Pharmazeutische Zeitung online

Auf Augenhöhe mit den Medizinern

18.04.2006
Datenschutz bei der PZ

Rationelle Arzneitherapie

Auf Augenhöhe mit den Medizinern

von Daniel Rücker, Eschborn

 

Wegen steigender Arzneiausgaben stehen die Ärzte unter Druck. In ihrer Not entdecken sie einen nahe liegenden Verbündeten wieder: die Apotheker. In Westfalen-Lippe haben KV und Krankenkassen Leitsubstanzen vereinbart. Die Apotheker fungieren als Berater. Kammerpräsident Hans-Günter Friese erläutert die Details.

 

PZ: Die Apotheker sollen die Ärzte bei der Einhaltung der Zielvereinbarung unterstützen. Was ist dabei genau ihre Aufgabe?

Friese: Unsere Kammer unterstützt als sachverständige Institution das Erreichen der Zielvereinbarung, die die KV in Westfalen-Lippe mit den Krankenkassen geschlossen hat. Wir Apotheker stehen den Ärzten als unabhängige Berater zur Seite und unterstützen sie bei der Erarbeitung einer praxisinternen Positivliste.

 

PZ: Sind Sie aus pharmazeutischer Sicht mit der Auswahl der Leitsubstanzen einverstanden?

Friese: Die Leitsubstanzen entsprechen dem heutigen wissenschaftlichen Stand der Therapie. Sie sind unter Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten empfehlenswert, zumal dem verordnenden Arzt für eine Individuelle, abweichende Therapie noch eine Reserve von 10 bis 15 Prozent außerhalb der vorgeschlagenen Generika verbleibt.

 

PZ: Wie sind Sie mit der Kassenärztlichen Vereinigung in Kontakt gekommen? Haben die Ärzte um Hilfe gebeten?

Friese: Es gibt in Westfalen-Lippe seit einigen Jahren einen regelmäßigen Gesprächskreis mit Spitzenvertretern der Kammer und der KV. Dort bearbeiten wir aktuelle Fragestellungen und widmen uns zugleich pharmazeutischen und medizinischen Zukunftsthemen. Die »Rationelle Arzneimitteltherapie 2006« ist ein Produkt dieser vertrauensvollen Zusammenarbeit.

 

PZ: Ärzte sind nicht immer glücklich, wenn Apotheker sich in die Arzneimittelverordnung einmischen. Wie ist die Reso-nanz der Ärzte?

Friese: Bisher haben wir nicht den Eindruck, dass die Ärzteschaft dies als ein Einmischen oder gar Bevormunden missverstehen könnte. Ganz im Gegenteil: Der Arzt profitiert vom neuen Konzept seiner KV durch ein hohes Maß an Budgetsicher-heit. Bisher bewegt er sich auf einem sehr unsicheren Terrain zwischen »Blindflug« und »Rasenmähermethode«. Jetzt weiß er, dass er jeden Patienten mit den für dessen Therapieerfolg erforderlichen Arzneimitteln versorgen kann, ohne dass ihm Regresse drohen. Man muss sehen, dass allein im Bereich der KV Westfalen-Lippe Jahr für Jahr 1500 Arzneimittelprüfungen vorgenommen werden und bisher bei rund 500 Ärzten pro Jahr ein Regressverfahren eingeleitet wurde.

 

PZ: Welchen Vorteil haben die Apotheker von ihrem Engagement. Sie werden ja wahrscheinlich nicht honoriert?

Friese: Der Apotheker wird pro abgegebener Arzneimittelpackung honoriert. Wenn durch das westfälisch-lippische Konzept weiterhin 100 Prozent der Patienten mit Arzneimitteln versorgt werden können, sichert dies auch die wirtschaftliche Grund-lage der Apotheken. Auf Grund des neuen Preisbildungssystems sind die wirtschaftlichen Auswirkungen für die Apotheken bei einem Switch auf kostengünstigere Arzneimittel ja deutlich geringer als beispielsweise bei einem Rückgang der Packungszahlen.

 

Aber wir profitieren nicht nur ökonomisch: Dass Arzt und Apotheker gegenüber dem Patienten zukünftig stärker denn je zuvor mit einer Zunge sprechen und die Patientenversorgung Hand in Hand optimieren, ist aus meiner Sicht von unschätzbarem Wert. Wir bewegen uns damit auf Augenhöhe mit den Medizinern. Für den Apotheker ergeben sich auch Möglichkeiten des Aut idem und zur Reduzierung des Sortiments bei Generika.

 

PZ: Welchen Aufwand bedeutet die Rolle als Arztberater für den Apotheker?

Friese: Dies möchte ich ein wenig ketzerisch mit zwei Gegenfragen beantworten: Wer, wenn nicht der Apotheker, sollte denn diese unabhängige Beraterfunktion wahrnehmen können? Und: Ist der Aufwand nicht deutlich höher, wenn Arzt und Apotheker unterschiedliche Ansätze verfolgen und wenn es zu Unter- oder Fehlversorgungen kommt?

 

PZ: Halten Sie die Kommunikation mit dem Arzt für Chefsache oder würden Sie dies auch den Mitarbeitern überlassen?

Friese: Das muss nicht immer Chefsache sein und ist ganz sicher auch vom Einzelfall abhängig. Fakt ist jedoch, dass in den Fällen, in denen die verstärkte Kommunikation mit dem Arzt erstmals aufgenommen wird, zunächst einmal die Apothekenleiter gefordert sein werden. Je mehr sich unser Konzept der Rationellen Arzneimitteltherapie einspielt und bewährt, desto flacher dürften auch die Hierarchien werden.

 

PZ: Wie zufrieden sind Sie mit dem Verlauf der Fortbildungsveranstaltungen? Wie viele Apotheker haben in Westfalen-Lippe daran teilgenommen?

Friese: Die hohe Resonanz zeigt, dass Ärzte und Apotheker gleichermaßen diesen westfälisch-lippischen Sonderweg annehmen. Bei den ersten drei Veranstaltungen in Bielefeld, Dortmund und Münster waren mehr als 1500 Heilberufler vertreten, darunter etwa 1100 Apotheker. Hinzu kommt noch die vierte und letzte Veranstaltung am 24. April in Siegen, die ebenfalls sehr stark nachgefragt wird.

Leitsubstanzen gegen Regresse

Um Regresse für ihre Mitglieder zu verhindern, hat die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) mit den Krankenkassen eine Vereinbarung getroffen. Für neun Wirkstoffgruppen haben Kassen und KVWL Leisubstanzen definiert, die bevorzugt verordnet werden sollen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass andere Präparate in begründeten Fällen nicht mehr eingesetzt werden dürfen. Zu den Leitsubstanzen gehören unter anderem: Simvastatin (Statine), Omeprazol (Protonenpumpenhemmer), Humaninsulin (Insuline), Diclofenac (NSAR) und Fluoxetin/Citalopram (SSRI). Sie sollen einen Verordnungsanteil in ihrer Gruppe von mehr als 80 oder 90 Prozent erreichen.

 

In gemeinsamen Veranstaltungen informieren derzeit KVWL und die Apothekerkammer Westfalen-Lippe ihre Mitglieder über die politischen Hintergründe der Vereinbarung und die Umsetzung in die Praxis.

Mehr von Avoxa