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Antidepressiva

Mehr Verordnungen, sinkende Umsätze

06.05.2015
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Von Thomas Glöckner / Das Geschäft mit Pillen gegen die Schwermut hat sich zu einem Milliardenmarkt entwickelt. Generika und Schlagzeilen über tatsächliche oder angebliche Neben­wirkungen bringen aber die Erträge forschender Hersteller unter Druck. Und viele Erkrankte werden unzulänglich behandelt.

John Lechleiter kam gleich zur Sache. »Wir hatten zu wenig Umsatz und Gewinn«, schrieb der Chef des US-Pharmakonzerns Eli Lilly, als er über den Geschäftsverlauf im Jahr 2014 berichtete. Der Chemiker, der seit 36 Jahren für das Unternehmen aus Indianapolis arbeitet und seit sieben Jahren an dessen Spitze steht, musste den Aktionären einen Umsatzknick um 15 Prozent auf 19,6 Milliarden Dollar beichten. Für die Anteilseigner besonders unangenehm: Der Gewinn brach um fast 50 Prozent auf nur noch 2,4 Milliarden Dollar ein.

Lechleiter lieferte auch prompt die Analyse für das desaströse Zahlenwerk. Das Unternehmen sei 2014 in jene »Talsohle« geschlittert, die sich wegen auslaufender Patente für bislang geschützte Arzneimittel auftat. Neben der Konkurrenz für das Osteoporosemittel Evista® (Raloxifen) traf es im »härtesten Jahr« (Lechleiter) der Unternehmensgeschichte vor allem Cymbalta® (Duloxetin), ein Medikament zur Behandlung von Depressionen und Angststörungen. Der Umsatz des einstigen Bestsellers, der noch 2013 mehr als 5 Milliarden Dollar in die Kassen gespült hatte, brach 2014 auf 1,6 Milliarden Dollar ein – ein Minus von fast 70 Prozent.

 

Großer Bedarf

 

Das Beispiel Eli Lilly zeigt schlaglichtartig, wie riesig das Geschäft mit Medikamenten gegen Depressionen ist – und wie groß der Bedarf an wirksamen Mitteln gegen diese Volkskrankheit. Auf rund 16 Milliarden Euro schätzt das Marktforschungsinstitut IMS Health den weltweiten Markt für Antidepressiva, 3,7 Milliarden Euro entfallen auf Europa. An potenziellen Kunden herrscht kein Mangel. Laut Statistik der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leben weltweit 350 Millionen Menschen mit Depressionen – mehr als viermal so viele, wie Deutschland Einwohner hat.

 

Die Kosten, die Depressionen und Angstzustände in der EU verursachen, schätzt die WHO auf jährlich rund 170 Milliarden Euro. Laut aktuellem Arzneimittelatlas hat der Verbrauch von Psychoanaleptika in Deutschland seit 1999 um mehr als 84 Prozent zugenommen. Im Schnitt bekommt jeder Versicherte der GKV im Jahr 21,6 Tagesdosen (DDD) verordnet. Freilich: »Nur eine Minderheit der großen Zahl depressiv Erkrankter erhält eine optimale Behandlung«, beklagt die Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

 

Tri- und tetrazyklische Antidepressiva sind wegen gravierender un­erwünschter Arzneimittelwirkungen heute nur noch selten die erste Wahl. Neben auftretender Mundtrockenheit sowie Seh- und Herzrhythmusstörungen stört Mediziner die fehlende Sicherheit in Fällen akuter Suizidgefahr. »Bei älteren Patienten reicht eine Wochenration, um sich umzubringen«, gibt Ulrich Hegerl, Psychiater in Leipzig und Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, zu bedenken.

 

Diese Probleme haben modernere Medikamente wie Serotonin- oder Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer nicht. »Auf der relativ großen Palette der Antidepressiva findet sich fast immer ein wirksames Medikament, das der Patient auch verträgt«, bestätigt Hegerl.

 

Wirksame Placebos

 

Bei leichten Depressionen sind zwar laut der Nationalen Leitlinie zur unipolaren Depression, die derzeit überarbeitet wird, Placebos genauso wirksam wie Antidepressiva (lesen Sie dazu auch PZ 3/2015, Seite 18). Bei mittelschweren und schweren Depressionen aber profitieren bis zu 30 Prozent der behandelten Patienten über die Placebo-Rate hinaus von Antidepressiva. »Im Verlauf von zwei bis drei Wochen kommt es zu einer Umprogrammierung im Gehirn«, so Walter Müller, emeritierter Professor der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

 

Tatsächlich aber wird laut WHO jede zweite schwere Depression überhaupt nicht behandelt. Wegen Gefühlen von Scham und persönlicher Unzulänglichkeit, so ihr Befund, suchen viele Betroffene keine Hilfe. Entgegen wissenschaftlicher Befunde »glauben auch 80 Prozent der Bevölkerung, dass Antidepressiva süchtig machen. 40 bis 50 Prozent haben Angst, dass sich durch die Einnahme von Antidepressiva die Persönlichkeit verändert«, so Hegerl.

