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Schönheitsideal

Die Taille einer Fünfjährigen

14.05.2014
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Von Ulrike Abel-Wanek, Frankfurt am Main / Den meisten Menschen ist ihr Aussehen wichtig, und zwar in deutlich stärkerem Ausmaß als noch vor 20 Jahren. Die gleichermaßen kultur- wie naturgeschichtlich konzipierte Ausstellung »Bin ich schön?« im Frankfurter Museum für Kommunikation hält dem Besucher in Zeiten von Model-Castings und Schlankheitswahn den Spiegel vor.

»Dieser Inhalt ist für Kinder und Jugendliche unter 12 Jahren nicht geeignet.« Eine Klappe mit dieser Aufschrift verbirgt, was 2011 mindestens 117 000 Mal in Deutschland durchgeführt wurde: sogenannte ästhetische Operationen im Namen der Schönheit. Hinter der Klappe laufen Filme mit Life-Mitschnitten einer Fettabsaugung und einer Lid-Straffung – zwei besonders beliebte kosmetische Eingriffe für den weitverbreiteten Traum vom perfekt geformten Körper. Menschen managen heute nicht nur ihr Leben, sie managen auch ihr Äußeres. Von Fitness-Quälereien über Anti-Aging bis zur Chirurgie: Körperliche Attraktivität gilt als Garant für ein erfolgreiches Leben.

Der Wunsch zu gefallen, ist uralt. Neu ist, dass der Schönheitskult heute »alle Merkmale einer technologisch und massenmedial gestützten Hochkonjunktur erreicht hat«, schreibt die Soziologin Waltraud Posch in ihrem Buch »Projekt Körper«. Überall springen uns überirdisch schöne Menschen ins Auge – in der Werbung, in TV und Internet. Am Computer werden die ohnehin schon perfekten Wesen dann noch weiter optimiert. Ein Click, und die Augenbrauen sitzen noch etwas höher, der Hals wird noch schlanker. Fatalerweise nimmt das Gehirn diese geschönten Bilder zum Maßstab für seine Vorstellung von Attraktivität, nicht die realen Menschen seiner Umgebung.

 

Die erstklassig konzipierte Ausstellung benennt und hinterfragt die medial konstruierten Schönheitsideale ebenso wie die modernen Digitaltechniken und wirft einen Blick auf die Schattenseiten des Schönheitskults. Welchem nahezu unerreichbaren Schlankheitsideal viele Mädchen und junge Frauen mittels Diäten und Hungerkuren nachjagen, zeigt eine lebensgroße Topmodel-Schablone: groß wie ein Mann, leicht wie ein Schulmädchen, die Taille einer Fünf- und die Hüfte einer Dreizehnjährigen. Die Silhouette entspricht ungefähr den Maßen des brasilianischen Models Gisele Bündchen: 1,80 Meter groß, ein Brust-, Taillen- und Hüftumfang von 91-60-89 Zentimetern und ein Gewicht unter 60 Kilogramm. Mit Kleidergröße 42 dürfte Marilyn Monroe als Model heutzutage wohl bestenfalls Übergrößen vorführen. Dabei ist die krank machende Zurichtung des zumeist weiblichen Körpers nichts Neues. Für den schönen Schein waren im 19. Jahrhundert die Korsagen so eng geschnürt, dass sie die inneren Organe ihrer Trägerin deformierten. Ein Mann sollte die Taille einer Frau mit den Händen umfassen können.

Ausstellung

Bin ich schön?
Museum für Kommunikation,
Schaumainkai 53, 60596 Frankfurt am Main, bis 31. August 2014

 

www.museumsstiftung.de

Gute Geschäfte

 

Im Kampf um die Schönheit verteilen Frauen – und immer mehr Männer – täglich unzählige Produkte auf Haut und Haar. Mehr als zwölf Milliarden Euro werden in Deutschland jährlich für Schönheitsmittelchen ausgegeben. 2012 brachte ein Kosmetikkonzern die teuerste Gesichtscreme aller Zeiten auf den Markt. Die Sonderedition »La Creme« kostete fast fünfmal so viel wie Gold: 211 Euro pro Gramm.

