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Vorsichtige Zurückhaltung

18.04.2006
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Umfrage

Vorsichtige Zurückhaltung

von Rainer Auerbach, Berlin

 

Die Apothekerkammer Berlin hat mit ihrer neunten Jahresumfrage bei den Berliner Apotheken die aktuelle Einschätzung der Branche mitten in der Diskussion des Arzneimittelversorgungs-Wirtschaftlichkeitsgesetzes (AVWG) eingefangen. Zwei Jahre nach dem InKraft-Treten des GKV-Modernisierungsgesetzes (GMG) greift der Gesetzgeber wieder massiv in den Ordnungsrahmen ein.

 

Das Jahr 2005 war von einem realistischen Umgang mit dem Ordnungsrahmen des GMG gekennzeichnet. Filialbesitz, Versandhandel, Kombi-Modell und freie OTC-Preise sind fast schon etablierte Spielregeln. Aber die Konsolidierungsphase währte nicht lange, da scheint bereits das nächste Kostendämpfungsgesetz als Vorbote einer großen Gesundheitsreform am Horizont auf.

 

Zum Umfragezeitpunkt Anfang Januar war die Situation von der Verunsicherung der Apothekenleiterinnen und Apothekenleiter ob des geplanten Rabattverbots geprägt. Das Umfrageergebnis zeigt neben der Erwartung einer sich weiter verschlechternden Ertragslage und vieler Fragezeichen aber auch zukunftsgerichtetes und handlungsorientiertes Verhalten. Die Antworten zeigen uns, wie die Berliner Apotheken mit den neuen Herausforderungen umgehen und welche Strategien sie in diesem Jahr ergreifen wollen. In diesem Jahr haben sich 31 Prozent der Berliner Apotheken beteiligt. Die Teilnahmequote von rund einem Drittel ist über die Jahre zu einer festen Größe geworden.

 

Umsatzerwartung weiter verhalten

 

Bei den Umsatzerwartungen ist die Situation im Vergleich zum Vorjahr annähernd gleich geblieben. 40 Prozent aller Apotheken erwarten einen Umsatzrückgang (Vorjahr 43 Prozent), 47 Prozent rechnen mit gleich bleibenden Umsätzen (Vorjahr 45 Prozent) und 13 Prozent mit einer Steigerung (Vorjahr 12 Prozent). Zum Vergleich: In 2004, dem Jahr des GMG, rechneten 77 Prozent mit einer Umsatzverschlechterung. Die aktuellen Angaben lassen auf eine gewisse Stabilisierung schließen.

 

Düstere Aussichten beim Rohertrag

 

Der Umsatz ist ein Erfolgsparameter, der Rohertrag ein anderer. Dies haben die Apotheken seit dem Beitragssatzsicherungsgesetz von 2003 und spätestens seit dem 8,10-Euro-Kombi-Modell gemerkt. Der durchschnittliche Rohertrag hat sich mit circa 28 Prozent als Branchenkennziffer seit 2003 zwar wenig verändert, es gibt aber ein breites Spektrum von Gewinnern und Verlierern. Für 2006 sind düstere Aussichten bei der Entwicklung des Rohertrags zu konstatieren. Die überwältigende Mehrheit der Berliner Apotheken (82 Prozent) geht davon aus, dass ihr Rohertrag nochmals sinken wird. Im Vorjahr hatten 62 Prozent diese Erwartung. Nur jede siebte Apotheke rechnet mit gleich bleibendem Rohertrag. Im Vorjahr war es noch jede dritte. Per saldo optimistisch, was die Entwicklung ihres Rohertrags betrifft, ist nur noch eine kleine Anzahl von 4 Prozent der Berliner Apotheken (6 Prozent im Jahr 2005). Der Grund für die durchweg pessimistische Einschätzung ist im Entwurf des AVWG zu finden. Das geplante Verbot der Naturalrabatte für apothekenpflichtige Arzneimittel und die Begrenzung von Barrabatten (ohne Skonti) bei RX-Arzneimitteln auf die Großhandelsspanne liefert reale Aussichten für weitere Rohertragseinbußen. Zum Umfragezeitpunkt noch offen, aber jetzt wohl vom Tisch, ist die Barrabattbegrenzung bei den OTC.

 

Zurückhaltung bei Personalplanung

 

Die Umfrageergebnisse zur Beschäftigungsentwicklung 2006 zeigen im Vergleich zum Vorjahr eine Tendenz zum Stellenabbau beim pharmazeutischen Personal und einer geringeren Bereitschaft zu Neueinstellungen. 16 Prozent der Apotheken wollen in diesen Berufsgruppen Personal abbauen (Vorjahr 15 Prozent), nur 8 Prozent gegenüber 13 Prozent im Vorjahr wollen Einstellungen vornehmen. Beim nicht pharmazeutischen Personal hält sich die Absicht, Stellen abzubauen und die Bereitschaft zu Neueinstellungen mit 7 Prozent zu 5 Prozent nahezu die Waage (Vorjahr 6 zu 4 Prozent). Die überwiegende Zahl der Apotheken plant keine Personalveränderungen (81 Prozent, gegenüber 83 Prozent 2005). Diese relative Stabilität darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Aussagen zu geplanten Personalveränderungen wie ein Seismograph die unterirdischen Schwingungen der Branche widerspiegeln. Und diese weisen in Richtung Vorsicht und Zurückhaltung.