 

Die Heimtücke psychischer Erkrankung offenbart sich der breiten Öffentlichkeit oft nur durch tragische Fälle prominenter Zeitgenossen oder grauenhafte Unfälle. So warf sich Fußball-Nationaltorwart Robert Encke – obwohl wegen Depressionen in psychiatrischer Behandlung – 2009 vor einen Zug. Und in der Wohnung des Germanwings-Copiloten, der Ende März einen Airbus offenbar gezielt in den französischen Alpen abstürzen ließ, fanden Ermittler Antidepressiva und weitere Hinweise auf eine psychische Erkrankung des Piloten.

In den Forschungslabors der großen Pharmakonzerne wäre also viel zu tun. »Es gab aber lange keinen Durchbruch mit einem Medikament, das eine massiv erhöhte Wirksamkeit hätte«, bemängelt Hegerl. Gigant Pfizer sieht sich im Geschäft mit Psychopharmaka unter Druck. Effexor® (Venlafaxin) und Zoloft® (Sertralin) verloren 2014 Marktanteile. Mit Effexor, einem über den Zukauf des einstigen Konkurrenten Wyeth bei Pfizer gelandetem Antidepressivum, kamen nur noch 344 Millionen Dollar (minus 22 Prozent) in die Konzernkasse, durch Zoloft-Verkäufe 423 Millionen Dollar (minus 10 Prozent).

 

Der SSRI Sertralin war vor Jahren in die Schlagzeilen geraten, weil er Suizidgedanken hervorrufen kann. In der aktuellen Gebrauchsinformation weist Hersteller Pfizer darauf hin, dass nach der Markteinführung des Wirkstoffes Sertralin ungewöhnliche furchterregende Träume sowie suizidales Verhalten beobachtet wurden.

 

Noch hat der Konzern aus New York freilich ein Präparat, das sich gut am Markt behauptet. Mit Desvenlafaxin (Pristiq®), dem aktiven Metaboliten des Venlafaxins, verdiente Pfizer 2014 immerhin 737 Millionen Dollar – 6 Prozent mehr als im Vorjahr. Künftig will sich Pfizer aber stärker auf Krebs-, Alzheimer-, Diabetes- und Schmerzmittel konzentrieren. »Im Bereich der Antidepressiva forschen wir derzeit nicht«, berichtet ein Unternehmenssprecher auf Anfrage.

 

Auch der britische Konkurrent Glaxo-Smith-Kline (GSK) »forscht momentan nicht im Antidepressiva-Bereich«, bestätigt eine Konzernsprecherin. Der Konzern musste 2014 sowohl beim Umsatz (umgerechnet 29,4 Milliarden Euro, minus 13,2 Prozent) als auch beim fast halbierten Gewinn (umgerechnet 4,9 Milliarden Euro) Federn lassen.

 

In Deutschland ist GSK mit den Antidepressiva Seroxat® (Paroxetin) und Elontril® (Bupropion) auf dem Markt. Das weltweite Geschäft mit Paroxetin, das im Ausland auch als Paxil® vermarktet wird, knickte 2014 um fast ein Fünftel auf umgerechnet 268 Millionen Euro ein. Paroxetin kam unter Druck, nachdem GSK 2012 rund 3 Milliarden Dollar Strafe zahlen musste. So hatte die US-Justiz GSK unter anderem vorgeworfen, das Antidepressivum für den Einsatz bei Kindern und Jugendlichen empfohlen zu haben, obwohl es dafür von der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA gar nicht zugelassen war. Bupropion war im Sommer 2014 der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker unangenehm aufgefallen, da es schwerwiegende Nebenwirkungen auf das Blut- und Lymphsystem hervorrufen kann.

 

Hoffnungsträger

 

Nicht gerade rund läuft auch das Geschäft beim dänischen Hersteller Lundbeck. Die Skandinavier verbuchten 2014 einen Umsatzrückgang um fünf Prozent auf umgerechnet 1,8 Milliarden Euro. Ähnlich wie bei Eli Lilly schlugen auch bei den Dänen Patentabläufe ins Kontor. Das betraf mit Cipralex® (Escitalopram) ein Antidepressivum aus der SSRI-Gruppe.

 

Aktueller Hoffnungsträger ist mit Brintellix® (Vortioxetin) ein Medikament, das vor allem die bei Depressionen auftretenden Konzentrations-, Aufmerksamkeits- und Gedächtnisprobleme beheben soll. In der Spitze soll Brintellix® bis zu 1,3 Milliarden Euro einspielen. /

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