 

Schönheitsideale haben sich im Laufe der Epochen wiederholt gewandelt und sind Ausdruck von unterschiedlichen Kulturen und verändertem Zeitgeist. Eine Vorliebe bei der Partnerwahl ist beim Mensch und auch bei einigen Tieren jedoch geblieben: Die Vorliebe für Symmetrie und Ebenmaß von Gesicht beziehungsweise Körper sind die ewigen Hits in der Biologie.

 

Neben etlichen Aspekten der ästhetischen Anziehungskraft zwischen Mann und Frau gibt die Ausstellung auch Einblicke in die tierische Seite der Schönheit, vom farbenfrohen Antlitz des Mandrills bis zum donnernden Brunftschrei des Hirschs. Auch von Mensch zu Mensch trägt die Stimme dazu bei, Eindruck beim anderen Geschlecht zu hinterlassen. Und so kann man an allerlei Installationen auch mal andere Töne anschlagen, die eigene Stimme verändern oder einfach nur zuhören und fantasieren, welches Gesicht sich hinter der sympathischen Stimme verbirgt, die aus den Lautsprechern der Multimedia-Lounge zu einem spricht. /

Glosse

Die etwas andere Diät

Als Mensch hatte man in der Steinzeit nicht viel zu lachen. Ständig musste man seine kuschelige Höhle verlassen und sich draußen auf die Suche nach Fleisch oder etwas anderem Essbaren machen, weil die Mammuts einfach nicht so lange vorhielten wie die dummerweise schon ausgestorbenen Dinosaurier. Hatte man Pech, verschnabulierte einen bei einer solchen Expedition ein Säbelzahntiger, oder der Nachbar haute einem mit seiner Keule eins auf die Rübe und schleifte das frisch erlegte Mammut in die eigene Höhle.

 

Wie man sieht, war der Alltag des Steinzeitmenschen geprägt von allerlei Unbill und Widrigkeiten. Ein Problem, das ihm hingegen gänzlich unbekannt war, ist Übergewicht. So ganz genau weiß man das zwar eigentlich nicht, aber hat man je eine Höhlenzeichnung von einem dicken Mammutjäger gesehen? Eben. Vermutlich war es diese Erkenntnis, die den Amerikaner Loren Cordain dazu brachte, die Steinzeit- oder auch Paleo-Diät zu entwickeln. Paleo ist der neueste Trend in der Diät-Szene und lockt mit Leckereien wie Bison Roast und Leberburger, die sicherlich auch schon bei McFlintstone Topseller gewesen wären. Herr Cordain, nach eigenem Bekunden die weltweit führende Koryphäe auf dem Gebiet der evolu­tionären Kost, lässt sich bei seinen Rezeptideen von der Überlegung leiten, dass die optimale Ernährungsweise ja wohl die sein muss, die der Genetik des Menschen entspricht. Und die ist, wie jedermann weiß, seit den Tagen der Höhlenmenschen weitgehend gleich geblieben.

 

Es ist allerdings zu hoffen, dass Herrn Cordains Back-to-the-roots-Ansatz nicht auf andere Bereiche des täg­lichen Lebens übergreift. So könnte, wer seine Steinzeit-Diät durch eine passende Kleiderwahl unterstützt, mit Lendenschurz und Bärenfellumhang im Büro unangenehm auffallen. Auch würden Keulen in den Händen gestresst im Stau stehender Autofahrer manch einer Situation im Straßenverkehr eine unschöne Brisanz verleihen. Bei allem Enthusiasmus für die ursprüngliche Lebensweise muss selbstverständlich immer gelten: Die Keule gehört auf den Teller und nicht auf den Kopf des Widersachers.

 

Annette Mende

Redakteurin Pharmazie

Buchtipp

Waltraud Posch. Projekt Körper. Wie der Kult um die Schönheit unser Leben prägt. 261 Seiten, broschiert . Campus-Verlag, Frankfurt 2009. ISBN 978-3593389127, EUR 24,90

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