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Krebs

Geheilt heißt nicht gesund sein

21.05.2013
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Von Nicole Schuster / Patienten, die eine Krebserkrankung überlebt haben, können noch Jahre nach der Behandlung an Spätfolgen erkranken. Die Ursache kann der Tumor, oft aber auch dessen Behandlung sein. Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen sowie eine langfristige psychoonkologische Nachbetreuung können die Lebensqualität der Betroffenen verbessern.

Die Diagnose Krebs ist für viele Patienten kein Todesurteil mehr. Sie überleben die Erkrankung. Doch ist für manche auch Jahre später noch nicht alles gut. »Spätfolgen von Chemo- und Strahlentherapien sind ein ernstzunehmendes Problem«, sagt Professor Dr. Henning Schulze-Bergkamen von der Abteilung für Medizinische Onkologie am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) des Universitätsklinikums Heidelberg im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung. Besonders zu bedenken ist, dass bei jungen Patienten. Folgeerscheinungen einer Chemo- oder Strahlentherapie ihre spätere Lebensqualität beeinträchtigen können.

Wie groß das Problem ist, zeigen aktuelle Zahlen aus einer Übersichtsarbeit, bei der mehr als 10 000 ehemalige Patienten befragt wurden, die im Kindesalter eine Krebserkrankung durchgemacht haben. »Die Studie in den USA ergab, dass nahezu zwei Drittel der Überlebenden an therapiebedingten Folgeerkrankungen leiden«, berichtet Professor Dr. Thorsten Langer, Oberarzt der Kinder- und Jugendklinik am Universitätsklinikum Erlangen. Bei den überwiegend älteren Krebspatienten fallen Spätfolgen im Gegensatz zu erkrankten Kindern und Jugendlichen wegen des fortgeschrittenen Lebens­alters weniger ins Gewicht.

 

Schäden auch noch nach Jahrzehnten

 

Viele der späten Nebenwirkungen von Chemo- und Strahlentherapie gehen auf das Konto von Veränderungen, die die Krebsbehandlung an gesunden Zellen verursacht. Nicht immer machen sich diese Schäden sofort bemerkbar wie beispielsweise bei einem Verlust der Fruchtbarkeit. Manche werden erst nach einer bestimmten Latenzzeit zu einem Problem. Bei einer Strahlentherapie beeinflussen Dosis und Ziel der Bestrahlung das Ausmaß der Spätfolgen. Von der Art des gewählten Chemotherapeutikums wiederum hängt es ab, bei welchen Organen ein Risiko für bleibende Schäden besteht. Auch die Dosis spielt hier in vielen Fällen eine entscheidende Rolle.

 

Ärzte unterscheiden bei den Spätfolgen zwei Arten: Zweittumore und funktionelle Organschäden. »Leuk­ämien treten meistens bereits innerhalb der ersten fünf bis zehn Jahre nach der Behandlung auf«, sagt der Experte aus Heidelberg. »Bei soliden Tumoren etwa des Darms oder der Lunge dauert es länger.« Auslöser solcher Zweittumore können Therapien mit Alkylanzien wie Cyclophosphamid, dem Topoisomerase-II-Inhibitor Etoposid oder Platinderivaten wie Cisplatin und Carboplatin sein.

 

Funktionelle Organschäden können nahezu jedes Organ betreffen. Das Zytostatikum Bleomycin etwa ist dafür bekannt, die Lunge zu schädigen. Das kann sich in Form von Gewebeveränderungen bis hin zur Lungenfibrose äußern. Betroffene leiden unter Symptomen wie Husten und in fortgeschrittenem Stadium unter zunehmender Atemnot und geringer körperlicher Belastbarkeit. Diverse Chemotherapeutika beeinflussen auch das Nervensystem. Bei betroffenen Patienten kann es zu einer Neuropathie kommen. Je nach Ausprägung klagen sie über ein unangenehmes Kribbeln in Händen oder Füßen, Taubheitsgefühle oder Missempfindungen. Auch Leberschäden können durch bestimmte Chemotherapeutika verursacht werden.

 

Spätfolgen der Strahlentherapie

 

Bestrahlungen können je nach betroffener Körperregion und Stärke ganz unterschiedliche Auswirkungen haben. Herzprobleme können beispielsweise resultieren, wenn der Brust­bereich bestrahlt wird. »Uns sind ehemalige Krebspatienten bekannt, die schon in jungen Jahren eine neue Herzklappe brauchen«, berichtet Schulze-Bergkamen. Bei einer Bestrahlung im Bauchbereich können im Darm Gewebsveränderungen mit Funktionseinbußen auftreten, in der Speiseröhre sind narbige Verengungen mit Schluckstörungen eine mögliche Folge. Nach Bestrahlungen im Hals-, Gesichts- und oberen Brustbereich können Patienten unter behandlungsbedürftigen Schilddrüsenfunktionsstörungen leiden. Für Veränderungen an den ableitenden Harnwegen und Nierenfunktionsstörungen sind Kinder nach einer Bestrahlung dieser Regionen besonders empfindlich.

