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Raubüberfälle

Mit jedem Opfer sprechen

05.04.2007
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Raubüberfälle

Mit jedem Opfer sprechen

Von Daniel Rücker und Sven Siebenand, Köln

 

Raubüberfälle auf Apotheken sind keine Seltenheit. Bargeld und Betäubungsmittel locken die Täter an. Den finanziellen Schaden deckt in der Regel die Versicherung. Unterschätzt wird dagegen die psychische Belastung der Apothekenangestellten. Langfristige Gesundheitsstörungen drohen. Eine schnelle professionelle Hilfe kann dies jedoch oft verhindern.

 

PZ: Unter welchen Symptomen leiden Überfallopfer am häufigsten?

Clemens: Jeder Mensch ist nach einem Überfall geschockt, jeder zeigt Belastungsreaktionen. Diese können sehr heftig sein. Die einzelnen Symptome können individuell sehr verschieden sein. Manche Menschen zittern, weinen und sind sehr aufgeregt, andere sind dagegen ganz ruhig und schieben ihre Gefühle bei Seite. Diese akute Schockphase dauert zwei bis drei Tage, kann aber auch schneller abgeschlossen sein.

 

PZ: Können die Opfer nach diesem Zeitraum wieder zum normalen Tagesablauf zurückkehren?

Clemens: Nein, die akute Schockphase ist nur der erste Teil der Traumaverarbeitung. An sie schließt sich die Einwirkungsphase an. Hier wird dem Betroffenen Schritt für Schritt klar, was passiert ist und wie lebensbedrohlich die Situation war. In dieser Phase entstehen die typischen posttraumatischen Belastungsreaktionen. Unter ihnen leidet jeder Betroffene. Zu den häufigsten Reaktionen gehören zum Beispiel Übererregung, Konzentrations- oder Gedächtnisstörungen, Schlafstörungen oder Abwehrverhalten gegenüber allem, was mit dem Überfall zu tun hat.

 

PZ: Sie behandeln die Opfer in der ersten Phase nach dem traumatischen Ereignis. Wie gehen Sie vor?

Clemens: Unsere Arbeit ist eigentlich keine Behandlung, sondern eine Akutintervention. Die Betroffenen sind unmittelbar nach der Tat zwar traumatisiert, sie sind aber nicht krank.

 

Die Akutintervention besteht aus mehreren Teilen. Zuerst schauen wir uns an, welche Reaktionsformen bei den Betroffenen auftreten. Danach bringen wir dem Opfer bestimmte Techniken bei, mit denen es einige Symptome ganz gut in den Griff bekommen kann. Dann schauen wir uns die verbleibenden Symptome und das Risikoprofil an und können daraufhin eine Prognose erstellen, ob jemand ein hohes Risiko für eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) hat.

 

PZ: Ist diese Akutintervention bei jedem Überfallopfer notwendig?

Clemens: Es ist sinnvoll, mit jedem Opfer zu sprechen. Es ist zudem wichtig, die Betroffenen über die Prozesse aufzuklären, die in ihnen in den nächsten Tagen ablaufen. Viele Menschen sind ansonsten sehr beunruhigt, wenn etwa Gedächtnisstörungen auftreten. Für jene ist es hilfreich zu wissen, wenn sie wissen, dass solche Reaktion bei jedem stattfinden und ganz normal sind. Zudem ermöglicht die Prognose, wenn nötig, einen schnellen Beginn der Behandlung.

Knigge für Überfallsituationen

Überfälle in Apotheken sind zum Glück selten. Absolut sicher davor ist aber niemand. In der Kriminalstatistik des Bundeskriminalamts (BKA) von 2005 sind insgesamt 164 erfasste Fälle von Betäubungsmittel-Diebstahl aus Apotheken unter »erschwerenden Umständen« registriert. Wer einige Präventionsmaßnahmen beherzigt, kann einen Überfall in der Apotheke zwar nicht verhindern, das Risiko dafür aber deutlich reduzieren. So ist es aus Sicherheitsgründen ratsam, dass der Einblick in die Apotheke von außen ungehindert möglich ist. Das heißt, Schaufenster und Türen sollten nicht zu stark mit Plakaten und Postern zugeklebt sein, nicht zu viele Regale dürfen die Sicht nach draußen versperren und die Beleuchtung (Empfehlung für den Kassenbereich: 500 Lux) muss ausreichend hell sein.

 

Im HV-Alltag tritt häufig der Fall auf, dass das Personal, zum Beispiel zum Geldwechseln, kurz an die Nebenkasse verschwindet. Zuvor sollten die Mitarbeiter immer darauf achten, die verlassene Kasse vollständig zu schließen, damit niemand hineingreifen kann. Die Barbestände in den Kassen können verringert werden, indem nicht nur zum Feierabend größere Geldmengen im Tresor deponiert werden. Sicherheitshalber sollten Geldbestände grundsätzlich nie öffentlich in der Offizin, sondern nur im Büro gezählt werden.

