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Biopharmazeutika

Gedämpfter Optimismus in der Branche

10.05.2011  14:10 Uhr

Von Werner Kurzlechner, Berlin / Biopharmazeutika stellen einen immer größeren Anteil am deutschen Pharmamarkt. Im vergangenen Jahr verzeichneten die Hersteller ein Umsatzwachstum von neun Prozent. Aktuell dämpfen aber Zwangsrabatte und AMNOG die Aussichten, wie der Branchenverband beklagt.

Im Rückspiegel eine sonnige Sicht, durch die Frontscheibe weithin klares Wetter mit einigen dunklen Wolken am Horizont. So sehen, bildlich betrachtet, die Bilanz für 2010 und die Prognose für 2011 der pharmazeutischen Biotechnologie in wirtschaftlicher Hinsicht aus. Vergangene Woche präsentierte der VFA bio, der die Interessen von 44 Biotechnologie-Herstellern im Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (VFA) vertritt, einen entsprechenden Branchenbericht.

Die Unternehmensberater der Boston Consulting Group durchleuchteten im Auftrag des Verbandes zum inzwischen sechsten Mal nicht nur die Lage in den Mitgliedsunternehmen, sondern in 383 im Bereich der medizinischen Biotechnologie tätigen Unternehmen. Dass diese Zahl im Vergleich zu 2009 leicht um ein Prozent angestiegen ist, ist bereits ein erstes Zeichen für ein alles in allem zufriedenstellendes Jahr 2010.

 

Mit Arzneimitteln am Markt oder in der Wirkstoffentwicklung vertreten sind allerdings nur 114 dieser Unternehmen. Die restlichen 269 unterstützen die Medikamentenentwicklung, indem sie Technologieplattformen für die Hersteller zur Verfügung stellen.

 

Gemeinsam setzten diese Firmen im vergangenen Jahr rund 6,2 Milliarden Euro um – ein Plus von neun Prozent gegenüber 2009. Mit 5,6 Milliarden Euro davon erwirtschafteten die eigentlichen Hersteller den Löwenanteil. Insgesamt beschäftigten die Unternehmen 35 460 Mitarbeiter, ein Anstieg von zwei Prozent gegenüber 2009. So weit, so rosig.

 

»Diese Daten müssen aber relativiert werden«, schränkte Dr. Frank Mathias ein. Er ist Vorstandsvorsitzender sowohl des VFA bio als auch der MediGene AG. So müssten vom genannten Gesamtumsatz 310 Millionen Euro abgezogen werden, die als (erhöhter) Herstellerrabatt in der zweiten Jahreshälfte direkt an die gesetzlichen Krankenkassen wanderten. Deshalb fällt die Prognose von Mathias für die Branchenentwicklung in diesem Jahr gedämpft optimistisch aus. Dem alles in allem günstigen Entwicklungstrend für die »rote« Biotechnologie stehe gegenüber, dass diese Aufwendungen 2011 für das ganze Jahr und auch in der privaten Krankenversicherung zu entrichten seien. Diese Mittel fehlten in den Firmen für Forschung und Entwicklung.

 

Dr. Siegfried Throm, Geschäftsführer des VFA bio, wies darüber hinaus auf die Sparprogramme in manchen Unternehmen hin. Diese seien zwar meist durch auslaufende Patente und nicht durch gesetzgeberische Maßnahmen verursacht, würden aber durch diese verschärft.

 

Getrübt sieht Mathias die Lage auch durch die Einführung der schnellen Nutzenbewertung für neue Produkte durch das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG), die die gentechnologisch forschenden Medikamentenhersteller in der Regel betreffe. Allerdings wetterte der Verbandschef nicht wirklich gegen diese Neuregelung, sondern ließ die Zuversicht durchschimmern, dass diese zusätzliche Hürde zwischen Zulassung und Erstattung von den Biotechnologiefirmen ohne größere Probleme genommen werden sollte.

 

»Unser Umsatzwachstum beruht nicht auf Preiserhöhungen, sondern allein auf steigendem medizinischen Bedarf«, stellte Mathias klar. Der Anteil der Biopharmazeutika am gesamten Pharmamarkt in der Bundesrepublik ist nach Angaben der Boston Consulting Group im vergangenen Jahr von 16 auf 17 Prozent gestiegen. In Teilsegmenten liegt er sogar deutlich höher: in der Immunologie beispielsweise bei 74 Prozent (vor allem dank biopharmazeutischer Rheumamittel), bei den Stoffwechselkrankheiten bei 35 Prozent (insbesondere Insuline für Diabetiker) und in der Onkologie bei 32 Prozent (etwa monoklonale Antikörper gegen Leukämien).

 

Im mit 22 Zulassungen insgesamt eher mauen Jahr 2010 kamen sechs neue Biopharmazeutika auf den Markt: die Wirkstoffe Ofatumumab gegen chronische lymphatische Leukämie, Denosumab gegen Osteoporose, Besilesomab zur Diagnose der Knochenentzündung, Conestat Alfa gegen erblich bedingtes Angioödem, Velaglucerase Alfa gegen Morbus Gaucher Typ 1 und Filgrastim gegen Neutropenie. Insgesamt sind mittlerweile 200 Biopharmazeutika in Deutschland zugelassen.

 

Forschungs-Pipeline ist gut gefüllt

 

In der Forschungs-Pipeline befanden sich 2010 laut Studie der Unternehmensberatung 516 Präparate – 56 mehr als 2009, davon 99 in der letzten Entwicklungsphase. Eindeutige Entwicklungsschwerpunkte sind Krebsmedikamente und Impfstoffe.

 

Thematisch legte die Boston Consulting Group dieses Jahr ein Augenmerk auf die personalisierte Medizin. Diagnostische Tests zur Unterteilung der Patienten in Responder, Non-Responder und für inakzeptable Nebenwirkungen anfällige Risikogruppen sehen die Berater als Weg zu mehr Effizienz im Gesundheitswesen.

 

»Das ist sicherlich ein wichtiger Trend«, kommentiere Mathias. Diagnostikum und Therapeutikum müssten zusammengedacht werden wie zwei Radler auf einem Tandem.

 

Aktuell sind nach Angaben der Boston Consulting Group in Deutschland 20 Medikamente nur in Verbindung mit verpflichtenden oder empfohlenen Biomarker-Tests zugelassen, besonders in der Onkologie. /

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