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Synästhesie

Wenn Worte schmecken

25.04.2017
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Von Hannelore Gießen, München / Der Komponist Franz Liszt gehörte dazu, ebenso der Maler Wassily Kandinski, vermutlich auch Goethe. Sie sahen Töne, schmeckten Berührungen oder verbanden Farbeindrücke mit Zahlen und Buchstaben. Sie waren Synästhetiker.

Wo die meisten Menschen nur verschiedene Klänge hören, sehen Synästhetiker auch noch Bilder. Nimmt ein Durchschnittsbürger nur süß, sauer oder salzig wahr, spürt ein Synästhetiker auch Formen. Synästhesie heißt das faszinierende Phänomen, bei dem das Gehirn zwei Sinneseindrücke miteinander verknüpft. Diese gekoppelte Wahrnehmung aus Sehen und Hören oder Schmecken und Tasten bleibt ein Leben lang bestehen. Der Begriff »Synästhesie« kommt aus dem Griechischen und bedeutet »Vermischung der Sinne«.

 

 

Bekannt ist das eindrucksvolle Phänomen schon lange. Im 19. Jahrhundert dokumentierten Wissenschaftler erste empirische Beobachtungen. Doch erst gut hundert Jahre später eröffneten neue Untersuchungsmethoden Wege, um dem Rätsel auf die Spur zu kommen. Zwei bis vier Prozent der Bevölkerung sind Synästheten. Offenbar ist dieses Phänomen unter Künstlern häufiger, denn eine Studie mit Kunststudenten zeigte, dass etwa ein Fünftel Buchstaben oder Zahlen bunt sah.

 

Bekannt ist auch eine erbliche Komponente. In einer Studie gaben 43 Prozent der befragten Synästhetiker an, dass noch mindestens ein weiteres Familienmitglied gekoppelte Sinneseindrücke hat. Welche genetischen Veränderungen dieser Disposition zugrunde liegen, sei noch wenig erforscht, erklärt Professor Peter H. Weiß-Blankenhorn vom Institut für Neurowissenschaften und Medizin am Forschungszentrum Jülich im Gespräch mit der PZ.

 

Buchstaben und Farben verschmelzen

 

Synästhesie tritt in unterschiedlichen Varianten auf, je nachdem welche Wahrnehmung von welcher Empfindung begleitet wird. Besonders häufig ist eine Buchstaben-Farben-Synästhesie: So leuchtet ein schwarz-weiß gedrucktes »R« gelb oder ein »W« schimmert blau. Manche Menschen spüren einen Geschmack auf der Zunge, wenn sie ein bestimmtes Wort hören oder lesen. Zu einer Synästhesie im weiteren Sinn zählen analoge Zuordnungen, wie beispielsweise eine helle Farbe zu einem hohen Ton. Das zeige, dass es vermutlich bei allen Menschen eine gewisse Anlage zu einer solchen Zuordnung gibt, die jedoch bei Nicht-Synästhetikern unterhalb der Wahrnehmungsschwelle bleibe, erläutert Weiß-Blankenhorn.

 

Zeigen lässt sich diese besondere Begabung durch verschiedene Versuche: So ließen Wissenschaftler Synästhetiker und Nicht-Synästhetiker jeweils einem Buchstaben eine Farbe zuordnen und wiederholten den Versuch ein Jahr später: Die Synästhetiker ordneten den Buchstaben die gleichen Farben zu wie beim ersten Mal, denn die Kombination aus Buchstaben und Farbe bleibt ein Leben lang konstant. Wer nicht mit diesem Phänomen begabt ist, mixte Buchstaben und Farben spontan, je nach augenblicklicher Stimmung.

 

Auch mit bildgebenden Verfahren lässt sich eine Synästhesie belegen: Frankfurter Wissenschaftler zeigten mithilfe von funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT), dass bei einem Synästhetiker, der einen Schwarz auf Weiß gedruckten Buchstaben sieht, das gleiche Hirnareal aktiv ist wie bei einem Nicht-Synästhetiker, der einen farbigen Text liest.

 

Doch wie kommt es zu dieser gekoppelten Wahrnehmung? Lange Zeit nahm man an, die Ursache der Synästhesie beruhe allein auf besonders engen Verknüpfungen zwischen sensorischen Hirnregionen, einer Hyperkonnektivität. Bei Menschen, die bunte Muster sehen, wenn sie Musik hören, sind Seh- und der Hörcortex auch tatsächlich in besonderer Weise miteinander verschaltet. Wie sich diese Hyperkonnektivität verschiedener Hirnareale entwickelt, ist noch nicht vollständig geklärt. Vermutlich bleiben neuronale Verbindungen, die sich während der fötalen Entwicklung bilden, bestehen. Dazu müssten aber später co-aktivierende Faktoren kommen, damit gekoppelte Sinneseindrücke auch wirklich bewusst wahrgenommen werden, führt Weiß-Blankenhorn weiter aus.

 

Semantik verändert Hirnstruktur

 

Inzwischen geriet die einfache Verdrahtungshypothese jedoch ins Wanken. Dazu trug auch der folgende Versuch bei: Britische Wissenschaftler baten Wort-Geschmack-Synästhetiker, seltene Tiere oder Pflanzen auf Bildern zu benennen. Als die Teilnehmer das Objekt zwar erkannt hatten, aber noch den korrekten Begriff suchten, spürten sie bereits den zugehörigen Geschmack. Sie schmeckten das Wort also, noch bevor sie es aussprachen. Die Forscher schlossen daraus, dass die Wortbedeutung und nicht etwa der Klang die gekoppelte Wahrnehmung auslöst. Wenn die Semantik entscheidend ist, müssten sich synästhetische Assoziationen auch an ein neues Schriftbild anpassen. Das ist auch der Fall: Lernten synästhetisch begabte Probanden eine neue Schrift, nahmen sie bald die neuen Buchstaben in den Farben wahr, in der sie auch bedeutungsgleichen Wörter sahen, die mit den entsprechenden lateinischen Buchstaben geschrieben waren.

 

Die Frage war nun, ob sich die unterschiedliche Wahrnehmung von Synästhetikern auch in einer veränderten Gehirnstruktur niederschlägt. Dieser Frage gingen Wissenschaftler vom Forschungszentrum Jülich und der Kölner Universitätsklinik für Neurologie mithilfe einer speziellen Form der Kernspintomografie nach. Nach einem ausführlichen Test auf Synästhesie erstellten sie millimetergenaue Bilder der Gehirne von Buchstaben-Farbe-Synästheten und Kontrollpersonen. Der Vergleich der Aufnahmen zeigte, dass bei den Synästheten die graue Gehirnsubstanz in zwei Bereichen des Gehirns vermehrt auftrat: Zum einen im rechten unteren Schläfenlappen, einer Gehirnregion, die auf Farbwahrnehmung spezialisiert ist, und zum anderen im linken Scheitellappen, der die Aufgabe hat, verschiedene Sinneseindrücke miteinander zu verknüpfen.

 

Experiment der Natur

 

»Diese Ergebnisse belegen eindeutig die oft vermutete Bedeutung von Verknüpfungsprozessen bei der Synästhesie«, erklärt Weiss-Blankenhorn die Befunde. »Wir lernen durch Synästhetiker auch sehr viel über die generelle Informationsverarbeitung im Gehirn. Synästhesie ist ein Experiment der Natur, bei dem diese Mechanismen überdeutlich ablaufen.« /

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