 

Ferner sollten sämtliche Schlüssel am besten am Körper getragen werden, niemals jedoch im Schloss stecken bleiben oder in einer zugänglichen Schublade im HV deponiert werden. Außerhalb der Öffnungszeiten und im Notdienst ist es sicherer, die Tür grundsätzlich nicht zu öffnen und beim Einlassen von Bekannten auch auf andere Personen in der Umgebung zu achten. Da die meisten Täter Tatort und Opfer im Vorfeld sorgfältig auskundschaften, gilt zum Beispiel für Geldtransporte: nicht immer zur gleichen Zeit, nicht immer denselben Weg und nicht immer dieselbe Person.

 

Will der Täter zusammen mit Bekannten in die Apotheke gelangen oder befindet er sich bereits im Raum, so ist ein vom Team festgelegter Warncode wie ein nach hinten gerufenes »die Kassenrolle ist leer« sehr hilfreich, um die Kollegen zu alarmieren. Bereits wenn ein Ladendiebstahl beobachtet wird, kann das sehr nützlich sein. Generell sollte Verdächtiges zum Beispiel mit Zeitangabe, Kfz-Kennzeichen und Personenbeschreibung notiert oder gleich der Polizei gemeldet werden. Diese ist auch Ansprechpartner für weitere Sicherheitsfragen. Über jede Polizeidienststelle kann man die Rufnummer der örtlich zuständigen Beratungsstelle der Kriminalpolizei erfahren.

 

Kommt es trotz aller Präventionsmaßnahmen doch zum Überfall, heißt die Grundregel Nummer eins »Ruhe bewahren«. Das Opfer sollte versuchen, den ersten Schock möglichst schnell zu überwinden und äußerlich verbindlich und selbstsicher zu wirken. Denn Nervosität und Unruhe können sich auch auf den Täter übertragen. Zweites Gebot: Niemals Gefahr bringende Gegenwehr leisten oder sich den Anweisungen des Täters widersetzen. Die eigene Gesundheit hat Vorrang. Waghalsige Aktionen oder Bemerkungen wie »Von mir bekommst du keinen Cent« sind daher unbedingt zu unterlassen.

 

Nur wenn keine unmittelbare Bedrohung besteht, sollte stiller Alarm ausgelöst und die Polizei verständigt werden. Hilfreich für die polizeiliche Ermittlung ist eine möglichst genaue Täterbeschreibung. Jeder Mensch hat etwas Auffälliges oder Sonderbares an sich, das ihn später vielleicht eindeutig identifiziert. Daher ist es wichtig, sich möglichst viele Details einzuprägen.

PZ: Was sind die Konsequenzen der Prognose?

Clemens: Bei einem Großteil der Opfer reichen die Selbstheilungskräfte aus. Sie kommen mit der Situation ohne professionelle Hilfe zurecht. Allerdings kann der Prozess bis zu acht Wochen dauern. Bei Unfallopfern liegt die Wahrscheinlichkeit, eine PTBS auszubilden, bei rund 25 Prozent. Die Menschen mit einem sehr hohen Risiko werden von uns direkt an eine Fachkraft weitervermittelt. Außerdem klären wir die Opfer darüber auf, wie der Therapeut vorgehen wird.

 

PZ: Kann das jeder Psychologe?

Clemens: Nein, Traumatherapie ist eine ganz spezielle Therapieform. Für eine erfolgreiche Behandlung ist es elementar wichtig, dass sie von einem ausgebildeten Traumatherapeuten vorgenommen wird.

 

PZ: Was raten Sie den Betroffenen nach einem Überfall in einer Apotheke? Ist eine Akutintervention grundsätzlich notwendig?

Clemens: Eine Akutintervention ist für ein Überfallopfer sehr entlastend. Sie hatten ein ganz außergewöhnliches und bedrohliches Erlebnis. Professionelle Hilfe ist da immer sinnvoll. Außerdem können wir erkennen, wer ein hohes Risiko für PTBS hat und deshalb dringend schnell behandelt werden muss, weil er diese Krise nicht allein bewältigen kann.

 

PZ: Gibt es bestimmte Persönlichkeiten, die anfällig für PTBS sind?

Clemens: Nein, das kann man vorher kaum abschätzen. PTBS ist keine Charakterschwäche, sondern eine ernste Erkrankung. Sehr ruhige und zurückhaltende Menschen können ebenso betroffen sein wie sehr kommunikative und aktive Menschen.

 

Es gibt allerdings einige Risikofaktoren. So wissen wir heute, dass Menschen eher eine PTBS bekommen, wenn sie zum wiederholten Mal Opfer von Gewalt geworden sind. Frühere Erlebnisse werden in dieser Situation wieder hochgespült und verstärken die Symptomatik. Ein weiterer Risikofaktor sind psychische Zusatzbelastungen während der Selbstheilung. Dazu kann auch das Gefühl gehören, von den Kollegen oder vom Chef nicht mehr akzeptiert zu werden.

 

Generell kann man sagen, dass jemand mit guten Ressourcen, also einem stabilen beruflichen und familiären Umfeld, bessere Chancen hat, den Unfall ohne Hilfe von außen zu verarbeiten.

