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Digitales Gesundheitssystem

Dänemark hat die Nase vorn

27.04.2016
Datenschutz bei der PZ

Von Jennifer Evans, Berlin / Elektronische Rezepte, digitale Medikationsakten, Telemedizin – in Dänemark ist das längst normal. Der sektorübergreifende Datenaustausch wächst rasant und bietet eine Spielwiese für neue IT-Lösungen und Healthcare-Innovationen. Einen Überblick über das digitale Gesundheitssystem des Landes gaben Experten in der dänischen Botschaft in Berlin.

Datenschutz ist bei unserem Nachbarn im Norden ein weniger großes Thema als in anderen europäischen Ländern – darin waren sich die Redner aus der Gesundheitsbranche sowie aus Wirtschaft und Forschung einig. »53 Prozent der Dänen sind zufrieden damit, wie das Gesundheitssystem mit ihren persönlichen Daten umgeht«, sagte Hans Erik Henriksen, Geschäftsführer der Organisation Healthcare Denmark.

Und der Staat sammelt dort viel mehr Details als hierzulande: In Dänemark könne nicht nur jeder Patient seine Krankenakte online einsehen, sondern auch an das Netz angeschlossene Ärzte, Krankenhäuser und Apotheken. Zudem seien auch einzelne Behandlungsschritte und deren Kosten für jeden Bürger im Internet abrufbar, so Henriksen.

 

Dänemark hat laut Vinay Venkatraman, Chef und Gründer des Big-Data-Beratungsbüros Leapcraft, eine Sonderstellung: Neben personenbezogenen und demografischen Informationen gibt es demnach ein Patientenregister, eine Biodatenbank, eine Genomdatenbank sowie eine Auflistung klinischer Studien. Hinzu kämen viele kleinere Register, etwa zu Krebs- und Diabeteserkrankungen. »In Dänemark existierten über 160 Datenbanken. Eine Goldmine an Informationen.« Diese gelte es künftig mit entsprechenden IT-Anwendungen besser zu strukturieren, um daraus immer mehr Wissen für Gesundheit, Forschung und personalisierte Medizin abzuleiten. »Die Datenbanken beinhalten viele relevante Details, diese sind nur noch nicht optimal ausgewertet und vernetzt«, sagte Venkatraman.

 

Der Herausforderung, telemedizinische Lösungen zur besseren Patientenversorgung zu entwickeln und zu implementieren, stellt sich Morten Kold Mikkelsen, Abteilungsleiter Research und Innovation von Viewcare. Seine Firma hat etwa dänische Krankenwagen mit Kameras ausgestattet. »Auf diesem Weg können Ärzte schon während der Einsatzfahrt mit dem Patienten oder dem Notrufaussender sprechen«, so Mikkelsen.

 

Über eine App auf Smartphone, Computer oder Tablet stelle die Person auf der anderen Seite den Kontakt zum Notarzt her. »Das direkte Gespräch hilft dem Arzt, die Situation einzuschätzen und das richtige Krankenhaus auszuwählen. In vielen Fällen ist sogar die Aussendung eines Krankenwagens unnötig«, sagte Mikkelsen. Der Praxistest habe gezeigt, dass sich so viele Ressourcen sparen ließen. Ein Problem sieht Mikkelsen dennoch: »Ärzte und Krankenschwestern müssen erst akzeptieren, dass sie mit neuen Technologien qualitativ bessere Arbeit leisten können.«

 

Umdenken nötig

 

Das Akzeptanzproblem hat auch ein von den USA inspiriertes Gerät zur Herzrhythmus-Auswertung. Nach Mikkelsen Angaben erkennt es 33 verschiedene Unregelmäßigkeiten beim Herzschlag und ordnet diese ein. Stelle es eine ernsthafte Gefahr fest, warne es den Patienten. Der Vorteil: »Bei Beschwerden muss sich ein Betroffener nicht wochenlang sorgen, bis er endlich einen Termin beim Kardiologen hat«, so Mikkelsen. Aufgabe des Geräts ist es, vorab festzustellen, ob Arrhythmien ernst zu nehmen sind. Oft erledige sich der Arztbesuch gänzlich. Zudem gilt die Innovation als zeitsparend: »Der Arzt schickt das Gerät per Post an den Patienten und der kann es selbst am Körper platzieren.« Derzeit steht Mikkelsen landesweit mit Kardiologen im Gespräch. »Die Technik ist da, aber es muss auch ein Umdenken stattfinden – und zwar weltweit.« /

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