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Mammografie-Screening

Bessere Chancen für Frauen

15.04.2008
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Mammografie-Screening

Bessere Chancen für Frauen

Von Gudrun Heyn, Berlin

 

Fast flächendeckend gibt es nun in Deutschland für alle anspruchsberechtigten Frauen ein Mammografie-Screening, das den strengen europäischen Qualitätsanforderungen genügt. Mithilfe des Früherkennungs-Programms soll die Sterblichkeit an Mammakarzinomen in Zukunft deutlich gesenkt werden.

 

In nur vier Jahren sind in Deutschland neue Versorgungsstrukturen zum Mammografie-Screening aufgebaut worden. Sie machen Reihenuntersuchungen zur Brustkrebs-Früherkennung möglich, die sich vor allem durch ihre Qualität von den bisher üblichen Vorsorgeuntersuchungen unterscheiden. Dabei werden Vorgaben umgesetzt, die sich in anderen europäischen Ländern zum Teil schon seit Jahrzehnten bewährt haben. So etwa in England seit 1988. Da dort Tumore mithilfe des flächendeckenden Screenings bereits in einem sehr frühen Stadium erkannt werden, wird dort jedes Jahr durchschnittlich 1004 Frauen das Leben gerettet.

 

In Deutschland erkranken jährlich rund 57.000 Frauen an Brustkrebs, und 17.500 Betroffene sterben an den Folgen der Erkrankung. Mit dem neuen Mammografie-Screening-Programm soll nun auch in Deutschland die Mortalitätsrate deutlich gesenkt werden. »Ohne Screening sterben innerhalb von zehn Jahren nach Ausbruch der Erkrankung 31 Prozent der betroffenen Frauen. Mit Screening reduziert sich diese Zahl deutlich«, sagte Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt auf dem Kongress Mammografie-Screening in Deutschland in Berlin.

 

Hochrechnungen gehen davon aus, dass durch das neue Programm in der Bundesrepublik jährlich bis zu 3500 Todesfälle vermieden werden können. Damit dieses Ziel erreicht werden kann, richtet man sich bei der Umsetzung nach den Empfehlungen der Europäischen Leitlinie für die Qualitätssicherung des Screenings. Zu den dort niedergelegten strengen Qualitätsvorgaben gehört etwa die Forderung, dass mehr als die Hälfte der entdeckten Karzinome kleiner als 15 mm sein soll. Teilweise gehen die in Deutschland jetzt umgesetzten Qualitätsstandards sogar über die europäischen Vorgaben hinaus. »Wir wollten nicht einfach ein Mammografie-Screening, sondern eines, dass den höchsten Qualitätsansprüchen gerecht wird«, sagte Schmidt.

 

Im Gegensatz zu den in anderen europäischen Ländern durchgeführten flächendeckenden Brustkrebs-Früherkennungs-Untersuchungen, die die Mortalitätsrate um 20 bis 35 Prozent senkten, zeigte sich bei den bisher in der Bundesrepublik üblichen Mammografie-Untersuchungen kein statistisch messbarer Effekt. Das sogenannte graue Screening ist eine Mammografie, die offiziell zu Abklärungszwecken durchgeführt wird, aber häufig auch von Ärzten zur Früherkennung genutzt wird, erklärte Dr. Andreas Köhler von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung auf der Tagung. Wegen der fehlenden Standardisierung und Qualitätssicherung kommt es dabei oft zu falsch-positiven, aber auch zu falsch-negativen Untersuchungsergebnissen, wie der Deutsche Bundestag bereits im Jahr 2002 (Drucksache 14/9122) feststellte.

 

Vom grauen Screening unterscheidet sich das neue Programm in vielen Punkten. So wird das qualitätsgesicherte Mammografie-Screening mit technisch modernsten Röntgengeräten durchgeführt. Dabei nutzen bereits über 88 Prozent der in den Zentren eingesetzten Aufnahmegeräte die Volldigital-Technik. Sie ermöglicht eine sofortige Qualitätskontrolle, wodurch belastende Aufnahmewiederholungen vermieden werden können.

 

Hohe Qualität

 

Da von jeder Frau immerhin vier Aufnahmen innerhalb von zwei Jahren gemacht werden (jede Brust wird aus zwei Richtungen aufgenommen), ist die Einhaltung der Strahlenschutzverordnung besonders wichtig. Die neuen Geräte sind daher nicht nur durch eines der fünf neuen Referenzzentren zertifiziert, ständig werden sie von dort aus auch durch Physiker bezüglich ihrer Strahlendosis und Bildqualität überwacht. In den Referenzzentren finden zudem spezielle Schulungen und Prüfungen der ausführenden 1400 Röntgenfachkräfte und der 850 beteiligten Fachärzte statt.

