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HIV-Medikamente

Wann ist ein Nutzen groß genug?

21.05.2013
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Von Annette Mende, Berlin / Die momentan verfügbaren HIV-Medikamente sind so gut, dass Menschen mit HIV-Infektion unter hoch aktiver antiretroviraler Therapie (HAART) eine annährend normale Lebenserwartung haben. Was muss also ein neues Präparat können, um trotzdem einen Zusatznutzen attestiert zu bekommen? Dazu sollte man einmal die Patienten fragen, meint ein Experte.

Bei der Entwicklung neuer Arzneistoffe zur Therapie der HIV-Infektion liegt die Messlatte hoch. Die HAART ermöglicht vielen Betroffenen heute ein nebenwirkungsarmes Leben bei guter Viruskontrolle. »Für Hersteller stellt sich daher die Frage: Wie muss eine neue therapeutische Option gegen HIV aussehen, um zusätzlichen Nutzen zu bringen«, sagte Johannes Inama-Sternegg, Geschäftsführer von Viiv-Healthcare, bei einer von seiner Firma unterstützten Diskussionsveranstaltung in Berlin.

 

Kein Patentrezept

 

Die CDU-Bundestagsabgeordnete und HIV-Berichterstatterin der Bundesregierung, Karin Maag, hatte dafür auch kein Patentrezept, verteidigte aber das Instrument der frühen Nutzenbewertung gegen die unterschwellige Kritik. »Ich glaube, dass die frühe Nutzenbewertung zunehmend rund läuft«, sagte Maag. Ihr sei sehr daran gelegen, dass nicht der Eindruck entstehe, die formalen Anforderungen könnten schwerer wiegen als die inhaltlichen. »Wir sollten daher insbesondere die Expertise der Fachgesellschaften künftig noch mehr berücksichtigen«, so Maag.

Das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz sei der gelebte Spagat zwischen dem Wunsch der Politik nach exzellenter Forschung und wirksamen Arzneimitteln auf der einen Seite und der Wirklichkeit, also der Bezahlbarkeit auf der anderen Seite. Für Hersteller von HIV-Präparaten sei es schwierig, einen hohen Zusatznutzen zu erzielen, da bei harten Endpunkten wie beispielsweise der Lebenserwartung kaum eine Verbesserung im Vergleich zur Standardtherapie möglich sei. »Bei der Frage nach dem Zusatznutzen neuer Präparate geht es daher vor allem um die Lebensqualität der Betroffenen«, so Maag.

 

Diese Einschätzung teilte Professor Axel Mühlbacher, Gesundheitsökonom an der Hochschule Neubrandenburg. »Nicht immer ist das, was dem Patienten wichtig ist, auch wichtig für den Therapeuten«, so Mühlbacher. Zentrale Fragen der Nutzenbewertung von Arzneimitteln seien daher: Wie identifiziert man geeignete Endpunkte? Wie gewichtet man diese Endpunkte? Und lässt sich daraus dann eine Zahl errechnen, die den Nutzen abstrakt zusammenfasst?

 

Diese Fragen musste sich das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in der Vergangenheit stellen lassen. Mühlbacher schlug zu ihrer Beantwortung sogenannte Discrete-Choice-Analysen vor. Dabei wählen Patienten und Ärzte unabhängig voneinander mehrmals zwischen verschiedenen fiktiven Therapiealternativen. Diese unterscheiden sich beispielsweise hinsichtlich ihrer Effektivität, Dauer und Wahrscheinlichkeit beziehungsweise Schwere von Nebenwirkungen. Aus den Antworten lässt sich dann berechnen, wie stark die einzelnen Endpunkte auf die Entscheidung für eine bestimmte Therapie gewirkt haben.

 

»Solche Discrete-Choice-Analysen geben Aufschluss darüber, was Patienten präferieren«, sagte Mühlbacher. Laut einem kürzlich vorgelegten Methodenbericht will das IQWiG die Methode künftig nutzen, um die Relevanz klinischer Effekte zu gewichten. Mühlbacher zufolge wäre Deutschland damit in puncto Einbeziehung von Patienten in die Nutzenbewertung international führend. /

Kommentar

Experten in eigener Sache

Patienten wissen am besten, worauf es ihnen bei einer Pharmakotherapie am meisten ankommt. Sie sind Experten in eigener Sache, vor allem, wenn es um die Gewichtung sogenannter weicher Endpunkte geht. Diese sagen zwar nichts über die verbleibende Lebensdauer aus, wohl aber über die Lebensqualität, mit der Betroffene und ihre Angehörige diese Zeitspanne verbringen können. Das IQWiG ist daher gut beraten, wenn es bei der Nutzenbewertung neuer Arzneimittel die Präferenzen von Betroffenen stärker berücksichtigt als bisher. Das wäre in der Tat wegweisend – und würde die oft umstrittenen Entscheidungen des IQWiG wahrscheinlich sehr viel nachvollziehbarer machen.

 

Annette Mende

Redakteurin Pharmazie

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