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Zukunftsforschung

Trends im boomenden Gesundheitsmarkt

10.05.2011
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Der Gesundheitsmarkt boomt und immer mehr Player wollen ein Stück vom Kuchen abhaben. Apotheker müssen sich auf den vermehrten Druck vorbereiten, sich positionieren und sich auf die immer anspruchsvolleren, kritischeren und informierteren Kunden der Zukunft einstellen.

Das Thema Gesundheit wird zunehmend wichtiger, berichtete Jeanette Huber vom Zukunftsinstitut auf dem DAV-Wirtschaftsforum. »Es schlägt im Internet alle anderen Themen, sogar Sex.« Dementsprechend ist Gesundheit in alle Bereiche des Lebens gedrungen, und viele Märkte werden zum Gesundheitsmarkt: Wellness, Beauty, Tourismus, Ernährung, Unterhaltung, Wohnen. Dies erhöhe den Druck auf den eigentlichen Gesundheitsmarkt, sagte Huber. Der Apotheker müsse sich rechtzeitig in diesem System positionieren.

Ein zu beobachtender Megatrend ist die demografische Entwicklung, die »Silberne Revolution«. Die Lebenserwartung steigt kontinuierlich, und im Jahr 2060 werden 35 Prozent der Deutschen 65 Jahre und älter sein. Die Alterung bringt aber auch neue Typen von Senioren hervor. Diese werden zunehmend medienkompetent: »Fast jeder vierte Onliner im Jahr 2010 war 70 Jahre und älter«, sagte Huber. Zugleich sinkt das subjektiv empfundene Alter, man fühlt sich im Schnitt 10 bis 15 Jahre jünger – ein Phänomen, das als »Downaging« bezeichnet wird.

 

Ein weiterer Megatrend ist die zunehmende Individualisierung. Traditionelle Wertsysteme werden aufgebrochen, Mobilität und Flexibilität nehmen zu, und der Einzelne kann sein Schicksal selbst in die Hand nehmen. Diese Gestaltungsfreiheit kann den Menschen auch erschöpfen: Ansprüche steigen, Erfolgszwang lastet auf dem Individuum, Schuld am Scheitern liegt nur bei einem selbst. Daraus entstehende Defizite und Sehnsüchte schaffen einen neuen Markt mit erheblichem Wachstums­potenzial, den Markt der Selbstverbesserung, erklärte Huber. Eine neue Zielgruppe seien somit die mit sich selbst unzufriedenen Menschen.

 

Die Individualität drücke sich auch auf den Markt durch, sagte die Referentin. Als Beispiel nannte sie Neuwagen, die man sich je nach Präferenz individuell zusammenstellen könnte. Dadurch veränderten sich auch die Maßstäbe für Qualität. Während früher Funktionalität und Zuverlässigkeit von Produkten die wichtigste Rolle gespielt hätten, würden diese heute als selbstverständlich vorausgesetzt, und das Kriterium der Individualisierung gewinne immer mehr an Bedeutung. »Produkte müssen Passgenauigkeit besitzen«, sagte Huber. Dies gelte im übertragenen Sinne auch für Apotheken. Diese müssten sich in Zukunft verstärkt positionieren. »Die Apotheke muss erkennbar werden.« Je nach Lage, Region und Zielgruppe müsse sie sich speziell ausrichten.

 

Weitere zu beobachtende Trends wirken sich auf das Verhältnis zwischen Patient und Apotheker aus. Ein Beispiel sei die gestiegene gesundheitliche Eigenverantwortung, die sich unter anderem in verstärktem Gesundheitsbewusstsein und dem Willen zu mehr Eigenleistungen für die Gesundheit äußern. »Diese Gesundheit in Eigenregie ist für Apotheker interessant«, sagte Huber. Immer mehr Menschen gehen bei nicht ernsten Beschwerden zuerst zum Apotheker und nicht zum Arzt. Einer Umfrage zufolge sind dies mittlerweile 67 Prozent der Bevölkerung. In Zusammenhang mit der immer einfacher werdenden, »popularisierten« Diagnostik biete dieser Trend neue Wertschöpfungsmöglichkeiten für den Apotheker im Bereich der niedrigschwelligen medizinischen Angebote.

 

Einen starken Einfluss auf die Rolle des Apothekers habe auch die Art der Informationsbeschaffung. 63 Prozent der Deutschen befragten zuerst das Netz nach medizinischen Informationen. »Das Internet hält Informationsmöglichkeiten bereit, die hatte früher nicht einmal der Arzt«, sagte Huber. Der Zugang zu Wissen wird für Laien einfacher, und dadurch schmilzt der Wissensvorsprung der Experten. Diese Mischung aus mehr Eigenverantwortung, Gesundheitsbewusstsein und Gesundheitswissen verschiebe die Machtverhältnisse. Apotheker hätten es heute mit »Powerkunden« zu tun, die eine andere Art der Kommunikation erwarten – eine Kommunikation auf Augenhöhe.

 

Dieser Trend verändere aber nicht nur die Kommunikation, sondern auch die Medizin insgesamt – von der Reparatur- zur Gesundheitsmedizin. Dadurch wandele sich auch die Rolle des Apothekers vom »Reparateur« zum »Gesundheits-Coach«, der seine Kunden auf dem Weg zu einer gesunden Lebensführung begleitet – und zwar die gesunden und die kranken.

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