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Celesio

Nur wenige wollen ins Paradies

08.05.2007
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Celesio

Nur wenige wollen ins Paradies

Von Daniel Rücker

 

Der Außendienst des Pharmagroßhändlers Gehe verkauft derzeit nicht nur Medikamente. Im Auftrag des Mutterkonzerns Celesio soll auch das Franchise-Konzept an den Apotheker und die Apothekerin gebracht werden. Doch die zeigen den Blaumännern die kalte Schulter.

 

Die Botschaft, mit der die Gehe-Mannschaft durchs Land zieht, könnte von einer Sekte erdacht sein: Die öffentliche Apotheke ist dem Tod geweiht. Der Fremdbesitz und damit der Untergang steht unmittelbar bevor. Rettung bietet allein die Gehe, für die der große Guru Oesterle die Marke DocMorris gekauft hat. Allein die DocMorris-Partnerapotheke wird den entfesselten Teufeln Schlecker und Rossmann widerstehen können. Nur wer jetzt an der richtigen Stelle unterschreibt, dem wird beizeiten das Tor zum Paradies offen stehen.

 

Keine Freude für den Außendienst

 

Doch dem Guru geht es so, wie vielen vor ihm auch. Er wird nicht erhört, ihm wird nicht geglaubt, sogar Eigennutz wird ihm unterstellt. Die meisten Apothekerinnen und Apotheker wollen nicht das, was Gehe als Paradies anpreist, tatsächlich aber der Anfang vom Ende der Individualapotheke wird. Die meisten Apotheker bleiben lieber unabhängig und nehmen ihr Schicksal in die eigenen Hände.

 

Den Gehe-Außendienst muss man derzeit nicht um seinen Job beneiden. Die meisten Apotheker wollen nicht den Namen des langjährigen Feindes DocMorris tragen, sie wollen auch nicht in ein Franchise-System, das ganz klar als Kettenvorläufer angelegt ist. Viele Apotheker sind dabei so aufgebracht über den Kauf von DocMorris, dass sie nicht immer die angemessene Höflichkeit gegenüber ihren Geschäftspartnern aufbringen möchten.

 

Was vor zwei Wochen von Analysten und Ökonomen als brillanter Schachzug gefeiert wurde, droht nun für Celesio zum Bumerang zu werden. Nach Angaben zahlreicher anderer Großhändler wechseln zurzeit nicht wenige Gehe-Kunden ihren Lieferanten. Deren Außendienst akquiriert derzeit genauso erfolgreich wie aggressiv unzufriedene Kunden der Stuttgarter.

 

Die Skepsis gegenüber dem Heilsversprechen ist durchaus angebracht. Nach der Überzeugung von ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf gibt es keinen Anlass dafür, an die baldige Zulassung des Fremdbesitzes zu glauben. Unmittelbar nach der DocMorris-Übernahme habe er Kontakt zur Bundesregierung aufgenommen. Dort habe man ihm versichert, dass es eine klare politische Mehrheit dafür gebe, am heutigen System festzuhalten, sagte Wolf beim ABDA-Presseseminar in Berlin. Die Regierung plane keine Gesetzesänderung.

 

Hauptgeschäftsführer Dr. Hans-Jürgen Seitz nahm auf derselben Veranstaltung auch der Drohung von Celesio-Chef Fritz Oesterle die Dramatik, der Europäische Gerichtshof (EuGH) werde noch in diesem Jahr das deutsche Fremd- und Mehrbesitzverbot kippen. Seitz hält das für ausgeschlossen. Der EuGH werde wahrscheinlich nicht vor der zweiten Jahreshälfte 2008 über die Vorlage des Verwaltungsgerichts Saarlouis entscheiden. Dabei geht es um die Betriebserlaubnis für die jetzt zu Gehe gehörende DocMorris-Apotheke in Saarbrücken. Das Verwaltungsgericht hatte den EuGH angerufen, die Vereinbarkeit von Europarecht und deutschem Fremdbesitzverbot zu klären.

 

Seitz sieht in diesem Verfahren gute Chancen für den Erhalt des Verbotes. Wer heute behaupte, er wisse, dass dieses Gesetz falle, verfolge damit in der Regel eigene Interessen. Der Ausgang des Verfahrens sei offen. Bereits bei den Prognosen zur europarechtlichen Bewertung des Versandverbotes hätten viele vermeintliche Experten falsch gelegen. Damals hatte der EuGH den Mitgliedstaaten zugestanden, den Versand verschreibungspflichtiger Medikamente zu verbieten.

 

Die aktuellen Marktverschiebungen wollen Wolf und Seitz nicht bewerten. Jeder selbstständige Apotheker müsse sich seine Geschäftspartner selbst aussuchen. Jeder müsse für sich entscheiden, ob sich die eigenen Ziele mit denen der Partner deckten.

 

Unterdessen tut Gehe wenig, die aufgebrachten Apotheker zu besänftigen. Wenig glücklich ist es in der aufgeheizten Stimmung, dass die Vereinigte IKK Bayern ihre Versicherten auffordert, ihre Medikamente bei DocMorris zu bestellen, allerdings nicht bei den deutschen Markenpartner-Apotheken, sondern bei der niederländischen Versandapotheke. Das dürfte selbst die Apotheker, die bereits in die DocMorris-Kooperation eingetreten sind, nicht ganz kalt lassen. Diese werben nun mit dem Namen für einen Versender, der ihnen als Dank die Kunden wegnimmt.

 

Oesterle versucht dennoch weiter, Politiker von seiner Mission zu überzeugen. Nachdem er bereits in der vergangenen Woche alle Bundestagsabgeordneten für einen geregelten Übergang in die Apothekenkette begeistern wollte, sprach er in den vergangenen Tagen mit FDP-Gesundheitspolitiker Daniel Bahr und dem Unions-Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder. Doch bislang ist die Unterstützerszene für den Konzernchef überschaubar.

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