkommen. Das Erkrankungsbild erinnert mitunter ans Guillain-Barré-Syndrom. Beide Verlaufsformen enden nach spätestens sieben Tagen mit dem Tod infolge von Atemlähmung oder Multiorganversagen.

 

Selten ist ein atypischer Verlauf mit Erscheinungen wie Nervenschmerzen, Zuckungen der gebissenen Gliedmaßen, Symptomen, die auf eine Störung des Hirnstamms zurückgehen, sowie Krampfanfällen. Solche Verläufe sind vor allem nach einer Infektion mit Fledermaustollwutviren häufig.

 

Impfung rettet Leben

 

Zur Behandlung gehören eine gründliche Wundreinigung und Spülung, um einen Teil der Viren mechanisch zu entfernen. Lebensrettend wirkt dann eine aktive Impfung, die sogenannte Postexpositionsprophylaxe. Hier spritzt der Arzt auf der Gegenseite des Tierbisses unschädlich gemachte Tollwut-Viren. 

Sie regen das Immunsystem an, Antikörper gegen den Erreger zu bilden. Nach 3, 7, 14 und 28 Tagen wird diese aktive Immunisierung wiederholt. Die postexpositionelle Prophylaxe ist allgemein gut verträglich und gewährleistet einen hohen Schutz vor einer Erkrankung. Nebenwirkungen der Impfung können typische örtliche Reaktionen wie Schmerz, Rötung und Juckreiz sein, zudem können sich Fieber, Muskelschmerzen, Kopfschmerzen, Übelkeit und selten auch allergische Reaktionen zeigen.

 

Wer nicht gegen das Virus geimpft war, erhält eine zusätzliche passive Impfung, ihm werden also Antikörper, das Rabies-Immunglobulin (RIG), injiziert. Der Arzt sollte die Einstichstelle so wählen, dass sie im Gewebe direkt um die Bisswunde liegt. Die Gabe von RIG darf allerdings nur bis zum siebten Tag nach der möglichen Infektion erfolgen. Danach beschleunigt sie sogar das Voranschreiten der Krankheit.

 

Wichtig ist, auch an Menschen zu denken und diese zu behandeln, die ebenfalls Kontakt mit dem Tier hatten und möglicherweise auch gebissen wurden. Zu beachten ist, dass ein Biss nicht immer bemerkt werden muss und mitunter keine Bisswunde zu erkennen ist.

 

Bricht die Krankheit erst einmal aus, kommt jede Hilfe zu spät. Eine Therapie ist derzeit nicht verfügbar, die Behandlung besteht nur dadurch, dass der Arzt die Symptome lindernde Maßnahmen durchführt. Nur fünf Menschen weltweit überlebten bislang eine Infektion, mithilfe des sogenannten Milwaukee-Protokolls, das ein künstliches Koma und antivirale Therapie vorsieht.

 

Vorsorge ist daher wichtig. »Touristen, die in befallene Gebiete einreisen, sowie Personen, die berufsbedingt oder ehrenamtlich Umgang mit Fledermäusen haben, sollten sich dringend impfen lassen«, rät der Experte. Besonders Rucksackreisenden und Campern in Hochrisiko-Gebieten ist eine Vakzinierung zu empfehlen. Die Immunisierung besteht aus einer dreimaligen Impfung innerhalb von vier Wochen sowie Auffrischungen nach einem Jahr und später im Abstand von drei bis fünf Jahren. Hierbei spricht man von der Präexpositionsprophylaxe im Gegensatz zur Postexpositionsprophylaxe, die nach einer möglichen Infizierung erfolgt. /

Restgefahr in Deutschland

Seit 2008 gilt Deutschland als frei von klassischer Tollwut. Ein reales Infektionsrisiko bestehe nur durch aus Endemiegebieten illegal eingeführte Haustiere sowie durch Fledermäuse, informiert das RKI. Auch wenn bislang in Europa nur wenige humane Erkrankungen durch Fledermaustollwutviren dokumentiert wurden, sollten die Tiere nur von Sachverständigen oder mit festen Lederhandschuhen angefasst werden. Hat trotzdem ein Kontakt zu einer lebenden oder toten Fledermaus stattgefunden, sollte umgehend die Gabe einer Postexpositionsprophylaxe (PEP) begonnen werden, auch wenn keine Verletzung erkennbar ist. Wie real die Gefahr ist, zeigt zum Beispiel der Fall einer Frau aus dem Eifelkreis Bitburg-Prüm, die im August 2010 eine flugunfähige Fledermaus fand, diese aufhob und in eine Auffangstation brachte. Dabei wurde sie gebissen. Bei dem Tier wurde kurz darauf das Tollwut-Virus nachgewiesen. Die Betroffene und ihre Familie erhielten eine PEP. Ein reales, wenn auch geringes Risiko geht auch von Tieren aus, die aus Endemiegebieten (wie Afrika, Asien, dem Balkan, der Türkei) illegal nach Deutschland eingeschleppt wurden oder die Kontakt zu solchen Tieren hatten, schreibt das RKI. 2008 erkrankte in Lörrach ein aus Kroatien eingeführter Hund an Tollwut.

Mehr von Avoxa