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Suchtforschung

Wenn die Kontrolle verloren geht

24.04.2007
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Suchtforschung

Wenn die Kontrolle verloren geht

Von Hannelore Gießen, München

 

Wie sich aus Genießen Sucht entwickelt, ist noch immer nicht vollständig verstanden. Möglicherweise leistet gerade ein limitierter Konsum in der kritischen Phase einer solchen Entwicklung Vorschub.

 

»Wenn Sie einen Menschen in der Phase zwischen kontrolliertem und unkontrolliertem Konsum ermahnen, mit dem Trinken aufzuhören, dann helfen Sie zwar seinen inneren Organen, beschleunigen jedoch möglicherweise die Suchtentwicklung«, sagte Professor Dr. Jochen Wolffgramm, Reutlingen, bei einem interdisziplinären Workshop von der Bayerischen Akademie für Suchtfragen (BAS) in München.

 

Das Team um Wolffgramm untersuchte im Tiermodell, wie ein kontrollierter Konsum in eine Abhängigkeit übergeht. Die Wissenschaftler gingen von der Hypothese aus, dass es dabei eine kritische Phase mit einem unerfüllten Substanzwunsch gibt, der ein »Point of no return« folgt. Zunächst gewöhnten Wolffgramm und seine Kollegen Labormäuse an regelmäßige Alkoholgaben. Ein Teil dieser Tiere durfte sich dann anschließend nur einmal täglich Alkohol zuführen, während der andere Teil ad libitum trinken konnte. Stand nach einer Karenzzeit von zwölf Wochen nun wieder Alkohol zur Verfügung, tranken die Tiere mit der früheren Zugriffslimitierung deutlich mehr als die andere Gruppe und wurden in höherem Maße abhängig.

 

In der Verhaltensforschung wird das Erlernen von Instinkthandlungen während einer sensiblen Phase als Prägung bezeichnet. »Die kritische Phase in der Suchtentwicklung scheint einem solchen prägungsartigen Verlauf zu entsprechen, folgerte der Biologe aus seinen Tierexperimenten. Vermutlich laufe sie nicht nur bei Nagern, sondern auch beim Menschen so ab. Doch wie diese kritische Phase aussieht und wann sie stattfindet, ist noch unbekannt. Leider gäbe es noch keine Parameter, anhand derer diese kritische Phase zu erkennen sei, bedauerte der Wissenschaftler.

 

Wolffgramm ging in den Tierversuchen auch der Frage nach, ob prinzipiell eine Rückprägung möglich ist. Nachdem offenbar ein unerfüllter Substanzwunsch das Entstehen einer Abhängigkeit triggerte, müsste beispielsweise eine forcierte Substanzgabe die Entwicklung wieder umkehren. Während beim unerfüllten Substanzwunsch ein Bedürfnis, jedoch keine Wirkung vorhanden ist, liegt bei der forcierten Gabe kein Bedürfnis vor, während eine Wirkung eintritt.

 

Um diese Hypothese zu überprüfen, induzierte Wolffgramms Arbeitsgruppe zunächst bei Ratten eine Substanzabhängigkeit. Einer Gruppe der Versuchstiere wurde dann nach einer Abstinenzphase die Substanz injiziert, während die Kontrollgruppe sich die Substanz beliebig zuführen durfte. Zusätzlich erhielten die Tiere unter der forcierten Substanzgabe Cortisol, das die Neuverdrahtung im Gehirn direkt beeinflussen kann. Das Ergebnis: Die Ratten, die zwangsweise Opiate erhalten hatten, verloren tatsächlich ihre Sucht. Allerdings sei eine solche Rückprägung nur bei Opiaten und Nikotin gelungen, jedoch nicht bei Alkohol, sagte Wolfgramm.

 

Schmerzpatienten die Dosierung ihrer Opiate selbst zu überlassen sei daher bedenklich. Aus US-amerikanischen Untersuchungen sei bekannt, dass von den Patienten, denen Opiate verabreicht werden, weniger als 2 Prozent eine Abhängigkeit entwickeln. Könne der Patient seine Opiatgabe dagegen selbst dosieren, seien es bis zu 20 Prozent.

 

Das Belohnungssystem aktivieren

 

Alle Sucht erzeugenden Substanzen und Verhaltensweisen wirken auf das »Belohnungssystem« des Gehirns. Dieses auch als Hedonistisches System bezeichnete Hirnareal besteht aus einem Nervenstrang, der sich von der Ventral-Tegmentalen-Area im Mittelhirn über das Zwischenhirn bis zum Nucleus accumbens im Limbischen System erstreckt, wo mit Gefühlen und Motivation assoziierte Prozesse ihr Zentrum haben. Wird das Belohnungssystem aktiviert, setzt es verstärkt den Botenstoff Dopamin als Überträgersubstanz frei. Ein Glücksgefühl setzt ein. Die erhöhte Dopaminfreisetzung wird durch körpereigene Endorphine sowie über Interaktionen mit dem Serotonin-Neurotransmitter-System moduliert.

 

Das dopaminerge System verleiht Substanzen, äußeren Reizen oder auch mentalen Vorstellungen eine zusätzliche Bedeutung, wodurch sie erst begehrenswert werden und Aussicht auf Lust verheißen. Wiederholte Drogeneinnahme sensibilisiert dieses Neurotransmitter-System und die Dopaminfreisetzung wird weiter verstärkt.

 

Bei der Entwicklung einer Abhängigkeit, insbesondere beim Übergang von vorher kontrollierbarem zu zwanghaftem Konsum, sind neben Dopamin auch zahlreiche andere neuronale Transmittersysteme beteiligt. Dabei kommt es zu dauerhaften Veränderungen in den nigrostriatalen Bahnen, die das Striatum im Stammhirn mit der Substantia nigra im Mittelhirn verbinden.

 

Wenn Sucht festgeschrieben wird

 

Was sich bei der dieser Entwicklung von Abhängigkeit auf molekularer Ebene abspielt, beschrieb Professor Dr. Peter J. Gebicke-Haerter vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Beim Festschreiben der durch Drogen hervorgerufenen Veränderungen in den Nervenzellen laufen vermutlich ähnliche Prozesse ab wie bei der Speicherung von Informationen im Langzeitgedächtnis:

 

Der Drogenkonsum setzt Signalstoffe wie den Neurotransmitter Dopamin frei. Diese aktivieren über einen zweiten Botenstoff ein Enzym, das direkt in den Kern der Nervenzelle wandert. Dort stimuliert es Transkriptionsfaktoren, die das Ablesen von Genen ankurbeln und damit eine Kaskade in Gang setzen, bei der schließlich neue Proteine entstehen. Bei allen Langzeit-Speicherungen sorgen Proteine dafür, dass die elektrischen Signale als Gedächtnisspur »eingebrannt« werden. Die Nervenzelle exprimiert beispielsweise verstärkt neue Rezeptoren und beeinflusst damit die Erregbarkeit eines neuronalen Netzes massiv. Als Folge der veränderten Genexpression ändern sich auch die Anzahl und die Affinität prä- und postsynaptischer Rezeptoren. Nachgewiesen ist dies beim körpereigenen Opioid-System, das bei Suchtkranken wesentlich weniger Endorphine bildet.

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