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Venenleiden

Das offene Bein lässt sich verhindern

26.04.2016
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Von Christina Müller, Berlin / Chronische Venenerkrankungen gelten nach wie vor als nicht heilbar. Die symptomorientierte Behandlung ist jedoch mittlerweile so weit fortgeschritten, dass sich die Beschwerden bei den meisten Patienten effektiv lindern lassen.

Schwere Beine, Krampfadern und Ödeme zählen zu den häufigsten Symptomen der chronischen Veneninsuffi­zienz. Professor Dr. Markus Stücker vom Venenzentrum des Universitätsklinikums Bochum warnt davor, diese auf die leichte Schulter zu nehmen. 

 

»Die chronische Veneninsuffizienz begünstigt Thrombosen und Lungen­embolien«, sagte er auf einer Pressekonferenz des Antistax®-Herstellers Boehringer-Ingelheim in Berlin. Dort präsentierte er die Inhalte eines Konsensuspapiers zur Therapie der chronischen Venenerkrankungen, das im Juni publiziert werden soll.

 

Als Auslöser kommen demnach drei verschiedene Mechanismen infrage: eine gestörte Funktion der Venenklappen, Gefäßverschlüsse sowie eine eingeschränkte Muskelpumpe. Vor allem das Tragen hoher Absätze könne die Muskelpumpe beeinträchtigen, so der Venenexperte. »In der sogenannten Spitzfußhaltung, bei der die Ferse beim Laufen nicht auf dem Boden aufsetzt, sind die Wadenmuskeln maximal verkürzt. Das vermindert den venösen Rückstrom. Wer also in einem Stehberuf arbeitet und abends über schwere Beine klagt, sollte die Wahl seines Schuhwerks hinterfragen.«

 

Kosmetisches Problem Besenreiser

 

Besenreiser sind dagegen Stücker zufolge in erster Linie ein kosmetisches Problem – zumindest wenn sie an der Außenseite der Oberschenkel auftreten. »Im Fuß-Knöchel-Bereich können sie jedoch auf tief liegende Krampfadern hinweisen.« Und auch bei irreversiblen rostbraunen Verfärbungen der Haut sollten Betroffene einen Arzt aufsuchen. Diese seien meist auf Eiseneinlagerungen zurückzuführen und dann ein Zeichen dafür, dass das Venenleiden schon relativ weit fort­geschritten ist. In jedem Fall gingen die Beschwerden mit einer Entzündung des venösen Endothels einher. »Durch den verlangsamten Blutfluss können Leukozyten an die Gefäßwände an­docken und eine Entzündungskaskade auslösen«, erklärte Stücker.

 

Unbehandelt könne die venöse Insuffizienz zu einem floriden Ulcus cruris venosum, dem sogenannten offenen Bein, führen. »Mit den Behandlungsmöglichkeiten, die uns heute zur Verfügung stehen, muss es dazu aber nicht mehr kommen«, informierte Stücker. Eine der drei Säulen sei noch immer die invasive Therapie. »Früher hat man die Venen einfach gezogen. Heute können wir sie auch lasern oder mit einem speziellen Schaum sklerosieren.« Bei der konventionellen Methode dauere es zwar einerseits durchschnittlich am längsten, bis sich Rezidive bildeten. Andererseits erfordere sie mit etwa sieben Tagen die längste Regenerationszeit. »Viele Patienten wollen nicht so lange im Job fehlen. In solchen Fällen können wir auf die anderen Verfahren zurückgreifen.«

 

Die zweite wichtige Säule ist laut Stücker die Kompressionstherapie. »Mit der Kompressionstherapie können wir Ödeme ausschwemmen, die Symptome der Patienten lindern und die Muskelpumpe unterstützen.« Dabei seien Strümpfe deutlich wirksamer als Bandagen. Um die Compliance der Betroffenen nicht zu gefährden, empfiehlt er, den Druck nicht zu hoch zu wählen. »Den Druck zu erhöhen, bringt nur bis zu einem gewissen Grad eine Linderung der Symptome. Alles, was darüber hinausgeht, verschlechtert das Befinden des Patienten.«

 

Ödemprotektiva als Ergänzung

 

Die Einnahme oraler Ödemprotektiva könne die Therapie sinnvoll ergänzen. Sie enthielten Flavonoide wie Quercetin (Antistax®) und Oxerutin (Venoruton®) oder Triterpensaponine wie Aescin (Veno­stasin®) und unterbrächen den Entzündungsprozess um die Venen herum. »Die Kombination aus oralen Ödemprotektiva und Kompressions­therapie ist der Kompression allein deutlich überlegen«, so Stücker. Zudem hielten die Effekte nach dem Ende der Behandlung länger an. In einem 2013 im Fachjournal »Phlebology« veröffentlichten Konsensuspapier hatte sich eine Expertenrunde für den Einsatz von Flavo­noiden bei chronischen Venen­erkrankungen ausgesprochen (DOI: 10.1177/0268355512471929).

 

Der Wirkeintritt der Venenmittel sei nach etwa acht Wochen zu erwarten. Einige Patienten berichteten zwar schon früher über eine Verbesserung ihrer Beschwerden, der kurzfristige Einsatz – etwa bei Flugreisen – bringe jedoch keinen Vorteil. Auch bei Besen­reisern seien sie nicht indiziert. Bei Pa­tienten, die bereits unter Ulcera litten, sollten Ödemprotektiva allenfalls ergänzend angewendet werden. »Die Kompressionstherapie ist beim offenen Bein durch nichts zu ersetzen«, betonte Stücker. »Eine orale Behandlung ist in solchen Fällen definitiv nicht ausreichend.«

 

Langfristiger Einsatz unbedenklich

 

Den langfristigen Einsatz der Medikamente bei gegebener Indikation hält er für unbedenklich. »Es sind auch bei dauerhafter Einnahme keine Neben­wirkungen zu erwarten. Sehr selten kommt es zu Unverträglichkeiten, über andere unerwünschte Wirkungen ist bislang nichts bekannt.« Es sei jedoch auch möglich, nur zeitweise auf Ödemprotektiva zurückzugreifen. »Bei manchen Menschen treten die Symptome nur in den Sommermonaten auf. Dann kann eine Intervalltherapie ausreichen.« Von Salben und Cremes ist Stücker dagegen wenig überzeugt. »Die Massage und der kühlende Effekt können als angenehm wahrgenommen werden, zur Behandlung von Venen­leiden reichen Topika in der Regel aber nicht aus.« /

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