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Starke Eltern für gesunde Kinder

12.05.2006
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Starke Eltern für gesunde Kinder

von Christiane Berg, Hannover

 

Immer mehr Kinder leiden unter Stress und Depressionen, gelten als verhaltensauffällig oder greifen zu Alkohol und Zigaretten. Um diesen Trend aufzuhalten, ist die elterliche Erziehung gefragt.

 

Kinder und Jugendliche leiden vielfach unter Stress sowie psychosomatischen Beschwerden wie Erschöpfungszuständen, Kopf- und Bauchschmerzen oder Ein- und Durchschlafstörungen. Überdies werden im Kindes- und Jugendalter zunehmend psychosozial bedingte Befindlichkeitsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten wie Depressionen, Angst, Lust- und Antriebslosigkeit, Aggressivität oder Ess- und Aufmerksamkeitsstörungen diagnostiziert. Mädchen und Jungen neigen zudem zu einem übermäßigen Alkohol- und Nikotinkonsum. Das zeigen so genannte Routinedaten der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH).

 

»Seit einigen Jahren wird eine Zunahme von Entwicklungs- und Gesundheitsrisiken bei Kindern und Jugendlichen beobachtet«, bestätigte Professor Dr. Sabine Walper, München, bei der Vorstellung des zweiten Weißbuchs »Prävention«, das die KKH in Zusammenarbeit mit der Medizinischen Hochschule Hannover herausgeben hat. Jungen und männliche Jugendliche wiesen verglichen mit weiblichen Gleichaltrigen einen höheren Anteil an psychischen Störungen auf. Gerade bei den 10- bis 15-Jährigen sei eine auffallend hohe Verordnungszahl von Psychopharmaka vor allem zur Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) zu verzeichnen.

 

Sinkende Geburtenzahlen, also weniger Geschwisterkinder, steigende Trennungs- und Scheidungsraten, neue Partnerschaften der Eltern sowie die Zunahme von Stief- beziehungsweise Patchworkfamilien prägen die derzeitige Familiensituation. Hinzu kommen soziale Ungleichheit, Armut und Arbeitslosigkeit, steigende Leistungsanforderungen sowie »Medialisierung« der Kindheit und Reizüberflutung durch TV, Computer, Internet und Handy. Diese veränderten Lebensbedingungen gelten laut Walper als Stressfaktoren, die bei 10 bis 20 Prozent aller Kinder zu klinisch relevanten psychischen und körperlichen Krankheitssymptomen führen.

 

Einen großen Einfluss auf die Entwicklung des Kindes hat nach wie vor die elterliche Erziehung, in der inzwischen viel Wert auf die Selbstentfaltung und den freien Willen des Kindes gelegt wird. Diese Wandlung vom »Befehls«- zum »Verhandlungs«-Haushalt stellt jedoch hohe Anforderungen an die kommunikativen Kompetenzen der Eltern. In dem Versuch, bei aller Selbstständigkeit gleichermaßen die Fähigkeit des Kindes zur Rücksichtsnahme und Kooperation zu schulen, fühlen sich Studien zufolge etwa 50 Prozent der Eltern überfordert. Sie bezeichnen es als schwierig, konsequent zu sein und Grenzen zu setzen. 53 Prozent wünschen sich mehr Unterstützung in Erziehungsfragen

 

Freiheit in Grenzen

 

»Eltern müssen auch Nein sagen können«, sagte Walper. Zwar behindere übermäßig strenge Kontrolle der Eltern die Autonomie-Entwicklung des Kindes, doch führe ein »Laisser-faire« zur Orientierungslosigkeit und damit zur Verunsicherung der Kinder. Ein Schlüssel zum Erfolg sei, Kinder zwar in Entscheidungsprozesse mit einzubeziehen, ihnen jedoch lediglich Wahlmöglichkeiten innerhalb eines festgesteckten Rahmens zu geben.

 

Kinder sollten daher »autoritativ« erzogen werden, was eine hohe Zuwendung und Wärme mit gleichzeitig hoher elterlicher Kontrolle zum Beispiel der Befolgung von Anweisungen verbindet. Dann haben sie Walper zufolge ein positives Selbstbild, zeigen weniger Problemverhalten oder Verhaltensstörungen, sind weniger depressiv, ängstlich und krank als Kinder, die autoritär oder antiautoritär erzogen werden. Ferner können sie sich besser konzentrieren und neigen weniger zu Gewalt, was schulische Leistungen sowie Beziehungen zu Gleichaltrigen verbessert.

 

Hilfreich könnten Elternkurse sein, wie »Starke Eltern, starke Kinder« des Deutschen Kinderschutzbundes, »STEP - Systematisches Training für Eltern« oder »Triple P« (Positive Parenting Program), ein lerntheoretisch ausgerichtetes Präventionsprogramm, das vor allem auf Techniken der Verhaltensmodifikation setzt. Denn die Stärkung elterlicher Erziehungskompetenzen gilt als wesentlicher Eckpfeiler in der Prävention kindlicher Entwicklungs- und Gesundheitsprobleme.

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