Pharmazeutische Zeitung online
Münster

Eine Stadt bekämpft den Schmerz

07.05.2013
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Von Maria Pues / Bestehende Strukturen zu optimieren und zu ergänzen, um die Versorgung von Schmerzpatienten zu verbessern, dazu gibt es seit 2010 ein Modellprojekt in Münster. Ein Rück- und Ausblick.

Patienten mit Schmerzen besser versorgt zu wissen, das ist, kurz gefasst, das Ziel des Aktionsbündnisses Schmerzfreie Stadt Münster. Der Startschuss des auf mehrere Jahre angelegten Projekts fiel im Jahr 2010. Wer einen Blick auf das Schema des ursprünglichen Projektaufbaus wirft, konnte schnell zu dem Ergebnis gelangen: Apotheken kommen da überhaupt nicht vor – und das, obwohl Patienten ja oft zunächst genau dort um Rat fragen.

So ganz stimme das nicht, wendete Professor Dr. Jürgen Osterbrink, Projektleiter und Vorstand des Instituts für Pflegewissenschaft und -praxis an der Paracelsus Medizinischen Privat­universität Salzburg, im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung ein. Die Krankenhausapotheken waren von Anfang an Teil des Projekts, und öffentliche Apotheken rücken nun stärker in den Fokus. Beides hat seinen Grund in Konzeption und Ablauf des Projekts.

 

Die Wissenschaftler haben sich dabei auf bestimmte Patientengruppen und die Einrichtungen, in denen diese zumeist betreut werden, konzentriert: Patienten in Krankenhäusern nach geplanten Eingriffen, Patienten mit Tumorerkrankungen, die durch ambulante Dienste und in Hospizen versorgt werden, Bewohner in Altenheimen mit akuten und chronischen Schmerzen sowie Patienten mit chronischen Rückenschmerzen, deren Behandlung in Schmerzpraxen erfolgt. Dabei unterzogen sie die jeweiligen Einrichtungen zunächst einer Ist-Analyse; in einer zweiten Phase wurden gemeinsam mit den Einrichtungen Optimierungsmaßnahmen entwickelt und umgesetzt.

 

Das Ziel besteht jeweils darin, die Arbeit der einzelnen Berufsgruppen, die mit der Betreuung von Schmerzpatienten betraut sind, besser zu vernetzen. Veränderungen wurden anhand von Fragebögen und strukturierten Interviews evaluiert. Die Durchführung des gesamten Projekts geschieht, angefangen bei den Krankenhäusern, zeitversetzt. Die ersten drei Bereiche – Krankenhäuser, Altenheime, Pflegedienste – sind inzwischen abgeschlossen.

 

Bei der Umsetzung des medikamentösen Schmerzmanagements in den Krankenhäusern seien die Krankenhausapotheker selbstverständlich involviert gewesen, berichtete Osterbrink. In diesem Bereich habe man bei Patienten, die sich einer geplanten Operation unterzogen haben, durch eine leitlinienkonforme Behandlung die Schmerzsituation der Patienten verbessern können. Zugleich seien un­erwünschte Arzneimittelwirkungen seltener aufgetreten. Auch die Kosten für die Bedarfsmedikation konnten gesenkt werden: Diese verringerten sich von 3,74 Euro auf 0,75 Euro. Alle sechs Münsteraner Krankenhäuser seien nun für die »Qualifizierte Schmerztherapie« nach Certkom zertifiziert, berichtete Osterbrink.

 

Gemeinsame Fortbildungen für Heilberufler

 

In der ambulanten Versorgung von Schmerzpatienten und im Bereich Altenheimversorgung würden Apotheken zukünftig stärker in die Projektstruktur integriert werden, erläuterte Osterbrink weiter. Man müsse Schmerzversorgung neu denken, sagte er und betonte: »Apotheken gehören unabdingbar mit dazu.« Um eine gemeinsame Versorgung von Schmerzpatienten durch Apotheker und Allgemeinmediziner auf Augenhöhe zu stärken, plane man derzeit gemeinsame Fortbildungen. Als Beispiel möglichen stärkeren Engagements nannte Osterbrink außerdem einen regelhaften Medikamenten-Check für ältere Menschen, die in ein Altenheim einziehen. Dabei überlegen Ärzte und Apotheker gemeinsam, wie sich die weitere medikamentöse Therapie gestalten könnte.

 

Wichtig sei ein enger Schulterschluss der betreuenden Berufe, sagte Osterbrink. Was auf lokaler Ebene zwischen Hausärzten und Apothekern häufig gut funktioniert, gestaltet sich, wenn es auf einer breiteren Basis organisiert werden soll, nicht selten kompliziert. Neben der Verbandssicht müsse die Versorgungssicht stärker in den Vordergrund treten. Er zeigte sich aber optimistisch – nicht zuletzt mit Blick auf die gute Kooperation mit der Apothekerkammer Westfalen-Lippe. Ansatzpunkte für eine intensivere Zusammenarbeit gibt es ausreichend. So komme es beispielsweise bei der Versorgung von Tumorpatienten häufig zu »Versorgungsbrüchen in jeder Ebene«: bei der Weiterführung der Medikation, bei der Optimierung des Schmerzmanagements sowie bei der Versorgung am Wochenende und an Feiertagen.

 

Aber auch in der Kommunikation mit Betroffenen, beispielsweise Patienten und (pflegenden) Angehörigen, komme den Apotheken eine wichtige Rolle zu. Über mangelndes Interesse oder fehlende Neugier der Bevölkerung kann sich das Aktionsbündnis nicht beklagen. Das zeigt nicht zuletzt ein Projekt-Newsletter, der vierteljährlich in den lokalen Apotheken ausliegt. Dessen erste Auflage habe 5000 Stück betragen, erzählte Osterbrink. Inzwischen ist man bei 11 000 Stück.

 

Folgeprojekte in Planung

 

Und wie geht es in Münster weiter, wenn das Projekt abgeschlossen ist? Mit den Krankenhäusern – und anderen Sektoren – sei es wie mit den Köchen, verglich Osterbrink. Sich einen Stern zu erkochen sei einfacher, als das hohe Niveau dann auf Dauer zu halten. Dafür sorgten in Münster zukünftig regelmäßige Überprüfungen und Rezertifizierungen. Osterbrink: »Das Projekt wird so zum Programm.« Aber auch Folgeprojekte sind bereits in Planung, zum Beispiel die Entwicklung und Testung der sogenannten painApp.

 

Hierbei handelt es sich um ein Softwareprogramm, das die schmerztherapeutische Versorgung älterer Menschen in der ambulanten Versorgung unterstützen soll, indem es die beteiligten Personen miteinander vernetzt und eine gemeinsame Plattform für den Informationsaustausch liefert. Neben den Betroffenen selbst könne die painApp auch von speziell weitergebildeten Pflegekräften, den Pain Nurses, genutzt werden, um einfach und strukturiert Informationen in Echtzeit an den behandelnden Arzt zu übermitteln. Leitlinien oder Therapievorschläge könne man später ebenfalls darin integrieren. / 

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