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Pädophilie

Verantwortung für das eigene Verhalten

23.04.2014
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Von Christina Hohmann-Jeddi, Berlin / Dass Männer sich zu Kindern hingezogen fühlen, ist nicht selten. Viele können ihre Neigung aber kontrollieren. Hilfe hierbei bietet das Präventionsprojekt »Kein Täter werden«. Erste Ergebnisse stellte dessen Leiter nun in Berlin vor.

Etwa 8,6 Prozent der Mädchen und 3 Prozent der Jungen unter 16 Jahren werden Opfer sexuellen Missbrauchs. Das hat massive Auswirkungen auf die Betroffenen und führt unter anderem zu Fehlern in der Gehirnentwicklung, machte Professor Dr. Klaus Beier, Leiter des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité in Berlin, beim Deutschen Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Berlin deutlich. »Das ist ein signifikantes Gesundheitsproblem.«

 

Pädophilie ist Schicksal, keine Wahl

 

Prävention sei aber nicht nur nötig, sondern auch möglich. Hierfür müsse man bei den potenziellen Tätern ansetzen. Bisherige Konzepte richteten sich ausschließlich auf justizbekannte Täter, das sogenannte Hellfeld. Unberücksichtigt blieben dabei das Dunkelfeld, also bislang unentdeckte Täter, und Personen, die noch keine Straftat begangen haben, also potenzielle Täter.

Einer der Hauptrisikofaktoren für sexuelle Übergriffe auf Kinder ist Pädophilie. Diese ist definiert als sexuelles Ansprechen auf das kindliche Körperschema. Pädophilie ist eine sogenannte Paraphilie, eine Präferenzstörung. Wie sie sich entwickelt, ist unklar. Paraphi­lien, zu denen auch verschiedene Formen des Fetischismus, Sadismus oder Masochismus zählen, treten in der Pubertät auf. »Das ist Schicksal und keine Wahl«, betonte der Mediziner. Nach heutigen Erkenntnissen bleiben diese Präferenzen ein Leben lang stabil und sind auch nicht durch Willenskraft oder Therapie zu verändern.

 

Wie viele Menschen paraphil sind, ist unbekannt. Schätzungen zufolge hat etwa 1 Prozent der Männer auf Kinder gerichtete Fantasien. Demnach fühlen sich in Deutschland etwa 250 000 Männer zwischen 28 und 75 Jahren zu Kindern hingezogen. Dabei sei Pädophilie fast ausschließlich ein männliches Problem, sagte Beier. Er habe bislang nur eine einzige Frau aufgrund dieser Präferenzstörung behandelt.

 

Für betroffene Männer stellt die Veranlagung mitunter eine enorme psychische Belastung dar, weil sie sich der Problematik bewusst sind und sich selbst für ihre Fantasien ablehnen. Zudem bleibt laut Beier häufig unberücksichtigt, dass Sexualität neben der Lust- und der Fortpflanzungsdimen­sion auch noch eine Beziehungsdimension besitzt. Dieses Grundbedürfnis nach Nähe, Anerkennung und Zuwendung bleibe bei Pädophilen grundsätzlich unerfüllt. Sie könnten und dürften der begehrten Person niemals wirklich nahe sein, was auch emotionale Folgen habe. Zudem könnten psychosomatische Erkrankungen wie etwa chronische Schmerzen auftreten.

 

Neigung ist keine Straftat

 

Eine pädophile Neigung sei nicht gleichzusetzen mit dem Straftatbestand des Kindsmissbrauchs, betonte Beier. Denn nicht jeder Pädophile begehe einen Missbrauch und nicht jeder Sexualtäter sei pädophil. Statistiken zeigten, dass etwa 40 Prozent der Missbrauchsfälle eine pädophile Motivation zugrunde liegt, 60 Prozent nicht. »Das bedeutet, dass die Mehrheit der Täter keine Präferenz für das kindliche Körperschema hat und eigentlich auf erwachsene Sexualpartner ausgerichtet ist«, sagte Beier. Sie begehen die Übergriffe auf Kinder als eine Art Ersatzhandlung, zum Beispiel infolge einer Persönlichkeitsstörung. Das Rückfall­risiko bei dieser Gruppe ist gering.

 

Dagegen haben Menschen mit pädophiler Veranlagung ein Leben lang mit der Neigung und dem Stigma zu kämpfen. Für diese Personengruppe haben Beier und seine Kollegen von der Charité vor etwa zehn Jahren das Projekt »Kein Täter werden« initiiert. Durch Medienkampagnen werden Pädophile auf die Möglichkeit aufmerksam gemacht, hier Hilfe und therapeutische Unterstützung zu suchen. Insgesamt 3000 Männer hätten sich bislang an die mittlerweile acht Anlaufstellen in verschiedenen Bundesländern des Netzwerks gewandt, allein 2000 meldeten sich bei der Berliner Einrichtung.

