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Tabakstudie

Vor allem sozial Schwache rauchen

11.04.2018
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Von Annette Mende / In Deutschland rauchen viel zu viele Menschen, und zwar vor allem solche mit niedrigem Bildungs­abschluss und Einkommen. Die Tabaksucht trägt damit entscheidend zu den großen Unterschieden bei, die hinsichtlich des Gesundheits­zustands und der Sterblichkeit zwischen den sozialen Schichten im Land bestehen.

Aktuelle Zahlen zur Nutzung von Tabak und E-Zigaretten in Deutschland hat jetzt eine Autorengruppe um Professor Dr. Daniel Kotz von der Universität Düsseldorf im »Deutschen Ärzteblatt« veröffentlicht (DOI: 10.3238/arztebl.2018. 0235). Die Arbeit stellt eine erste Auswertung der sogenannten DEBRA-Studie dar (Deutsche Befragung zum Rauchverhalten), bei der im Abstand von jeweils zwei Monaten eine repräsentative Stichprobe von etwa 2000 Personen deutschlandweit persönlich-mündlich nach ihrem Rauchverhalten befragt wird. 

So sollen der jeweilige Ist-Zustand in puncto Rauchen sowie Trends, die sich beispielsweise als Reaktion auf politische Maßnahmen ergeben, erfasst werden. Für die aktuelle Analyse wurden die Antworten von 12 273 Personen aus den vergangenen beiden Jahren verwendet.

 

Demnach rauchen in Deutschland 28,3 Prozent der Bevölkerung; bei den Unter-18-Jährigen sind es mit 11,9 Prozent jedoch deutlich weniger. Der ­Anteil der Raucher an der Bevölkerung ist je nach Bundesland unterschiedlich hoch. Am niedrigsten ist er in Hessen mit 18,1 Prozent, am höchsten in Brandenburg mit 42,6 Prozent. Im Durchschnitt inhaliert ein Raucher dabei pro Tag den Rauch von 14,1 Zigaretten.

 

Linearer Zusammenhang

 

Zwischen Schulabschluss und Einkommen als Surrogat für den Sozialstatus und dem Anteil der Raucher an der jeweiligen Bevölkerungsgruppe bestand in der Befragung ein linearer Zusammenhang. Je niedriger der Status war, desto mehr Personen rauchten: Von denjenigen ohne Schulabschluss rauchten 41,6 Prozent, von denjenigen mit Hochschulreife weniger als halb so viele (20,0 Prozent). Laut den Autoren ist ein Viertel bis die Hälfte der Gesundheitsunterschiede in der Bevölkerung auf das Rauchen zurückzuführen. Der schlechtere Gesundheitszustand und die höhere Sterblichkeit von sozial Schwachen in Deutschland werden ­somit entscheidend durch das Tabakrauchen verursacht.

 

Obwohl die negativen Folgen des Rauchens mittlerweile allgemein bekannt sein sollten, unternahm nur etwas weniger als ein Drittel der Raucher im Jahr vor der Befragung einen Aufhörversuch (28,1 Prozent). Bemerkenswert ist, dass dazu am häufigsten, nämlich von 9,1 Prozent der Aufhörwilligen, E-Zigaretten genutzt wurden – obwohl es wissenschaftlich betrachtet noch zu wenig Evidenz dafür gibt, dass die Nikotinverdampfer sich dafür eignen, schreiben die Autoren.

 

Die übergroße Mehrheit derjenigen, die das Rauchen aufzugeben versuchten, setzte allerdings auf reine Willenskraft (87,5 Prozent). Auch das ist aus Sicht der Autoren problematisch, denn nur 3 bis 5 Prozent der Rauchstoppversuche ohne Unterstützung seien langfristig erfolgreich. Evidenzbasierte Methoden zur Tabakentwöhnung wie ärztliche Beratung, Verhaltenstherapie sowie der Einsatz von Nikotinersatzpräparaten, Vareniclin oder Bupropion müssten daher im ärztlichen Alltag einen höheren Stellenwert bekommen.

 

Die Verfasser des Artikels beschränken sich nicht darauf, die Zustände im Inland zu beschreiben, sondern richten den Blick auch ins europäische Ausland. Dabei verwenden sie Daten des Eurobarometers aus dem Jahr 2017, in dem mit 25 Prozent ein etwas niedrigerer Raucheranteil ermittelt worden war. Mit diesem Wert lag Deutschland jedoch knapp über dem europäischen Durchschnitt und hatte etwa im Vergleich mit Schweden, wo nur 7 Prozent der Bevölkerung rauchten, einen mehr als dreimal so hohen Raucheranteil zu verzeichnen.