 

Neu ist auch, dass nun jedes Röntgenbild unabhängig voneinander von zwei Ärzten begutachtet wird. Stimmen ihre Ergebnisse nicht überein, wird im Rahmen einer Konsensuskonferenz der Programm-verantwortliche Arzt hinzugezogen. Bevor eine Entscheidung getroffen wird, kann es also passieren, dass drei erfahrene und speziell fortgebildete Fachärzte die Aufnahmen bewerten.

 

Weist der Befund auf eine Erkrankung hin, erfolgt eine weitere Abklärungsdiagnostik. Dabei sind nun auch MRT- oder Sonografie-Aufnahmen möglich. Bei einem positiven Ergebnis wird eine Stanz- oder Vakuumbiopsie durchgeführt und das Gewebe histopathologisch beurteilt. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern wird in Deutschland auch dabei das Untersuchungsergebnis durch eine Zweitbefundung (Referenz-Pathologie) abgesichert.

 

Anschließend diskutieren die Spezialisten in einer wöchentlich stattfindenden Fallkonferenz die Befunde. Ist eine Operation notwendig, kann die Patientin nun selber entscheiden, in welches Krankenhaus sie überwiesen werden möchte.

 

Während früher die Wahrnehmung einer Früherkennungsmaßnahme eher zufällig stattfand, nämlich dann, wenn etwa ein Gynäkologe diesbezüglich aufklärte, werden heute alle Frauen in der am meisten gefährdeten Altersgruppe von 50 bis 69 Jahren dazu aufgefordert, an dem Mammografie-Screening teilzunehmen. Alle zwei Jahre erhalten sie per Brief eine Einladung zu der kostenlosen Vorsorgeuntersuchung. Wenn telefonisch nicht abgesagt wird, erfolgt zwei Wochen später die Untersuchung.

 

Durchgeführt wird das Screening in zertifizierten Zentren (Praxen) oder Spezialfahrzeugen (Mammobil-Trailern). Demnächst sollen 396 dieser Mammografie-Einheiten bundesweit zur Verfügung stehen. Bereits 275 haben davon ihre Arbeit aufgenommen. Dabei verzögern vor allem die hohen Qualitätsansprüche an Ausstattung und Personal die Besetzung der geplanten Einheiten. Den Mammografie-Einheiten übergeordnet sind die sogenannten Screening-Einheiten. Als Schwerpunktpraxen werden sie von einem programmverantwortlichen Arzt betrieben. Jede der 94 Screening-Einheiten betreut rund 120.000 der insgesamt 10,4 Millionen anspruchsberechtigten Frauen.

 

Aufklärung nötig

 

Nach Inkrafttreten der neuen Richtlinie im Jahr 2004 wurden bereits 2005 die ersten Referenzzentren gegründet und die ersten zertifizierten Reihenuntersuchungen durchgeführt. Möglich wurde dies dadurch, dass schon 2001 mit Modellprojekten in einigen Regionen begonnen wurde. 1,4 Millionen Frauen sind inzwischen untersucht. Erste Datenauswertungen bestätigen die gute Qualität der Untersuchungen. So überschreitet der Anteil der nach dem Erstscreening zu einer abklärenden Diagnostik wieder eingeladenen Frauen mit 5,1 Prozent nicht die Empfehlungen der EU. Ein Wert über 7 Prozent würde dagegen zu viele falsch positive Untersuchungsergebnisse anzeigen. Auch die Brustkrebsentdeckungsrate entspricht mit einem Durchschnitt von 7,4 Promille knapp den Empfehlungen von 7,5 Promille. Für eine gute Prognose spricht zudem die Stadienverteilung der entdeckten Karzinome.

 

Lediglich die Zahl der teilnehmenden Frauen erreicht noch nicht den gewünschten Wert von 70 Prozent. So sind in den letzten 30 Monaten nur 54 Prozent der eingeladenen Frauen auch zur Untersuchung erschienen. Um die angestrebte Senkung der Mortalitätsrate erreichen zu können, ist daher noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Frauen sollten zudem wissen, dass sie beim neuen Screening nicht von einem Arzt, sondern von den Röntgenfachkräften betreut werden.

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