Bei mehr als 800 von ihnen wurde eine klinische Diagnostik abgeschlossen, 419 erhielten das Angebot eines Therapieplatzes. Dabei zeigte sich, dass ein erheblicher Teil der Männer vorbelastet war: 87 Prozent hatten entweder schon Missbrauchsdarstellungen konsumiert oder Übergriffe begangen oder beides, berichtete Beier. 90 Prozent der Straftaten waren nicht aufgedeckt. Insgesamt 180 Männer unterzogen sich bislang einer Therapie, mehr als 90 beendeten sie erfolgreich.

 

Pädophilie ist nicht heilbar

 

Dabei ist Pädophilie nicht heilbar, so Beier. Ziel der Behandlung sei es, die Teilnehmer zu befähigen, ihre Neigung zu kontrollieren. »Wir machen den Betroffenen klar, dass sie nicht schuld sind an ihrer Neigung, aber verantwortlich für ihr Verhalten.« Die Fantasien dürften nicht in Verhalten umgesetzt werden. Hierfür werden den Betroffenen in der Therapie unter anderem Strategien an die Hand gegeben, gefährliche Situationen zu erkennen und zu meiden. Zudem erlernen sie, ihre sexuelle Neigung angemessen wahrzunehmen und zu bewerten. Missbrauchs-begünstigende Gedanken wie »das Mädchen wollte es doch auch« werden abgebaut und die Opferempathie gestärkt, indem die Teilnehmer zum Beispiel mit Opferkarrieren konfrontiert werden. Die Therapie findet wöchentlich in Gruppensitzungen statt, zum Teil auch in Einzelgesprächen oder unter Einbeziehung von Angehörigen. Nach einem Jahr schließt sich eine Nachsorgephase an.

 

Die Therapie soll präventiv wirken. Dass dies auch funktioniert, zeigen die Ergebnisse einer ersten Analyse von 53 Teilnehmern, die Beier vorstellte. Dieser zufolge sei zwar das Selbstwertdefizit unter der Therapie weiter gewachsen, dennoch seien Einsamkeitsgefühle reduziert, Missbrauchs-begünstigende Einstellungen abgebaut und die Opferempathie gestärkt worden. Unter der Therapie sei es zu fünf Übergriffen gekommen, allerdings zu keinem erstmaligen sexuellen Übergriff, was als Erfolg gewertet werde, so Beier. Zwei Drittel der Teilnehmer nutzten weiterhin Missbrauchsabbildungen, reduzierten den Konsum aber in Häufigkeit und Schwere. Als sehr effektiv habe sich die medikamentöse Therapie erwiesen (siehe Kasten), die in dem Konzept aber optional war und nur von einem Fünftel der Teilnehmer in Anspruch genommen wurde.

 

Beier stellte klar, dass auf der Fantasieebene alles geht, auf der Handlungsebene aber nicht. Die Handlung beginnt seines Erachtens schon bei sogenannten Posing-Bildern, auf denen Kinder in künstlichen Stellungen, inszeniert von Erwachsenen, abgebildet werden. »Diese Bilder gehören verboten.« Kein Kind sollte für die Bedürfnisse von Erwachsenen instrumentalisiert werden. /

Medikamentöse Therapie

Grundlage der Therapie von Paraphilen ist die Psychotherapie. Es können aber auch Medikamente eingesetzt werden. In Deutschland werden hierfür drei Klassen angewendet: in wenig schweren Fällen selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), in schwereren Fällen die antiandrogenen Wirkstoffe Cyproteronacetat (CPA) und GnRH-Antagonisten wie Triptorelin. Unter Anti­androgentherapie sollen das sexuelle Verlangen und entsprechende Fantasien abnehmen. Bei CPA handelt es sich um einen synthetischen Testosteronantagonisten, der das Hormon im Ziel­organ, also dem Hoden, kompetitiv verdrängt und zusätzlich über Feedbackmechanismen die Testosteronbildung unterdrückt. Es kann zur vollständigen Absenkung des Testosteronspiegels kommen. Die Nebenwirkungen können von Kopfschmerzen, nachlassendem Haarwuchs und Lethargie bis hin zu Leber- und Nierenstörungen sowie Thromboembolien reichen. GnRH-Analoga steigern zunächst die LH-Ausschüttung, weshalb der Testo­steronspiegel über zwei Wochen erhöht ist. In dieser Zeit sollte zusätzlich CPA gegeben werden. Danach wird die Testosteronfreisetzung dauerhaft unterdrückt. Die Nebenwirkungen fallen tendenziell geringer aus als unter CPA und bestehen im Wesentlichen aus Hypo­gonadismus, erektiler Dysfunktion und einer Abnahme der Knochendichte.

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