 

Als Ursache für das schlechte Abschneiden Deutschlands im europäischen Vergleich vermuten die Autoren »eine unzureichende Umsetzung von Tabakkontrollmaßnahmen«: So erlaube Deutschland als mittlerweile einziges EU-Land nach wie vor Außenwerbung für Tabakprodukte, es gebe Raucherräume in Kneipen und Restaurants und auch in Autos, in denen Kinder mitfahren, dürfe noch immer gequalmt werden. Hier gehen unter anderem Italien, Irland und Finnland bereits mit gutem Beispiel voran und auch in Österreich wird ab dem 1. Mai ein Rauchverbot im Auto bei Fahrten mit Minderjährigen gelten.

 

Kritik an der Regierung

 

Als Reaktion auf die Studie kündigte die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler an, einen neuen Anlauf für ein Verbot der Außenwerbung für Tabakerzeugnisse nehmen zu wollen. Sie werde in dieser Sache nicht lockerlassen, sagte die CSU-Politikerin der »Passauer Neuen Presse«. In der vergangenen Legislaturperiode hatte sich das Kabinett auf einen Gesetzentwurf geeinigt, nach dem Zigarettenwerbung auf Plakatwänden, Litfaßsäulen und im Kino von Juli 2020 an verboten werden sollte. Das Gesetz wurde aber nie beschlossen. Vor allem die Unionsfraktion sperrte sich dagegen. Laut »Spiegel« setzte die Union auch durch, dass im neuen Koalitionsvertrag der ursprünglich vorgesehene Satz »Wir werden das Tabak-Außenwerbeverbot umsetzen« gestrichen wurde. Das meldet die Nachrichtenagentur dpa. /

Weniger Nikotin in Zigaretten

Christina Hohmann-Jeddi / Einen ganz neuen Schritt zur Bekämpfung der Tabaksucht plant die US-amerikanische Regulierungsbehörde FDA: Sie will den Nikotingehalt in Zigaretten so weit senken, dass sie nicht mehr süchtig machen. Einen entsprechenden Plan stellte sie bereits im Juli 2017 vor. Der Gedanke dahinter: Wirken Zigaretten nicht mehr suchterzeugend, gelangen weniger Jugendliche vom Experimentieren in eine Nikotinabhängigkeit. Rauchern wird zudem der Ausstieg aus der Sucht erleichtert. Mitte März kündigte die Behörde nun offiziell die geplante Erstellung einer Vorschrift an mit Richtwerten und einer ersten Einschätzung zum Effekt der Maßnahme.

 

In dem Dokument heißt es, dass einem Review aus dem Jahr 2013 zufolge bei einem Nikotingehalt von 0,5 mg pro Zigarette oder darunter das Sucht­risiko sehr gering wäre. Eine konventionelle Zigarette enthält derzeit etwa 10 bis 14 mg Nikotin. Wenn der Nikotin­gehalt in Zigaretten im Jahr 2020 auf nicht suchterzeugende Werte reduziert würde, sänke der Raucheranteil in der Bevölkerung bis zum Jahr 2060 von 15,6 auf 1,4 Prozent, prognostiziert die FDA. Ohne die Maßnahme rauchten dann noch 7,9 Prozent. In den 40 Jahren könnte durch die Maßnahme auch der Einstieg ins Rauchen bei etwa 33 Millionen Menschen und etwa 8 Millionen tabakassoziierte Todesfälle verhindert werden. Die Analyse wurde im »New England Journal of Medicine« veröffentlicht (DOI: 10.1056/NEJMsr1714617).

 

Eine Gefahr besteht darin, dass Raucher einen niedrigeren Nikotingehalt durch verstärktes Inhalieren oder häufigeres Rauchen zu kompensieren versuchen. Das wäre noch gesundheitsschädlicher als der Status quo, da nicht das Nikotin, sondern andere Rauch­bestandteile für die Mehrzahl der tabakassoziierten Todesfälle verantwortlich sind. Studien zufolge treten bei einer einmaligen Reduktion des Nikotingehalts – anders als bei einem schrittweisen Absenken – aber kaum Kompensationseffekte auf, heißt es in dem Dokument. Diese wären dann nur minimal und vorübergehend.

 

Die FDA hat das Recht, den Nikotingehalt in Zigaretten zu regulieren. Ob und wann sie eine entsprechende Regelung einführt, ist noch unklar. /

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