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Lungenkrebs

Dritter ALK-Hemmer kommt

12.04.2017
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Von Sven Siebenand, Frankfurt am Main / Im Mai will die Firma Roche den Tyrosinkinase-Inhibitor Alectinib (Alecensa®) auf den Markt bringen. Wie Crizotinib und Ceritinib hemmt der Wirkstoff die anaplastische Lymphomkinase (ALK), die bei etwa 5 Prozent der Patienten mit einem nicht kleinzelligen Bronchialkarzinom (NSCLC) übermäßig aktiv ist.

Die Aktivierung der ALK erfolgt aufgrund einer Genumlagerung, bei der das ALK-Gen auf Chromosom 2 transloziert wird. So entsteht ein Fusionsgen, das ein ALK-Fusionsprotein codiert. Dies führt zur dauerhaften ALK-Aktivierung. Hieraus resultiert wiederum eine starke Induktion nachgeschalteter Signalwege, die Zellproliferation und Zellüberleben steuern und die Entstehung von Tumoren begünstigt. Wie Professor Dr. Michael Thomas vom Universitätsklinikum Heidelberg auf einer Presseveranstaltung von Roche in Frankfurt am Main informierte, ist die Inzidenz des ALK-positiven NSCLC bei Patienten mit Adenokarzinomen, bei Patienten, die nie geraucht haben oder ehemalige Raucher sind, bei jüngeren Patienten sowie bei Frauen erhöht.

Alectinib bindet an die ATP-Bindungsstelle der Tyrosinkinase und verhindert damit die Bindung von ATP. Dadurch werden die Autophosphorylierung der ALK-Kinase-Domäne und die nachfolgenden zellulären Signalkaskaden unterbunden. Der überaktivierte Signalweg für das Zellüberleben wird blockiert, sodass es wieder zu vermehrtem programmiertem Zelltod kommt. Zudem wird die Proliferation der Tumorzellen gehemmt.

 

Zunächst nur nach Vorbehandlung

 

Zugelassen ist Alectinib bei erwachsenen Patienten mit ALK-positivem, fortgeschrittenem NSCLC, die zuvor mit Crizotinib (Xalkori®) behandelt wurden. Thomas stellte in Aussicht, dass sich das zukünftig noch ändern könnte. Studien, die den neuen Kinasehemmer in der Erstlinie prüfen, laufen (siehe Kasten). »Hier gilt es aber noch, die Ergebnisse abzuwarten«, so der Mediziner.

 

In den für die Zulassung relevanten Studien in der vorbehandelten Situation hatte der Großteil der insgesamt 189 ausgewerteten Patienten zunächst eine Chemo- und anschließend eine Crizotinib-Therapie erhalten und war dann auf zweimal täglich 600 mg Alectinib gewechselt. »Es bestand immer noch eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass diese vorbehandelten Patienten auf den neuen Kinasehemmer ansprachen«, so der Referent. Die mediane Dauer des Ansprechens betrug bei diesen Patienten etwa 15 Monate und das mediane progressionsfreie Überleben gut acht Monate.

 

Vorteile bei Hirnmetastasen

 

Thomas hob das unterschiedlich starke ZNS-Ansprechen der drei zugelassenen ALK-Hemmer hervor. Bei Crizozinib liege es bei 15 bis 20 Prozent, bei Ceritinib bei 30 bis 40 Prozent und bei Alectinib bei mehr als 60 Prozent. Die vorliegenden Studiendaten zeigten, dass 64 Prozent der Patienten mit messbaren Hirnmetastasen auf das Medikament ansprechen, 22 Prozent der Patienten erreichten eine Komplettremission der Hirnmetastasen. »Das macht Alecensa zu einem wichtigen Fortschritt für Pa­tienten mit ALK-positivem Bronchialkarzinom, da mehr als die Hälfte dieser Patienten trotz Vorbehandlung Hirnmetastasen entwickelt«, betonte Thomas. Im Unterschied zu Crizotinib und Ceritinib ist Alectinib kein Substrat des P-Glykoprotein-Effluxtransporters der Blut-Hirn-Schranke und wird daher nicht aktiv aus dem ZNS ausgeschleust. Dies kann der Grund für die höhere Wirksamkeit dieses ALK-Hemmers bei ZNS-Metastasen sein.

 

Vor Beginn einer Therapie mit Alecensa muss per Test ein ALK-positiver NSCLC-Status nachgewiesen sein. Die empfohlene Dosierung beträgt vier Kapseln à 150 mg zweimal täglich, die die Patienten zusammen mit einer Mahlzeit einnehmen sollten. Laut Fachinformation wird bei Patienten, die gleichzeitig starke CYP3A-Induktoren oder -Inhibitoren einnehmen, eine angemessene Überwachung empfohlen.

 

Laut Dr. Claus-Peter Schneider vom DRK-Manniske-Krankenhaus in Bad Frankenhausen ist auch das Nebenwirkungsprofil von Alectinib vergleichsweise positiv zu bewerten. »Die Verträglichkeit von Alecensa ist objektiv und subjektiv, verglichen mit den anderen zugelassenen ALK-Inhibitoren sowie Chemotherapie, extrem gut.« Dennoch treten unter dem Präparat Nebenwirkungen auf. Am häufigsten waren in den Studien Obstipation (36 Prozent), Ödeme (34 Prozent), Myalgien (31 Prozent) und Übelkeit (22 Prozent). Nebenwirkungen von Grad 3 oder mehr waren jedoch selten. /

Alectinib in der Erstlinie

Wie Roche in einer Pressemitteilung informiert, konnte die randomisierte Phase-III-Studie Alex mit rund 300 Patienten mit ALK-positivem NSCLC zeigen, dass das progressionsfreie Überleben im Vergleich zur Erstlinientherapie mit Crizotinib signifikant länger war, wenn first Line stattdessen Alectinib eingesetzt wurde. Bislang meldet das Unternehmen nur, dass der primäre Endpunkt damit erreicht wurde und die detaillierten Studienergebnisse noch präsentiert werden. Wann genau dies geschehen soll, schreibt das Unternehmen nicht.

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