Wird das Gehirn bestrahlt, können kognitive Einschränkungen eintreten. Bei jungen Menschen besteht die Gefahr für besonders weitreichende Folgen. Eine Bestrahlung des Hypothalamus führt möglicherweise zu Wachstumsstörungen und Kleinwuchs. Sind Gehirnbereiche betroffen, die die Funktion der Fortpflanzungsorgane steuern, kann bei Kindern die Pubertät ausbleiben oder vorzeitig stoppen. Die frühe Involvierung eines erfahrenen Endokrinologen ist in solchen Fällen empfehlenswert. Überhaupt ist die Fortpflanzungsfähigkeit bei Nebenwirkungen und Spätfolgen einer Krebsbehandlung ein großes Thema. Eine Anti-Hormon-Therapie bei jungen Frauen kann beispielsweise zu verfrühtem Eintritt in die Wechseljahre führen. Bei jungen Patienten muss entsprechend frühzeitig an Maßnahmen gedacht werden, um Möglichkeiten für die spätere Familienplanung offen zu halten.

 

Manche Patienten klagen über anhaltende Müdigkeit und Erschöpfung nach einer Krebserkrankung. Auch bei einem Fatigue-Syndrom kann die Therapie der Auslöser sein, beispielsweise dann, wenn eine Zytostatika-Behandlung die Blutbildung nachhaltig beeinträchtigt. Die Müdigkeit kann aber auch ein Anzeichen für seelische Erschöpfung und psychische Probleme sein. Neben den körperlichen Spätfolgen sind nämlich auch seelische und soziale zu bedenken. »Eine Krebs­erkrankung traumatisiert«, so Schulze-Bergkamen. »Bei manchen Patienten äußert sich das erst Jahre später als Angststörung oder Depression«. Die Lebensfreude geht verloren, es drohen zunehmende soziale Isolation und oft auch Berufsunfähigkeit. Die Belastung betrifft nicht nur Erwachsene. Auch an der Seele von Kindern geht die Krankheit nicht spurlos vorbei. Die kleinen Patienten verpassen wegen langer Klinikaufenthalte viel Schulunterricht. Schlimmstenfalls wirkt sich das Defizit auf ihren Schulabschluss und die späteren beruflichen Aussichten aus. Auch leiden sie, wenn sich ihre sozialen Kontakte reduzieren und sich Freunde zurückziehen. Zudem müssen sie sich schon früh mit ernsten Themen wie Krankheit und Tod auseinandersetzen. Eltern, die selbst unter der Krankheit des Kindes leiden, sind oft keine ausreichende Stütze.

 

Nachsorge ernst nehmen

 

Eine qualifizierte und genau auf ihre Nöte spezialisierte psychologische Behandlung ist für viele junge Patienten wichtig. Themen, die im Rahmen solcher Therapien behandelt werden sollten, sind der Umgang mit möglichen körperlichen Einschränkungen, die Abnabelung vom Elternhaus, Trainieren der eigenen Selbstständigkeit und des Selbstbewusstseins sowie Planungen für die berufliche und private Zukunft. An entsprechenden Angeboten fehlt es jedoch noch oft.

 

Während die Nachsorge häufig nur auf ein Wiederauftreten des Krebses untersucht, bleiben andere Spätfolgen außen vor. Das betrifft nicht nur seelische, sondern auch mögliche Organ-schäden. Gezielte Nachsorgeuntersuchungen sind jedoch notwendig, um die Lebensqualität zu erhalten und krankhafte Veränderungen frühzeitig zu erkennen. Beispiele sind regelmäßige Herzuntersuchungen nach dem Einsatz von kardiotoxischen Substanzen oder fortlaufende Kontrollen der Knochendichte bei Therapien mit negativen Auswirkungen auf das Knochenwachstum. Die Suche nach geeigneten Ansprechpartnern kann sich schwierig gestalten. Da bei den Betroffenen keine Krebserkrankung mehr vorliegt, fühlen sich viele Experten aus onkologischen Zentren nicht mehr zuständig.

 

Sind Risiken für bestimmte Spätfolgen bekannt, sollten Patienten auch beraten werden, wie sie mit einem gesunden Lebenswandel gezielt gegensteuern können. Ist womöglich die Herzgesundheit in Gefahr, sollten Patienten krankhaftes Übergewicht vermeiden, aufs Rauchen verzichten und das Herz-Kreislauf-System belastende Krankheiten wie Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Diabetes konsequent behandeln lassen. So wichtig das Gefahrenbewusstsein auch ist, Panik ist nicht angebracht: Spätfolgen können, müssen aber nicht auftreten. »Fest steht, dass es bei vielen Patienten keine dauerhaft bleibenden Schäden gibt«, beruhigt Schulze-Bergkamen. /

 

Literatur bei der Verfasserin

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