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Heroin auf Rezept

12.05.2006
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Heroin auf Rezept

von Conny Becker, Berlin

 

Im diesjährigen Drogen- und Suchtbericht gilt der wachsende Cannabiskonsum bei Jugendlichen als größtes Sorgenkind. Auch das Ausmaß der Tabak-, Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit sei »alarmierend« und fordere neue Taten. Für einige Opiatabhängige wird es möglicherweise künftig eine neue Substitution geben.

 

Das Positive vorweg: Die Zahl der Todesfälle, die auf das Konto illegaler Drogen gehen, ist weiter rückläufig und auf dem niedrigsten Stand seit 1989. So verstarben im Jahr 2005 nur noch 1326 Menschen infolge ihres Rauschgiftkonsums, während es fünf Jahre zuvor noch mehr als 2000 waren. Auch die Zahl der Erstkonsumenten »harter Drogen« sei zurückgegangen, berichtete die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing, die vergangene Woche erstmals den Drogen- und Suchtbericht vorstellte. Als Gründe nannte die SPD-Politikerin niederschwellige Beratungsangebote für Opiatabhängige sowie die verbesserte Substitutionsbehandlung. Hier könnte es künftig eine neue Säule neben der Methadon-Behandlung geben. Denn in einem Modellprojekt in sieben deutschen Städten (Hamburg, Hannover, Köln, Bonn, Frankfurt, Karlsruhe, München) werden seit 2002 inzwischen mehr als 1000 Schwerstabhängige unter ärztlicher Aufsicht mit Heroin substituiert.

 

Zwölf Monate lang erhielten die Betreffenden randomisiert entweder Heroin oder Methadon zur Substitution. Danach folgten weitere Studienphasen, um Daten zur Sicherheit und langfristigen Wirksamkeit der Heroin-Therapie zu erheben. Die Auswertung der Vergleichsstudie ergab, dass die heroingestützte Substitution der herkömmlichen Methode sowohl hinsichtlich des Gesundheitszustands der Betroffenen als auch ihres Konsums illegaler Drogen signifikant überlegen war. Des Weiteren nahmen der Kontakt zur Drogenszene sowie die Beschaffungskriminalität verglichen mit der Kontrollgruppe ab. Die beteiligten Kommunen sind daher laut Bätzing ebenso wie das Gesundheitsministerium für eine Fortführung des Modells.

 

Für den begrenzten Personenkreis, das heißt Opiatabhängige, die »bereits gesundheitlich und sozial stark verelendet« sind, sollte die Heroin-Therapie als neue Substitutionsform implementiert werden, so die Drogenbeauftragte. Das würde allerdings bedeuten, dass Heroin den Status eines Arzneimittels zurückerlangt. Diamorphin würde dann als verschreibungspflichtiges Betäubungsmittel per BTM-Rezept für die spezielle Therapie zur Verfügung stehen. Laut Bätzing bearbeite das BfArM derzeit einen entsprechenden Zulassungsantrag des Herstellers.

 

Voraussetzung ist zudem eine genaue gesetzliche Regelung der Rahmenbedingungen für die Substitution, die deutlich strikter sein werden als bei der Methadon-Behandlung. Da das Modellprojekt zum 30. Juni ausläuft, bleibt der Regierung nur noch wenig Zeit, um ein nahtloses Fortsetzen der neuen Therapie zu gewährleisten. Zumal sich aus der CDU-Fraktion deutlich kritische Stimmen gegen das Verschreiben von Heroin melden. Die Experten des Sachverständigenausschusses für Betäubungsmittel haben sich Ende 2005 allerdings für die neue Substitution ausgesprochen, in speziell dafür ausgestatteten Einrichtungen und zum unmittelbaren Verbrauch.

 

»Sorgenkinder« Joints und Kippen

 

Im Gegensatz zu Opiaten ist der Konsum von Cannabis keineswegs rückläufig. Mehr als ein Viertel der Jugendlichen hat die in Deutschland am weitesten verbreitete illegale Droge bereits einmal ausprobiert, wobei das Einstiegsalter immer weiter sinkt (derzeit: 16,4 Jahre). »Je jünger die Jugendlichen bei Beginn sind, desto größer ist das Risiko, psychisch abhängig zu werden«, sagte Bätzing. Es müsse mit neuen Programmen zur Frühintervention vermehrt darüber aufgeklärt werden, dass das Rauchen von Joints keineswegs eine Bagatelle sei, sondern Risiken wie Halluzinationen, Depressionen und Wahrnehmungsstörungen berge.

 

Gemäß der These »Wer nicht raucht, greift auch nicht zum Joint«, soll auch eine verschärfte Tabakpolitik helfen, dem Cannabiskonsum Herr zu werden. Was das Rauchen betrifft, so Bätzing, haben die Maßnahmen der Regierung, das Abgabeverbot an Unter-16-Jährige, das Verbot von Kleinpackungen und der kostenlosen Abgabe von Zigaretten zur Werbung, bereits Wirkung gezeigt. So ist die Raucherquote bei den 12- bis 17-Jährigen in den vergangenen fünf Jahren von 28 auf 20 Prozent zurückgegangen. Besonders effektiv sei zudem die dreistufige Tabaksteuererhöhung gewesen, infolge derer auch nach der dritten Stufe 6,1 Prozent der in einer Studie befragten Erwachsenen und Jugendlichen mit dem Rauchen aufgehört haben. Wie auch bei den Alkopops scheint gerade bei Jugendlichen der Griff in den Geldbeutel die Lust auf die legalen Drogen zu schmälern. Ab Januar 2007 wird es überdies für Jugendliche unter 16 Jahren deutlich schwerer, an Zigaretten zu gelangen: Raucher müssen dann an sämtlichen Zigarettenautomaten in Deutschland, die bis dahin mit entsprechenden Lesegeräten ausgestatteten werden, ihr Alter per EC-Karte nachweisen.

 

Auch Nichtraucher will die Regierung zunehmend vor dem schädlichen Rauch schützen. Immerhin werden Schätzungen zufolge 3000 der jährlich rund 110.000 tabakbedingten Todesfälle dem Passivrauchen zugeschrieben. Eine freiwillige Vereinbarung mit dem Gaststättenverband sieht vor, dass bis März 2008 90 Prozent der Gaststätten die Hälfte aller Plätze als Nichtraucherplätze ausweist. Sollten die Vorgaben nicht erfüllt werden, behält sich die Regierung eine gesetzliche Regelung vor. Ein entsprechendes Gesetz hatte vor Jahren im ersten Anlauf das Parlament nicht passiert.

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