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Vogelgrippe

Erbgut von H7N9 entschlüsselt

16.04.2013
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Von Christina Hohmann-Jeddi / Immer mehr Infektionen mit dem neuen H7N9-Virus werden in China entdeckt, zuletzt sogar bei einem Jungen, der keine Grippesymptome zeigte. Inzwischen wurde das Genom des Virus entschlüsselt: Es stammt aus drei verschiedenen Vogelgrippevirus-Typen und weist charakteristische Mutationen auf.

Wie gefährlich ist das neue H7N9-Virus? Diese Frage beschäftigt derzeit Experten weltweit. Das Auftreten eines neuen Influenza-Virus, das schwere Erkrankungen bei Menschen auslöst, sei immer ein zukunftsweisendes Ereignis, schreiben Timothy Uyeki und Nancy Cox in einem Artikel im Fachjournal »New England Journal of Medicine« (doi: 10.1056/NEJMp1304661). Die Infektionen können Vorboten von sporadischen Übertragungen des Erregers von Tieren auf Menschen sein, wie beim H5N1-Virus, oder sie können den Start einer Pandemie mit einem neuen Virus darstellen, wie beim H1N1-Virus im Jahr 2009.

Die wichtigste Frage dabei sei, ob das Virus von Mensch zu Mensch übertragen wird. Danach sieht es bislang nicht aus. Seit der ersten Erkrankung, die bereits am 19. Februar auftrat, haben sich mindestens 60 Menschen mit dem neuen Vogelgrippevirus infiziert, 13 sind an der Infektion gestorben. Die Fälle treten sporadisch auf, Zusammenhänge sind bislang nicht bekannt. Um mögliche Übertragungen von Mensch zu Mensch zu erkennen, werden insgesamt 760 Angehörige und andere Kontaktpersonen von Infizierten überwacht, meldet die Weltgesundheits­organisation (WHO).

 

Die Erkrankungen waren bislang auf Shanghai und die umgebenden Provinzen begrenzt. Allerdings traten nun auch Infektionen in der chinesischen Hauptstadt auf: In Peking wurde der Erreger vor wenigen Tagen erstmals bei einem sieben Jahre alten Mädchen festgestellt, wie die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtete. Die 60 schweren Erkrankungen könnten allerdings nur die berühmte »Spitze des Eisbergs« sein, heißt es in dem Artikel. Es ist möglich, dass viele Infektionen bislang unentdeckt blieben, weil sie mild oder asymptomatisch verlaufen. Dies ließe sich nur durch Massentests von Gesunden oder Personen mit milden Atemwegsproblemen überprüfen. Derzeit werde mit Hochdruck an einem H7N9-spezifischen Schnelltest gearbeitet. Einen ersten Hinweis auf mögliche asymptomatische Verläufe gibt es bereits: Pekinger Gesundheitsbehörden haben das neue Virus H7N9 bei einem Vierjährigen ohne typische Grippesymp­tome festgestellt. Der Junge sei bei einem Test von 24 Menschen in einem Stadtteil von Peking mit Geflügelzüchtern routinemäßig untersucht worden, berichtet Xinhua.

 

Steckbrief des Erregers

 

Das Virus wurde mittlerweile von Medizinern der chinesischen Infektionsschutzbehörde (China CDC) genetisch charakterisiert. Die Experten um Yuelong Shu stellen ihre Daten sowie eine Beschreibung der ersten drei Erkrankungsfälle im »NEJM« vor (doi: 10.1056/NEJMoa1304459). Demnach ist das Genom des Virus aus drei aviären Influenza-A-Virustypen zusammengesetzt: Sechs der acht Gene stammen von einem H9N2-Virus, das normalerweise in Finken vorkommt. Das Hämagglutinin-Gen kommt von einem H7N3-Virus, das Enten befällt, und das Neuraminidase-Gen von einem H7N9-Virus, das in Wildvögelpopulationen kursiert. Das Hämagglutinin-Gen weist dabei einige Besonderheiten auf, heißt es in dem Artikel. Zum einen weise es auf eine schwache Pathogenität des Erregers bei Vögeln hin, was die Identifizierung erschwere. Es könne zu einer weiten »stillen« Verbreitung des Erregers in Vögelpopulationen in China und dessen Nachbarländern kommen. Zum anderen enthält es zwei Mutationen, die dem Virus das Eindringen in menschliche Zellen der Atemwege erleichtern. Die virale Sequenz zeige zudem, dass das H7N9-Virus vermutlich gegen ältere Virustatika wie Amantadin resistent ist, nicht aber gegen die Neuraminidashemmer wie Oseltamivir oder Zanamivir. Nur eine der drei untersuchten Virenproben zeigte eine solche Resistenz.

 

Klinisches Bild

 

Neben den genetischen Informationen des Erregers stellen die chinesischen Experten auch Einzelheiten der ersten drei Patienten vor, die alle an der Infektion starben. Alle drei hatten schwere Grunderkrankungen. Der erste Patient, ein 87-jähriger Mann aus Shanghai litt unter Bluthochdruck und chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD). Der zweite Patient, ein 27-jähriger Mann aus Shanghai, hatte eine Hepatitis-B-Infektion und der dritte Patient, eine 35-jährige Frau aus der Provinz Anhui, wies ebenfalls eine Hepatitis-B-Infektion auf und litt unter Adipositas und Depression. Die klinischen Symptome umfassen neben Fieber und Husten fulminante Pneumonie, akutes Atemnotsyndrom, septischer Schock und Multiorganversagen. Bei zwei Patienten kam es zur Rhabdomyolyse (Zerfall der quergestreiften Muskulatur) und bei zwei Patienten trat eine Enzephalopathie auf.

Alle drei Patienten wurden mit einer Kombination von Antibiotika (gegen Sekundärinfektionen) behandelt, sowie mit Glucocorticoiden und intravenösem Immunglobulin. Sie erhielten auch antivirale Wirkstoffe, allerdings zu einem späten Zeitpunkt, nämlich etwa sechs bis sieben Tage nach Beginn der Erkrankung. Die Wirkung dieser Substanzen ist aber umso besser, je früher sie eingesetzt werden. Um Empfehlungen für Ärzte zu entwickeln, sei es nötig, klinische Daten rasch zu sammeln, sie zusammenzuführen und auszuwerten.

 

Da es sich um einen völlig neuen Erreger handelt, der bislang keine Erkrankungen bei Menschen auslöste, ist davon auszugehen, dass keinerlei Immunität in der Bevölkerung weltweit vorhanden ist. Eine Impfung gegen das H7N9-Virus existiert bislang nicht. Verfügbare H7-Vakzinen zeigen schlechte Übereinstimmungen mit dem neuen Erreger. Die Arbeit an Impfungen gegen das Influenza(A)-H7N9-Virus hätte bereits begonnen, schreiben Uyeki und Cox in ihrem Artikel. Aber selbst mit den neuen Zellkultur-Technologien würde es noch einige Monate dauern, bis ein Impfstoff verfügbar wäre. Die nächsten Wochen würden zeigen, ob es sich um eine verbreitete Zoonose handelt oder um den Beginn einer Pandemie. /

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