 

PZ: Beziehen Sie das Umfeld bereits in die Akutintervention ein?

Clemens: Das machen wir. Wenn nötig, erklären wir Partnern, Kollegen oder Chefs, welche Entwicklungen das Unfallopfer in den nächsten Wochen durchmachen wird und wie sie unterstützend eingreifen können. Das ist ganz wichtig, weil die Außenstehenden ansonsten oft nicht verstehen, dass der Heilungsprozess zwei oder sogar drei Monate dauern kann. Wenn das Opfer keine körperlichen Schäden davongetragen hat, erwarten die Menschen im Umfeld oft, dass sich die Probleme in ein oder zwei Tagen erledigt haben.

 

PZ: Ist es für den Betroffenen sinnvoll, möglichst schnell wieder in den normalen Tagesrhythmus zu kommen?

Clemens: Es gibt den Spruch: »Wer vom Pferd gefallen ist, muss sofort wieder aufsteigen.« Das trifft hier aber nicht zu. Traumaopfer brauchen Zeit und Ruhe für den Selbstheilungsprozess.

 

PZ: Nehmen Sie nach dieser Phase noch einmal Kontakt mit den Betroffenen auf?

Clemens: Ja. Wir führen grundsätzlich noch ein Nachsorgegespräch, um den Heilungserfolg zu kontrollieren. Dafür reicht bei vielen Opfern ein Telefonat aus. Nach sechs Monaten machen wir dann noch postalisch eine Katamnese, also eine Abschlusserhebung per Fragebogen. Wenn ein Patient dann noch eine starke Symptomatik hat, nehmen wir sofort direkten Kontakt zu ihm auf. In diesen Fällen ist fast immer während des Heilungsprozesses etwas schief gegangen.

 

PZ: Wie lange dauert eine Traumatherapie, wenn ein Überfallopfer eine PTBS entwickelt?

Clemens: Das kann stark variieren. Bei Menschen mit guten Ressourcen und ohne Vorbelastungen reichen 15 bis 20 Stunden. Wenn es aber bereits traumatische Erlebnisse im Vorfeld gab, dann kann die Therapie sehr viel länger dauern.

 

PZ: Ist es denn für einen Angestellten ratsam, den Chef auf das Thema anzusprechen? Womöglich kommt bei dem an: »Der ist zu schwach, um hier weiter zu arbeiten.«

Clemens: Eine PTBS hat nichts mit Schwäche zu tun. Es ist ein ernste Krankheit. Sie kann jeden treffen. Deshalb wäre die von Ihnen beschriebene Reaktion vollkommen verkehrt. Niemand, der unter einem Trauma leidet, muss sich dafür schämen.

 

Überfälle und ihre Folgen werden häufig unterschätzt. Die Medien suggerieren uns, dass ein Überfall etwas ganz Alltägliches ist. Das ist aber schlicht falsch. Ein Überfall ist eine Gewalttat und deshalb eine enorme Belastung für die Betroffenen.

 

PZ: Können Sie mit der Akutintervention nur früher entscheiden, wer eine PTBS bekommt oder senken Sie auch das Risiko dafür?

Clemens: Wir haben da recht gute Daten. Das Risiko, nach einem Überfall an PTBS zu erkranken, liegt bei 22 bis 25 Prozent. Nach einer Akutintervention liegt das Risiko nur noch bei 7 Prozent, weil wir diejenigen, die wir als gefährdet einschätzen, frühzeitig in therapeutische Behandlung schicken können.

 

PZ: Was kosten ihre Dienstleistungen?

Clemens: Zum einen sind unsere Leistungen in einige Versicherungen, vor allem für Banken, eingeschlossen. Wir arbeiten auch mit Berufsgenossenschaften zusammen. In vielen Fällen werden wir aber auch direkt von dem überfallenen Betrieb angesprochen. Der Preis ist Verhandlungssache.

 

PZ: Ist das für eine Apotheke finanzierbar?

Clemens: Ja natürlich, wir haben auch schon für Apotheken gearbeitet. Bislang konnten wir uns noch immer auf einen Preis einigen. Bei der Kalkulation sollte der Arbeitgeber auch berücksichtigen, dass ihm durch die Akutintervention möglicherweise erhebliche Kosten wegen Arbeitsausfällen erspart bleiben.

Kontakt

Die Humanprotect Consulting GmbH betreut Opfer von Überfällen, Unfällen oder Terroranschlägen. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der Akutintervention unmittelbar nach dem Ereignis. Dafür arbeitet das Unternehmen mit speziell ausgebildeten Psychologen zusammen. Die Diplompsychologin Karin Clemens ist einer der beiden Geschäftsführer des Unternehmens. Sie arbeitet seit vielen Jahren in der Akutintervention und hat unter anderem deutsche Opfer der Terroranschläge des 11. Septembers in New York betreut.

 

Kontakt: Humanprotect, Worringer Straße 25, 50668 Köln, kontakt(at)humanprotect.de, Telefon: 0221/912496-26.

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