 

Die Investitionsbereitschaft pendelt sich auf dem Vorjahresniveau ein. Es zeichnet sich ein normaler Investitionszyklus ab, allerdings etwas abgeschwächt. In die EDV wollen 19 Prozent investieren (Vorjahr 22 Prozent). Die Modernisierung der Apothekeneinrichtung haben sich 13 Prozent (Vorjahr 12 Prozent) und den Umbau der Räume 8 Prozent (Vorjahr 7 Prozent) vorgenommen. 63 Prozent planen keine Investitionen. Deutlich abgenommen haben die Investitionsabsichten in die Filialisierung. Nur noch 7 Prozent der Berliner Apothekenleiter haben vor, Filialapotheken zu gründen oder zu übernehmen. 2005 waren es noch 18 Prozent.

 

Hauptrisiko AVWG

 

Als Risiken für die weitere Entwicklung der Apotheken werden auch in diesem Jahr mit großem Abstand die Gesundheitspolitik der Bundesregierung ­ insbesondere das zu erwartende Arzneimittelversorgungs-Wirtschaftlichkeitsgesetz (AVWG) sowie dessen reale und in Zukunft befürchteten Folgewirkungen genannt. Weiterhin wird die zunehmende Reglementierung durch die Krankenkassen als Risiko eingestuft. Auch 2006 rechnen die Apotheken mit einer sich weiter verschärfenden Konkurrenz untereinander und nachteiligen Auswirkungen auf die eigene wirtschaftliche Entwicklung.

 

Die aufgeführten Risiko-Faktoren geben einen Einblick in das Meinungsspektrum der Berliner Apothekerschaft:

AVWG/Gesundheitsreform: Abschaffung der Rabatte, weiter sinkende Roherträge

zunehmende Reglementierung durch Krankenkassen, Bürokratie

Verträge von Kassen mit einzelnen Apotheken, Steuerung von Patienten

Konkurrenz durch Filialen, Fremdbesitz, Ketten

Versandhandel

Veränderungen im lokalen Umfeld

 

In der Weiterentwicklung des Beratungs- und Kundenservices, in der Qualifizierung zur Hausapotheke sowie in der Spezialisierung sehen die Berliner Apotheken Chancen. Prävention, die Pflege der Stammkundschaft und verstärktes Marketing zur Neugewinnung von Kunden zählen ebenfalls zu den häufigen Nennungen. Als wichtige Voraussetzung für die erfolgreiche Entwicklung der Apotheke wird die permanente Fortbildung gesehen. Schlagworte für Chancen sind: Beratungskompetenz auf hohem Niveau, persönliche Kundenbetreuung, Neukunden durch Spezialisierung, Fort- und Weiterbildung, Intensivierung der Hausapothekenmodelle.

 

Insgesamt erhärtet sich der schon in 2005 erkennbare Trend, dass die Apotheken verstärkt neue Wege zur Verbesserung der eigenen Situation in den Fokus nehmen. Die qualifizierte und aktive Beratung als pharmazeutische Kernkompetenz hat dabei weiter an Stellenwert zugenommen. Die auch im vergangenen Jahr fortgesetzte Berichterstattung über Negativbeispiele einerseits sowie die Appelle und Unterstützungsangebote der Standesorganisationen andererseits scheinen bei einem Großteil der Apothekenteams Wirkung zu zeigen. Mit der Beratung entscheidet sich die Zukunft der Apotheke.

 

In Bezug auf Werbung und Marketingmaßnahmen setzen unverändert 64 Prozent der Apotheken auf eine verstärkte Selbstmedikation (65 Prozent im vergangegen Jahr). Den Ausbau des Neben- und Randsortiments wollen 26 Prozent (Vorjahr 33 Prozent) der Apotheken voranbringen. Die Ausweitung des Dienstleistungsangebots haben sich 40 Prozent zum Ziel gesetzt (Vorjahr 43 Prozent). Neue Beratungskonzepte wollen 37 Prozent (Vorjahr 45 Prozent) anbieten. In den Versandhandel wollen 4 Prozent der Berliner Apotheken einsteigen (Vorjahr 7 Prozent).

 

Einkaufskooperationen werden von knapp einem Drittel der Apotheken angestrengt (32 Prozent, Vorjahr 36 Prozent). In Branchenkreisen geht man davon aus, dass rund 60 Prozent aller Apotheken in Einkaufskooperationen organisiert sind. Der bereits erreichte hohe Organisationsgrad und die nahezu unveränderte Zahl an Kooperationswilligen lässt den Schluss zu, dass die Kooperationen ihre Mitglieder und ihre Struktur gefunden haben und es für die noch suchenden Apotheken schwieriger wird, sich zu organisieren und in Kooperationen aufgenommen zu werden.

