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Chronische Schmerzen

Psychotherapie statt Medikamente

07.05.2014
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Von Christina Hohmann-Jeddi, Berlin / Bei chronischen Schmerzen spielt die Psyche eine große Rolle. Um Betroffene effektiv behandeln zu können, müssen die zugrunde liegenden Mechanismen und Schemata aus der Kindheit identifiziert und durch Psychotherapie korrigiert werden. Der Dauergebrauch von Schmerzmitteln ist häufig kontraproduktiv.

Von zehn Patienten, die unter chronischen Schmerzen leiden, erhält nur etwa einer eine organische Diagnose, berichtete Professor Dr. Ulrich Egle auf dem Deutschen Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Berlin. »Alle anderen haben was anderes«, so der Leiter der Psychosomatischen Klinik Kinzigtal in Gengenbach.

So können zum Beispiel Traumata zu Schmerzen führen, wie Untersuchungen mit Vergewaltigungsopfern zeigen. Sechs Wochen nach der Tat hatte einer Studie zufolge ein Drittel der Opfer Kopfschmerzen entwickelt, ein Drittel Rückenschmerzen, ein Viertel klagte über Nacken- und ein Viertel über Bauchschmerzen. Aber auch negative frühkindliche Bindungserfahrungen oder Misshandlungen können im Erwachsenenalter zu chronischen Schmerzen führen. Wenn hier nur der Schmerz behandelt wird, kommt man an die eigentliche Ursache nicht heran. Psychotherapie ist daher Mittel der Wahl.

 

Zudem stiftet der dauerhafte Gebrauch von Analgetika in den meisten Fällen mehr Schaden als Nutzen. »Jedes Jahr sterben etwa 2000 Menschen in Deutschland durch freiverkäufliche Schmerzmittel«, sagte Egle. Das werde zu selten thematisiert. Als dramatisch empfand der Mediziner die Entwicklung bei Opiaten: In den vergangenen zehn Jahren habe die Opioidverordnung bei Nicht-Tumorschmerz um 500 Prozent zugenommen. Dabei gebe es für die Anwendung von Opiaten für länger als drei Monate keine Indikation. »Das ist off label«, sagte Egle. Zudem können die Substanzen die Problematik bei Patienten mit chronischen Schmerzen zusätzlich verstärken, denn sie können über die sogenannte Opiat-induzierte Hyperalgesie weitere Schmerzen in anderen Körperarealen auslösen. Auch eine Pseudodepression durch Opiate sei häufig und ein dringender Grund für einen Entzug, machte Egle deutlich. Dieser verbessere nicht nur die psychische Verfassung und die Schlafqualität, sondern reduziere auch die Schmerzstärke der Patienten.

 

Differenzierte Diagnose

 

Wichtig für den Erfolg einer psychotherapeutischen Behandlung sei vor allem eine differenzierte Diagnose. Unter dem Dachbegriff chronisches Schmerzsyndrom werden verschiedene Untergruppen zusammengefasst. Ein Teil der Patienten hat körperliche Befunde wie Nervenschmerzen und kann dabei psychische Komorbiditäten aufweisen oder auch nicht. Beim Großteil der Patienten liegt allerdings eine Somatisierung vor, was bedeutet, dass der Schmerz ausschließlich im Gehirn entsteht.

Diese Gruppe kann wiederum aufgrund der zugrunde liegenden Mechanismen weiter unterteilt werden: Neben den genannten Traumata können auch Angsterkrankungen wie soziale Phobie hinter der Schmerzstörung stecken. Bei den Betroffenen verspannt sich aufgrund der Angst die Muskulatur so stark, dass sie dauerhaft unter Rücken- oder Kopfschmerzen leiden. Ein weiterer Teil der Patienten weist eine sogenannte anankastische Persönlichkeit auf (zwanghafter Perfektionismus). Diese Patienten setzen sich selbst so unter Druck, dass ebenfalls über Muskelverspannungen Schmerzen entstehen können. Zudem können frühe Gewalterfahrungen in der Kindheit, Ausgrenzungserfahrungen und zu frühe Übernahme von Verantwortung (Parentifizierung) zu chronischen Schmerzen führen.

