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Beratung

Junge Mütter als Kundinnen gewinnen

13.05.2008  17:49 Uhr

Beratung

Junge Mütter als Kundinnen gewinnen

Von Annette Immel-Sehr

 

Mehr denn je brauchen Apotheken heute ein individuelles Profil, um sich von der Konkurrenz abzuheben. Da kann es interessant sein, sich mit einer hochqualifizierten Beratung rund um Schwangerschaft, Geburt und Säuglingsnahrung zu profilieren.

 

Welcher Beratungsschwerpunkt für eine Apotheke besonders geeignet ist, hängt vom eigenen Interesse und von äußeren Faktoren ab, zum Beispiel von den Fachgebieten der benachbarten Ärzte. Für Apotheken in der Nähe einer Kinderarzt- und Frauenarztpraxis, aber auch in einem Einzugsgebiet mit vielen jungen Familien kann es attraktiv sein, einen Schwerpunkt in der  Beratung von Schwangeren und Stillenden zu setzen. Der Beratungsbedarf dieser Zielgruppe ist groß, denn vor allem beim ersten Kind haben werdende Mütter viele Fragen zu den Vorgängen in ihrem Körper und später auch im Umgang mit dem Neugeborenen. Dazu kommt ein sehr widersprüchliches Informationsangebot im Internet und in Firmenbroschüren.

 

Apothekerin Karin Muß kennt die Fragen und Nöte der Mütter. Als ausgebildete Still- und Laktationsberaterin (IBCLC, International Board Certified Lactation Consultant) leitet sie seit Jahren Mutter-Kind-Gruppen. »Ich habe immer wieder gehört, dass sich die Mütter eine intensivere Beratung in der Apotheke wünschen. Deswegen habe ich angefangen, Fortbildungsseminare für Apotheker und PTAs zu geben.«

 

Daraus entstand die Idee der »babyfreundlichen Apotheke«. Gemeint sind damit Apotheken, die sich in besonderer Weise den Fragen rund um Schwangerschaft, Stillen und Säuglingspflege annehmen. »Das Gebiet ist so umfangreich, dass man viel Fachwissen und ein durchdachtes Konzept braucht, wenn man es zu einem Schwerpunkt der Apotheken-Dienstleistungen machen will«, sagt Karin Muß. Zusammen mit Kollegen entwickelte sie ein solches Konzept und gründete im vergangenen Jahr den »Verein Babyfreundliche Apotheke« mit Sitz in München.

 

Ziel des Vereins ist es, Schwangeren, Stillenden und Eltern mit Babys ein ganzheitliches Beratungskonzept zu bieten und das Stillen zu fördern. Es geht darum, über die Vorteile und die Praxis des Stillens zu informieren und zum Einsatz von Stillhilfsmitteln zu beraten. Dazu kommen Fragen rund um den Arzneimittelgebrauch in Schwangerschaft und Stillzeit sowie beim Säugling. Weitere Beratungsthemen sind die Ernährung der Mutter, künstliche Säuglingsnahrung und Einführung der Beikost. Idealerweise arbeiten die Apotheken in einem Netzwerk mit Hebammen, Stillberatern, Ärzten und weiteren Experten zusammen.

 

Anspruchsvolle Qualifizierung

 

Mitgliedsapotheken, die das Label »Babyfreundliche Apotheke« führen wollen, müssen eine Qualifizierungsprozess auf der Basis eines Qualitätsmanagementsystem-Handbuchs durchlaufen. Checklisten darin helfen, das Angebot der Apotheke hinsichtlich Sortiment, vorhandener Fachliteratur, Fortbildung, Kooperationen und Öffentlichkeitsarbeit zu prüfen und zu verbessern. Damit das Apothekenteam die Beratungsstandards in die Praxis umsetzen kann, ist eine wenigstens 24-stündige Fortbildung obligatorisch. Dabei ist es nicht unbedingt erforderlich, das gesamte Handverkaufs-Team zu schulen. Allerdings müssen mindestens zwei Mitarbeiter, die in den Hauptöffnungszeiten arbeiten, die Schulung durchlaufen.