 

QMs auch 2006 mit hohem Stellenwert

 

Die Einführung eines QMS streben 35 Prozent der Berliner Apotheken an. 46 Prozent wollten das Projekt 2005 in Angriff nehmen. Nach den der Kammer bekannten Zahlen hat die Anzahl der zertifizierten Apotheken im vergangenen Jahr zugenommen. Viele haben das Projekt begon-nen, aber noch nicht abgeschlossen. Daher dürften in den diesjährigen Nennungen auch Apotheken enthalten sein, die sich bereits im vergangenen Jahr das QMS als Ziel gesetzt hatten, das Projekt aber noch nicht abgeschlossen haben.

 

Die Apothekerinnen und Apotheker sind am Erwerb von Zusatzqualifikationen interessiert. Die Nachfrage nach den Angeboten der Kammer zur Zertifizierten Fortbildung gestaltet sich nach wie vor differenziert ­ die Schwerpunkte haben sich im Vergleich zum Vorjahr etwas verschoben. So ist das Interesse an Fortbildungen zu Diabetes mit 26 Prozent (32 Prozent) und Asthma mit 15 Prozent (24 Prozent) etwas zurückgegangen. Fast gleich geblieben ist das Interesse für KHK-Angebote (14 Prozent; Vorjahr 13 Prozent), Ernährungsberatung (19 Prozent; Vorjahr 20 Prozent), Hypertonie (10 Prozent, Vorjahr 13 Prozent) und Wundversorgung (7 Prozent, Vorjahr 9 Prozent). Gut nachgefragt wird das Angebot Case Management mit 5 Prozent, welches zum ersten Mal in die Umfrage einbezogen wurde. Eine Sonderrolle spielt nach wie vor die hochspezialisierte Onkologische Pharmazie mit 5 Prozent (4 Prozent). Hohe Nachfrage verzeichnet das Homöopathieangebot. Das Interesse hat sich mit 31 Prozent mehr als verdoppelt (15 Prozent 2005). Grund hierfür dürften die Homoöpathieverträge des Deutschen Apothekerverbandes mit mehreren Krankenkassen sein.

 

Die Befragungsergebnisse zur Nutzung der Angebote zur zertifizierten Kompetenzerhaltung zeigen deutlich den hohen Stellenwert, den diese für die Berliner Apothekerschaft hat. So nutzen 74 Prozent der Teams bereits die Angebote zur zertifizierten Kompetenzerhaltung. Dies bedeutet im Vergleich zu 2005 die Beibehaltung des hohen Qualifikationsstandards (76 Prozent im vergangenen Jahr). Die Nutzung von kammereigenen und externen Angeboten ist ausgewogen. Das System der Kompetenzerhaltung ist in Berlin fest etabliert.

 

Von den befragten Apotheken wollen 18 Prozent (Rezeptur) und 15 Prozent (Blutuntersuchungen) an den Ringversuchen der Apothekerkammer Berlin und des ZL teilnehmen (Vorjahr 18 beziehungsweise 17 Prozent). Die geplante Teilnahme am Kammer-Ringversuch Beratung ist mit 14 Prozent (gegenüber 20 Prozent) im Vorjahr leicht rückläufig.

 

Deutlich nachgelassen hat das Interesse am Pseudo-Customer-Test (1 Prozent gegenüber 13 Prozent). Erklärung hierfür dürfte die Botschaft der Kammer sein, ab 2006 innerhalb von drei Jahren bei allen Berliner Apotheken von der Kammer beauftragte Beratungs-Checks durchführen zu lassen. Die geringe Teilnahmebereitschaft an den Pseudo-Customer-Tests ist offensichtlich das Ergebnis der rationalen Überlegung, den Beratungs-Check abzuwarten, statt auf eigene Kosten zu buchen. Sie ist sicher kein Indikator für die Bedeutung der Beratung. Denn die seit Jahren hohe Nachfrage nach Fortbildungsangeboten und die ständige Erweiterung des Angebots der Kammer und von Dritten ist Beleg für die engagierte Haltung der Apothekenteams zur weiteren Verbesserung der Beratung.

 

Fazit

 

Die Umfrageergebnisse 2006 spiegeln in Erwartung negativer Effekte durch das AVWG eine vorsichtige Zurückhaltung wider. Die Stimmung dreht jedoch nicht auf breiter Front nach unten. Die Apotheken haben offensichtlich in den vergangenen Jahren einen rationalen Umgang mit den gesundheitspolitischen Veränderungen gelernt. Diese Erfahrung wirkt stabilisierend und bringt Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit. Die Apotheken nehmen die gesundheitspolitischen Veränderungen an und betrachten sie auch 2006 als heilberufliche und wirtschaftliche Herausforderung.

 

Ökonomisch höchste Relevanz hat die Einschränkung der Rabatte durch das AVWG. Die Auswirkungen sind auf Grund der komplizierten Marktmechanismen noch nicht abzusehen. Immer deutlicher zu vernehmen ist die Kritik der Apotheken an ständig zunehmender Bürokratie und damit einhergehenden Belastungen der Betriebe. Auch auf diesem Gebiet hält das AVWG einiges bereit. 

 

 

Rechtsanwalt Rainer Auerbach ist Geschäftsführer der Apothekerkammer .Berlin

 

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