 

Ohne die Bildung von Untergruppen sei die Psychotherapie nicht wirksam, betonte Egle. Eine Therapie für alle gebe es nicht. Man müsse bestimmte früh geprägte Schemata erkennen und die Therapie darauf ausrichten. Wichtig in diesem Zusammenhang sind die vier psychischen Grundbedürfnisse nach Orientierung und Kontrolle, nach Bindung, nach Selbstwertschutz und nach Lustgewinn. Wird die Befriedigung dieser Grundbedürfnisse in der Kindheit gestört, entstehen ungesunde Beziehungsmuster. Personen, die mit einem suchtkranken Elternteil aufwachsen, können zum Beispiel das Bedürfnis nach Kontrolle nicht ausreichend befriedigen und werden in der Zukunft unter allen Umständen vermeiden, ausgeliefert zu sein, und daher alles im Voraus planen. Personen die in der Kindheit wenig Lob und Anerkennung erhalten haben, wollen vermeiden, nicht beachtet zu werden, und neigen zur Selbstaufopferung für andere. Dies sind laut Egle neben anderen typische Muster für chronische Schmerzen, die in der Therapie beseitigt werden müssten.

 

Individuelle Therapie

 

Ausgangspunkt der Therapie von Schmerzstörungen in seiner Klinik ist eine Aufklärung über die Erkrankung, eine sogenannte Schmerzedukation, sowie ein Schmerzmittelentzug falls notwendig. Darauf baut eine auf den Patienten angepasste Psychotherapie in Einzel- oder in Gruppensitzungen auf. So erhalten beispielsweise Traumaopfer eine traumaspezifische Einzeltherapie und gegebenenfalls selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. Patienten mit zugrunde liegender Angsterkrankung durchlaufen neben der Psychotherapie auch ein Angstbewältigungstraining.

 

Zusätzlich angewandt werden können Entspannungsverfahren wie Qi Gong, progressive Muskelentspannung nach Jacobson oder Biofeedback. Letzteres sei die ideale Methode bei Schmerzstörungen, sagte Egle. Bei diesem computergestützten Verfahren wird über Elektroden auf der Haut das Ausmaß der Verspannung gemessen und an den Patienten zurückgemeldet. Dies dient der Bewusstseinsschärfung für innere Zustände, mit deren Hilfe Entspannung trainiert werden kann. Ein wichtiger Baustein in der Behandlung sei außerdem die Sporttherapie. Die Patienten sollten sich viel bewegen: Endorphinausschüttung sei hier das Stichwort, so Egle. Ergänzend könnten Musiktherapie, therapeutisches Boxen oder ein Achtsamkeitstraining angewendet werden.

 

Mit dieser differenzierten Therapie hat Egle gute Erfahrungen gemacht. »Die Hälfte der Patienten verlässt die Klinik nach sechs Wochen schmerzfrei«, berichtete der Arzt. 80 Prozent der Patienten gaben in einer Befragung an, dass sich die Symptomatik stark verbessert habe. /

 

Von Christina Hohmann-Jeddi / Die Firma Abbott hat ein Software-Update für ihre implantierbaren Herzschrittmacher entwickelt, das Sicherheitslücken schließen und Schaden der Patienten durch unbefugte Zugriffe auf die Geräte ausschließen soll. Betroffen sind die Modelle Accent™/ Anthem™, Accent MRI™/ Accent ST™ und Assurity™/ Allure™.

 

Das teilt das Unternehmen mit und fordert Patienten mit diesen Herzschritt­macher-Typen auf, mit ihren Ärzten zu besprechen, ob ein Update nötig ist. Ein Austausch der Geräte sei nicht erforderlich. Für das Update selbst ist keine Entnahme des Geräts nötig, die Software kann von außen übertragen werden.

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