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Sozialverband

Brachliegendes Kapital

15.04.2008
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Sozialverband

Brachliegendes Kapital

Von Siegfried Löffler, Tutzing

 

Mit dem Slogan »Zukunft braucht Menschlichkeit« macht der Sozialverband VdK auf sich aufmerksam. Jahrzehntelang Interessenvertretung von Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen, ist er inzwischen mit 1,5 Millionen Mitgliedern die größte Selbsthilfeorganisation für Senioren, Behinderte und chronisch Kranke.

 

Das sozialpolitische Forum des VdK in Tutzing beschäftigte sich mit der »Zukunft des Alterns«. Dabei dominierte nicht Resignation, sondern die »Chancen der demografischen Entwicklung«.

 

Der 81-jährige Walter Hirrlinger ist davon überzeugt, dass eine alternde Gesellschaft keine Belastung sein muss. Es gelte, die »Potenziale der älteren Generation« zu nutzen; sie stellten einen Gewinn für Arbeitsmarkt und Gesellschaft dar. Hirrlinger nannte ein Beispiel aus seiner Heimat: Eine Firma hatte annonciert: »Mit 55 überflüssig? Dann kommen Sie zu uns!« Vier Mitarbeiter hatte die schwäbische Firma gesucht, ein Dutzend meldete sich, alle wurden eingestellt. Das Unternehmen habe das nicht bereut; die Senioren hätten »hoch motiviert und loyal« die Chance genutzt, nicht mehr »ausgemustert« zu sein.

 

Brachliegendes Kapital

 

Unsere Gesellschaft, die sehr von ehrenamtlicher Tätigkeit Älterer profitiere, müsse erkennen, welches Kapital brachliege, wenn die Wirtschaft in einem unverständlichen »Jugendwahn« hoch motivierte Mitarbeiter in den Ruhestand dränge, sagte Hirrlinger. Es sei erschreckend, dass nur noch knapp 40 Prozent der 55- bis 64-jährigen Deutschen erwerbstätig seien, während in der Schweiz 72 Prozent dieser Altersgruppe beschäftigt würden.

 

Die Gesundheits- und Rentenpolitik der großen Koalition betrachtet der VdK-Präsident sehr kritisch. Der Sozialdemokrat schreckt beim Einsatz für die Interessen der sozial Schwachen nicht davor zurück, sich mit seiner Parteifreundin Ulla Schmidt anzulegen. So ist er ein entschiedener Gegner der geplanten Anrechnung der Riesterrente auf die Grundversorgung. Da schon heute die gesetzliche Altersrente als »erste Säule« für eine Sicherung des Lebensstandards im Alter nicht mehr ausreiche, müsse es künftig einen Rechtsanspruch auf eine zusätzliche Betriebsrente geben.

 

Hirrlinger begrüßte, ebenso wie seine Stellvertreterin Ulrike Mascher, die Aussetzung des Riesterfaktors für zwei Jahre, die zum 1.Juli eine Rentenerhöhung um 1,1 Prozent ermöglicht. Im Vorjahr hatte er noch die Rentenerhöhung um 0,54 Prozent als unzureichend bemängelt, weil sie den Inflationsanstieg nicht ausglich.

 

Mascher, die auch den bayerischen VdK-Landesverband führt, übte scharfe Kritik an vielen Publikationen zur demografischen Entwicklung. Diese trügen nicht zur Versachlichung der Diskussion, sondern eher zur Verunsicherung bei. So habe FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher mit seinem »Methusalem-Komplott« sowohl den Jungen als auch den Alten Angst bereitet. »Den Begriff Solidarität sucht man in diesem Buch vergeblich.«

 

Nicht nur die Repräsentanten des VdK, auch die Mehrzahl der Referenten des sozialpolitischen Forums warnten vor Panikmache beim Blick in die Zukunft. So gab der Koblenzer Statistiker Professor Dr. Gerd Bosbach zu bedenken, dass die Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung wenig hilfreich seien. Adenauer habe auch nicht die heutige Situation im Blick gehabt.

 

Professor Dr. Franz Ruland, von 1992 bis 2006 Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Rentenversicherungsträger, stellte fest, dass sich das System der deutschen Rentenversicherung den sich wandelnden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen anpassen müsse und Prognosen schwer seien. Es sei festzuhalten, dass ohne Reformen seit 1992 die Beiträge stärker angestiegen wären, die Rendite der Beiträge zwischen drei und über vier Prozent positiv bleibe und die Sicherung durch die beiden ergänzenden »Säulen« zunehme. Auch wenn das Rentenniveau deutlich sinke, werde das nur zur Altersarmut bestimmter Gruppen führen. Rulands Vorschläge: Einbeziehung der rund zwei Millionen Solo-Selbstständigen, in die Rentenversicherung und Verbesserung der rentenrechtlichen Absicherung der Langzeitarbeitslosen.

 

Wolfgang Gründinger, Sprecher von »Think Tank 30« des »Club of Rome«, mit 24 Jahren genauso alt wie die Institution des VdK-Forums, forderte zwar die Abschaffung der Altersgrenze beim Wahlrecht und zeigte kein Verständnis dafür, »dass Alte besser bezahlt werden als Junge«, stellte aber fest, dass vom Aufkündigen der Solidarität zwischen junger und älterer Generation keine Rede sein können. 79 Prozent der 14- bis 20-Jährigen seien für die Aufrechterhaltung des Generationenvertrags. Das Umlageverfahren müsse »die mit Abstand dickste Säule bei der Altersvorsorge bleiben«, auch wenn eine Mischung mit der privaten Kapitaldeckung grundsätzlich sinnvoll sei.

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