 

Die Seminare nach einem festgelegten Curriculum haben den Anspruch, sehr praxisnah und zugleich auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft zu sein. In nächster Zeit bieten die Bayerische Landesapothekerkammer, der Bundesverband Pharmazeutisch-technischer Assistenten (BVpta) und der Apothekerverband Niedersachsen das Seminar in Kooperation mit dem Verein Babyfreundliche Apotheke an. Darüber hinaus ist die Schulung auch als In-House-Veranstaltung in der Apotheke möglich.

 

Die theoretische Schulung wird durch ein achtstündiges Praktikum ergänzt, zum Beispiel auf einer Wochenbettstation, in einer Stillgruppe oder als Begleitung einer Hebamme bei Hausbesuchen. Hier können bereits Kontakte für ein künftiges Netzwerk geknüpft werden.

 

Nach entsprechender Antragstellung überprüft eine Gutachterin die Umsetzung des QMS-Handbuchs und die fachliche Kompetenz der zuständigen Mitarbeiter. Ergibt das Gutachten, dass die Vorgaben erfüllt sind, wird die Anerkennung als »Babyfreundlich« ausgesprochen und die Apotheke mit dem Qualitätssiegel ausgezeichnet. Dieses ist drei Jahre gültig, danach ist ein Nachgutachten erforderlich. Dabei müssen die zuständigen Mitarbeiter erneut ihre Kompetenz unter Beweis stellen. »Wir sind anspruchsvoll, um einen hohen Qualitätsstandard zu erreichen. Das gilt auch für die Rezertifizierung«, sagt Karin Muß. Aktuell sind fünf Apotheken zertifiziert, 22 weitere befinden sich im Qualifizierungsprozess. »Ohne eine ordentliche Portion Enthusiasmus geht es nicht, aber es macht Spaß und schafft viel Berufszufriedenheit«.

 

Die Petersbogen-Apotheke in Leipzig gehört zu den ersten Apotheken, die als »babyfreundlich« zertifiziert wurden. »Das Thema Baby als ein Beratungsschwerpunkt der Apotheke hat sich bei der Gründung der Apotheke im Sommer 2004 fast von selbst ergeben«, berichtet Apothekenleiterin Birgit Schade. »Wir waren ein junges Team und auch unsere Kunden waren auffallend jung. Da meine beiden Kinder zu diesem Zeitpunkt selbst noch sehr klein waren, war ich schon im Thema drin.« Heute sind fünf Mitarbeiterinnen gemäß QMS-Handbuch qualifiziert, und die Angebote rund um Schwangerschaft und Baby geben der Apotheke ein individuelles Profil. »Wir sind Teil des Netzwerks Stillforum hier in Leipzig und bieten regelmäßig verschiedene Kurse für Mütter und Väter in der Apotheke an. Meine Mitarbeiterinnen sind mit viel Engagement dabei.«

 

Mitgliedsapotheken des Vereins Babyfreundliche Apotheke erhalten praktische Unterstützung in der Kundenberatung in Form von Broschüren und Handzetteln. Der Verein gibt auch Empfehlungen hinsichtlich eines abgestimmten Produktsortiments. »In den Schulungen stellen wir viele Produkte vor und erläutern die Vor- und Nachteile. Aber wir machen keinerlei Vorgaben, welches Produkte der Apotheker in das Sortiment nehmen muss. Jeder soll dies selbst entscheiden. Es ist schließlich wichtig, die Produkte zu führen, die die Hebammen empfehlen, mit denen man zusammenarbeitet«, so Karin Muß. Einige Hersteller gewähren den Mitgliedsapotheken günstige Einkaufskonditionen.

 

Bald bundesweit babyfreundlich?

 

Der Verein hat Pläne für die Zukunft. »Wir stehen erst am Anfang. Wenn genügend Apotheken zertifiziert sind, wollen wir den Begriff »Babyfreundliche Apotheke« bundesweit zum Beispiel durch Zusammenarbeit mit großen Elternzeitschriften als Qualitätsmerkmal bekannt machen.«

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