Pharmazeutische Zeitung online
Antibiotika-Lieferengpässe

Mehr inländische Produktion nötig

03.05.2017
Datenschutz bei der PZ

Von Lena Keil, Berlin / Um Lieferengpässe bei Antibiotika künftig zu vermeiden, bedarf es einer Stärkung der inländischen Produktionsstätten. Darin waren sich die Vertreter aus Politik und Wirtschaft einig, als sie auf Einladung des Branchenverbands Pro Generika Ende April über aktuelle Probleme in der Arzneimittelversorgung diskutierten.

Mehr als 80 Prozent der für die Antibiotikaherstellung benötigten Wirkstoffe kommen nach Angaben der Unternehmensberatung Roland Berger aus dem außereuropäischen Ausland, vornehmlich aus China. 

 

Ein Hauptgrund hierfür seien die niedrigen Herstellungskosten, mit denen inländische Firmen nicht konkurrieren könnten. »Diese Abhängigkeit ist für uns sehr gefährlich«, so der Senior-Partner des Unternehmens, Morris Hosseini. Im Falle eines erheblichen Krankheitsausbruchs in Deutschland könnten Menschenleben gefährdet sein.

 

Martin Hug, Direktor der Klinikumsapotheke Freiburg, teilt diese Sorge. Im Jahr 2015 registrierte er insgesamt 268 Lieferengpässe bei verschiedenen Arzneimitteln, im darauffolgenden Jahr waren es 208 Fälle. »Wir können die Konsequenzen davon nicht abschätzen«, warnte er. Im Hinblick auf die Förderung inländischer Produktionsstandorte sieht er auch die Politik in der Pflicht.

 

Preis zu sehr im Fokus

 

»Natürlich kann es nicht in unserem Interesse sein, von externen Akteuren abhängig zu sein«, bestätigte der CDU-Bundestagsabgeordnete Tino Sorge. Die geführte Diskussion sei jedoch vor allem kostenorientiert, weshalb zunächst ein Umdenken erforderlich sei, das weniger den Preis als vielmehr die Qualität von Medikamenten in den Vordergrund stelle. »An der einen oder anderen Stelle ist es sicherlich sinnvoll, etwas mehr Geld in die Hand zu nehmen«, so Sorge. Kritisch betrachtete er in diesem Zusammenhang das Vorgehen der Krankenkassen, die den Preisdruck auf inländische Produktionsfirmen durch Ausschreibungen und Rabattverträge verschärften.

 

Diesen Ansichten schloss sich auch der Vorstandsvorsitzende von Pro Generika, Wolfgang Späth, an. »Wir brauchen ein System in Europa, das die inländische Produktion würdigt«, forderte er und erinnerte im gleichen Zug an die vielfältigen Vorteile einer hiesigen Antibiotikaherstellung. So könne man beispielsweise das Risiko von Versorgungsengpässen durch kürzere Lieferwege und vereinfachte Dialogmöglichkeiten minimieren. »Lediglich auf den Preis zu gucken, ist zu kurz gesprungen«, mahnte Späth. In Anbetracht der begrenzten Finanzmittel, die den Krankenhäusern zur Verfügung stehen, sei dies jedoch häufig unvermeidbar, wendete Hug ein. Ein faires Verhandeln könne nur dann stattfinden, wenn die entsprechende Kostenstruktur auch gegenfinanziert sei. »Wir sind aber dazu bereit, höhere Preise zu zahlen, wenn uns benötigte Mengen zugesichert werden können«, so der Direktor.

 

Marktkonzentration

 

Das Anlegen einer planwirtschaftlichen Reserve von Antibiotika lehnten die Diskutanten hingegen einstimmig ab. Dies sei aufgrund der kurzen Haltbarkeit von Arzneimitteln kaum möglich. Um sowohl die Gefahr von Lieferengpässen als auch unkontrollierte Preissteigerungen zu vermeiden, müsse man stattdessen die bestehende Marktkonzentration auflösen, so die allgemeine Meinung. »Wir müssen die Produktion auf mehrere Schultern stellen«, sagte Sorge und sprach sich gemeinsam mit Späth für eine Mehrfachvergabe von Rabattverträgen aus.

 

Nach Ansicht des Pro-Generika-Chefs kann dem Problem Lieferengpässe aktuell mit einem transparenten Informationsaustausch und einem effek­tiven Krisenmanagement begegnet werden. Langfristig bedürfe es jedoch der Zusammenarbeit aller Stakeholder, um die Versorgungssicherheit mit Antibiotika auch in Zukunft flächendeckend gewährleisten zu können, betonte Späth. /

Mehr von Avoxa