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Primär biliäre Cholangitis

Schleichend und progressiv

04.05.2016
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Von Brigitte M. Gensthaler, München / Bleierne Müdigkeit und Juckreiz sind besonders belastende Symptome einer primär biliären Cholangitis (PBC). Dies ist eine seltene, autoimmun vermittelte Lebererkrankung, bei der der Abfluss der Gallensäuren behindert ist. Sie betrifft vor allem Frauen.

Das klinische Bild und der Verlauf einer PBC sind sehr variabel. »Eine PBC verläuft häufig lange symptomlos und wird dann nur zufällig entdeckt«, berichtete Professor Dr. Heinz Hartmann, Herne, bei einer Pressekonferenz der Intercept Pharma GmbH in München. Sie könne aber auch massive Beschwerden bis hin zu Leberfibrose und -zirrhose auslösen und zum Tod führen. »Wie häufig die PBC genau ist, wissen wir nicht.«

Charakteristisch ist eine Entzündung der intrahepatischen Gallengänge (Cholangitis), die für den Transport der Gallensäuren aus der Leber zuständig sind. Mit zunehmendem Funktionsverlust komme es zur Cholestase, erklärte der Internist und Gastroenterologe. Dieser Aufstau von Gallensäuren wirke toxisch und könne das Lebergewebe progressiv schädigen und zum fibrotischen Umbau und im Endstadium zur Leberzirrhose führen. Da die meisten Patienten bei der Erstdiagnose noch keine Zirrhose haben, wurde der frühere Krankheitsbegriff »primär biliäre Zirrhose« im letzten Jahr geändert in »primär biliäre Cholangitis«, beides abgekürzt mit PBC.

 

Schwierige Diagnose

 

Angesichts der variablen Verläufe ist die Diagnose einer PBC nicht einfach. Typisch seien der Nachweis von antimitochondrialen Antikörpern (AMA) und langfristig erhöhte Spiegel an Alkalischer Phosphatase (AP), die als Marker für die Cholestase gilt, erklärte Hartmann. Histologisch zeigen sich eine nicht-eitrige Cholangitis und Destruktion der interlobulären Gallenwege. Mittels Leberbiopsie können Ärzte die PBC zudem abgrenzen von einer primär sklerosierenden Cholangitis der kleinen Gallenwege, einer Sarkoidose sowie der Alkohol- und Medikamenten-induzierten Cholestase.

 

Betroffen sind vor allem Frauen, meist im Alter von 40 bis 60 Jahren. Etwa 10 Prozent der Erkrankten sind Männer, die laut Hartmann oft eine schlechtere Prognose haben. Dies gelte auch für jüngere Patienten, während ältere eher eine bessere Prognose haben.

 

Quälende Symptome

 

Besonders quälend für die Patienten sind Begleitsymptome wie Fatigue und Juckreiz, die wohl hauptsächlich durch den Gallestau bedingt sind, berichtete Ingo van Thiel von der Deutschen Leberhilfe. Ein Sicca-Syndrom, bei dem nicht nur die Schleimhäute der Augen und des Mundes, sondern auch im Intimbereich austrocknen, belaste die Frauen ebenfalls. Häufig kommen zudem Erkrankungen wie Osteopenie und Osteoporose sowie Autoimmunerkrankungen wie Hashimoto-Thyreoiditis oder Raynaud-Syndrom hinzu.

 

Fatigue und Juckreiz werden rein symptomatisch behandelt. Van Thiel riet, auch nach möglichen anderen Ursachen zu fahnden, bei Fatigue zum Beispiel nach ungünstigen Schlafgewohnheiten, Apnoe- oder Restless-legs-Syndrom. Auch Schilddrüsendysfunktion oder Arzneimittel wie Antihistaminika und Blutdrucksenker könnten Müdigkeit verstärken. Hat der Patient eine Leberzirrhose, könnte eine hepatische Enzephalopathie mit gestörter Hirnfunktion vorliegen.

 

Wichtig zu wissen: »Die medikamentöse Therapie der PBC schützt die Leber, mildert aber nicht die Müdigkeit oder den Juckreiz«, betonte der Patientenvertreter. Auch eine Lebertransplantation könne eine Fatigue nicht bessern. Dagegen werde bei Patienten mit unerträglichem Juckreiz mitunter eine Transplantation erwogen.

 

Bei jüngeren Frauen spiele das Thema Schwangerschaft eine große Rolle, berichtete van Thiel aus der Beratungspraxis der Deutschen Leberhilfe. Eine Schwangerschaft sei möglich, allerdings könne sich der Juckreiz verschlechtern und postpartal ein Entzündungsschub auftreten. Die PBC kommt bei erstgradigen Verwandten gehäuft vor, ist aber keine klassische Erbkrankheit.

 

Gallensäuren zur Therapie

 

Als einzige Therapieoption bei PBC ist derzeit Ursodesoxycholsäure (UDCA) zugelassen. Laut Angaben in der Fachinformation beruht deren Wirkung bei Leber- und cholestatischen Erkrankungen vermutlich auf einem relativen Austausch lipophiler, detergenzienartig wirkender toxischer Gallensäuren gegen die hydrophile, zytoprotektive nichttoxische UDCA, auf einer Verbesserung der sekretorischen Kapazität der Leberzelle und immunregulatorischen Prozessen.

 

»Die Gabe der Gallensäure nützt erst im Stadium der Cholestase; ob sie präventiv hilft, ist nicht bekannt«, berichtete Hartmann. Therapieziele seien die Vermeidung von Spätkomplikationen und Lebertransplantationen sowie die Lebensverlängerung. Gelingt es, die Spiegel an Alkalischer Phosphatase auf möglichst niedrige Werte zu senken und die Bilirubin-Spiegel zu normalisieren, hätten die Patienten eine gute Prognose. Gemäß den Empfehlungen der EASL (European Association for the Study of the Liver, Guidelines 2009) sollten auch asymptomatische Patienten UDCA (13 bis 15 mg/kg Körpergewicht) bekommen, informierte der Internist.

 

Etwa ein Drittel der Patienten spricht laut Hartmann nicht oder nicht längerfristig auf UDCA an. Damit verschlechtere sich die Prognose. Dann könnten neue Substanzen wie Obeticholsäure (OCA) eine Option eröffnen.

 

Der Arzneistoff soll in den USA im Juni zur Sekundärtherapie von PBC-Patienten auf den Markt kommen, berichtete Dr. Christopher Friedel von Intercept Pharma. OCA wirkt als Agonist am nukleären Farnesoid-X-Rezeptor und greift damit in die Regulation der Gallensäuresynthese, aber auch in so wichtige Bereiche wie den Triglyzerid-, den Cholesterol- und den Insulinstoffwechsel ein. Der Arzneistoff werde zudem in Phase III klinisch geprüft bei Patienten mit NASH (nicht alkoholische Steatohepatitis) und in Phase II bei primär sklerosierender Cholangitis. In Europa ist das Medikament noch nicht zugelassen.

 

Laut Friedel soll es in Deutschland mehr als 20 000 PBC-Patienten geben, davon seien höchstens drei Viertel diagnostiziert. Etwa 2500 Patienten könnten von OCA profitieren, weil UDCA bei ihnen nicht oder nicht ausreichend wirkt. /

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