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Technologie-Trick

Zwei Seiten einer Tablette

13.04.2016
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Von Sven Siebenand / Wissenschaftler haben vielleicht eine neue Möglichkeit gefunden, die Einnahmehäufigkeit bei Arzneistoffen, die mehrmals täglich in Tablettenform einzunehmen sind, zu reduzieren.

 

Am Massachusetts Insti­tute of Technology in Cambridge und am Brigham and Women’s Hospital in Boston haben sie einen Prototyp einer Tablette entwickelt, der sich nach dem Schlucken an der Schleimhaut im Magen-Darm-Trakt festsetzt, dort lange verbleibt und Arzneistoffe freisetzen kann.

Bisherige Untersuchungen mit mucoadhäsiven Materialien haben gezeigt, dass es prinzipiell leicht möglich ist, eine Tablette an die Schleimhaut, zum Beispiel des Magens, anzudocken. Allerdings gelang es bisher nicht, sie dort auch zu belassen. Nahrungsbestandteile und Flüssigkeiten im Magen-Darm-Trakt hefteten sich auch an die Tablette und rissen sie von der Schleimhaut ab, bevor der Arzneistoff daraus vollständig freigesetzt war.

 

Wie Young-Ah Lucy Lee und Kollegen in »Advanced Healthcare Mate­rials« berichten, kamen sie, um dieses Problem zu lösen, auf die Idee, eine Tablette mit zwei unterschiedlichen Seiten zu kreieren. Die eine Seite sollte weiterhin mucoadhäsiv sein, um sich an der Schleimhaut festzusetzen. Die andere Seite sollte dagegen aus einer omniphoben Oberfläche bestehen, die sozusagen alles abstößt, was ihr begegnet (DOI: 10.1002/adhm.201501036).

 

Für die mucoadhäsive Seite verwendeten die Wissenschaftler das Polymer Carbopol. Für die andere Seite schufen sie mithilfe von Celluloseacetat eine Struktur, die der wasserabweisenden Oberfläche eines Lotusblatts ähnelt. Danach bearbeiteten sie diese noch weiter, sodass sie jegliches Material abstößt. Arzneistoffe können entweder zwischen diese beiden Schichten eingebracht werden oder in die Celluloseacetat-Schicht eingebettet sein.

 

Bei einem Versuch mit Gewebe aus dem Gastrointestinaltrakt von Schweinen wurden drei Versionen einer Tablette einem Test unterzogen: eine mit zwei omniphoben Seiten, eine mit zwei muco­adhäsiven Seiten und eine mit der Sowohl-als-auch-Variante. Um die Situation im Magen-Darm-Trakt zu simulieren, umspülten die Wissenschaftler das Gewebe mit einem Mix aus Flüssigkeit und Nahrungsbestandteilen und gaben dann die Tabletten hinzu. Die omni­phobe Tablette konnte sich gerade einmal eine Sekunde am Gewebe halten, die mit den beiden mucoadhäsiven Seiten nur sieben Sekunden. Der neue Prototyp mit den unterschiedlichen Oberflächen klebte dagegen auch noch am Ende des Versuchs, nach zehn Minuten, fest an der Schleimhaut.

 

In den nächsten Schritten wollen die Forscher nun herausfinden, wie lange diese Art der Tablette festkleben kann und mit welcher Rate Arzneistoffe da­raus freigesetzt werden können. Ferner möchten sie klären, ob sich bestimmte Abschnitte im Magen-Darm-Trakt zum Andocken ansteuern lassen, indem man das Material variiert.

 

Last but not least glauben die Forscher auch für die komplett omni­phobe Tablettenvariante eine Verwendung gefunden zu haben. Sie könnte Patienten mit Schluckbeschwerden bei der Arzneimittel-Einnahme helfen. So ließe sich vielleicht verhindern, dass Medikamente in der Speiseröhre steckenbleiben und dort Schaden anrichten. Das ist zum Beispiel von Bisphosphonaten bekannt. /

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