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Staphylococcus aureus spielt Versteck

11.04.2006  16:22 Uhr

Krankenhaus-Infektionen

Staphylococcus aureus spielt Versteck

von Helga Anton-Beitz, Tübingen

 

Staphylococcus aureus kann bei hospitalisierten Patienten lebensbedrohliche Infektionen auslösen. Eine neue Studie zeigt, dass sich der Keim in Amöben vermehren kann und zwar deutlich besser als ohne die Einzeller. Da Amöben praktisch überall vorkommen, können die neuen Erkenntnisse starke Auswirkungen auf die Hygienevorschriften für Krankenhäuser haben.

 

Staphylococcus aureus ist für Gesunde ungefährlich. Bei etwa 20 Prozent der Bevölkerung besiedelt der Keim die Schleimhaut des vorderen Nasenvorhofes, ohne dass die betroffenen Personen etwas davon bemerken. Bei kranken oder verletzten Menschen jedoch, kann der Erreger eine Wundinfektion, Pneumonie oder Sepsis auslösen. Besondere Probleme bereiten Methicillin-resistente Staphylococcus aureus Stämme (MRSA), die gegen gängige Antibiotika resistent sind. Sie sind die häufigste Ursache von nosokomialen Infektionen mit letalem Ausgang.

 

Seit ihrer ersten Beschreibung 1963 breiten sich die resistenten Stämme stetig aus. Im Jahr 2003 waren 30 Prozent der Isolate deutscher Intensivstationen MRSA. Durch die Verlegung von Patienten zwischen Kliniken kann es zu Infektionsausbrüchen mit zum Teil europaweiter Verbreitung kommen (so genannte epidemische MRSA). Da Staphylococcus aureus vorwiegend über Hautkontakt übertragen wird, kommt der Händedesinfektion des Pflegepersonals eine besondere Bedeutung zu.

 

Die Ergebnisse einer Forschergruppe um Michael Brown von der University of Bath, Großbritannien, zeigen, dass hier von einer bislang völlig unbeachteten Richtung Gefahr drohen könnte. Die Gruppe kultivierte vier verschiedene epidemische MRSA-Stämme zusammen mit Amöben und verglich das bakterielle Wachstum mit dem einer reinen MRSA-Kultur. Jeder Bakterien-Stamm war in der Lage, die Amöben zu besiedeln, berichten die Forscher in einer Online-Veröffentlichung des Fachmagazins »Environmental Microbiology« (DOI: 10.1111/j.1462-2920.2006.00991). In den Einzellern bei 37 Grad Celsius vermehrten sie sich bis zu 1000fach besser.

 

Pathogen und resistent

 

Das Zusammenspiel von Bakterien und Amöben ist bereits von anderen humanpathogenen Keimen bekannt. Legionellen zum Beispiel, die Erreger der Legionärskrankheit, sind in ihrer Vermehrung auf Amöben regelrecht angewiesen und werden durch deren Besiedelung auch pathogener und unempfindlicher gegenüber Antibiotika. Die zu Grunde liegenden Mechanismen sind noch nicht geklärt. Bekannt ist jedoch, dass die Bakterien durch die Vermehrung im sauren Milieu innerhalb der Amöben eine ganze Reihe von morphologischen und physiologischen Veränderungen durchmachen. Niedrige pH-Werte aktivieren zum Beispiel die Expression bakterieller Virulenzgene. Auch Staphylococcus aureus besitzt solche pH-abhängigen Gene, und es ist nicht auszuschließen, dass auch bei ihm eine Zunahme der Virulenz und Resistenz auftreten könnte.

 

Als Konsequenz aus seinen Untersuchungen empfiehlt Brown jedes mögliche Amöben-Reservoir, wie Vasen oder offene Trinkgefäße, aus der unmittelbaren Nähe von Patienten zu entfernen. Damit soll verhindert werden, dass sich das Pflegepersonal nach der Händedesinfektion erneut kontaminieren könnte. Auch das Waschbecken selbst könnte hier einen Risikofaktor darstellen. Untersuchungen auf Station sollen nun möglichst bald klären, ob Amöben und Staphylokokken unter Krankenhausbedingungen tatsächlich als Tandem auftreten. Wenn dem so ist, müssen die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts zur Eindämmung von MRSA-Infektionen aktualisiert werden.

 

Quelle: Huws, S. A., et al., Amoebae promote persistence of epidemic strains of MRSA. Environmental Microbiology, doi:10.1111/j.1462-2920.2006. 00991.x (2006)

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