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Gesundheitsberufe

Jobmotor Nummer eins

11.04.2006  16:48 Uhr

Gesundheitsberufe

Jobmotor Nummer eins

von Gudrun Heyn, Berlin

 

Menschen in den Gesundheitsberufen stehen in diesem Jahr im Mittelpunkt des Weltgesundheitstages. Während die Weltgesundheitsorganisation WHO mit Blick auf die armen Länder von einer Krise spricht, ist in Deutschland die Entwicklung durchaus positiv.

 

Nach Angaben der WHO arbeiten weltweit mehr als 35 Millionen Menschen im Gesundheitswesen. Dabei gibt es jedoch erhebliche Unterschiede zwischen armen und reichen Ländern. Während in den Industrienationen ein Arzt auf 300 Einwohner kommt, ist in den ärmsten Regionen der Welt ein Mediziner für mehr als 10.000 Menschen zuständig. »Diese ungleiche Verteilung qualifizierter Personen im Gesundheitswesen ist ein sehr bedrückendes Ergebnis des Weltgesundheitsberichts«, sagte die Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Helga Kühn-Mengel, anlässlich des Weltgesundheitstages.

 

4,2 Millionen Beschäftigte

 

In Deutschland hat sich die Gesundheitsbranche inzwischen zu einem Wachstumsmotor entwickelt. In der Bundesrepublik gibt es derzeit über 4,2 Millionen Beschäftigte, die sich direkt oder indirekt um das Wohl der Patienten kümmern. Entgegen dem allgemeinen Trend in der Wirtschaft nimmt die Zahl der Arbeitsplätze im Gesundheitswesen stetig zu. »Die Gesundheitsberufe sind bei uns zum Jobmotor Nummer eins geworden«, sagte die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Gesundheit Marion Caspers-Merk. Auch die Umsätze sollen nach Einschätzung von Experten steigen.

 

Hohe Qualität und medizinischer Fortschritt für alle zeichnen als politische Zielvorgaben unser derzeitiges Gesundheitswesen aus. Um dies weiterhin garantieren zu können, werde im Rahmen der Gesundheitsreform auch über Strukturveränderungen diskutiert, sagte Caspers-Merk. Eines der Ziele sei es, das Gesundheitswesen weiter zu entbürokratisieren. »Ich habe deshalb zwölf\ Vertreter der wichtigsten Verbände der Ärzteschaft und der Kassen zu einer Arbeitsgruppe Bürokratieabbau eingeladen«, sagte die Staatssekretärin. Unter anderem stehen die Chroniker-Programme sowie das Kontroll- und Abrechnungswesen auf dem Prüfstand. Bis Ende Mai werden konkrete Vorschläge zur Entbürokratisierung erarbeitet werden. Anschließend sollen die Ergebnisse in die Gesetzgebung einfließen und außerdem dazu dienen, die bürokratischen Hürden zu beseitigen, die die Selbstverwaltung selbst geschaffen habe, sagte Caspers-Merk.

 

In einem zweiten Schritt ist dann geplant Vertreter anderer Gesundheitsbereiche, wie etwa die Apotheker einzuladen. Besonders im Berufsrecht und in der Apothekenbetriebsordnung sieht Caspers-Merk noch Möglichkeiten den Verwaltungsaufwand zu reduzieren.

 

Zu wenig Kooperation

 

Es sei aber nicht allein die Bürokratie, die das Gesundheitssystem bremse. Auch die verschiedenen Berufsrechte stünden aktuell auf dem Prüfstand. Starre Hierarchien, Sektorendenken und zu wenig Kooperation zwischen den einzelnen Berufsgruppen machten die Gesundheitsversorgung ineffektiv. So sollen beispielsweise im pflegerischen Bereich bei vielen Aufgaben der Arztvorbehalt wegfallen. Gut ausgebildete Krankenschwestern könnten viele Arbeiten der Ärzte übernehmen.

 

Auch die Europäisierung wirkt sich auf die Gesundheitsberufe aus. Derzeit sind rund 18.000 Ärzte aus europäischen Ländern in der Bundesrepublik beschäftigt. Dem stehen etwa 12.000 deutsche Ärzte gegenüber, die im europäischen Ausland ihr Brot verdienen. Caspers-Merk hält diesen Austausch für richtig: »Es muss zum Normalfall werden, dass junge Menschen in ganz Europa arbeiten und dort gemachte Erfahrungen wieder mitbringen.«

 

Eine weitere Herausforderung für die Gesundheitsberufe sei der demographische Wandel in Deutschland. Schon heute ist etwa ein Viertel der Bevölkerung über 60 Jahre alt. Dieser Anteil wird sich in den kommenden Jahren noch weiter vergrößern, der Anteil multimorbider, chronisch Kranker Patienten werde weiter steigen. »Heute braucht man bereits drei bis vier Spezialisten, um einen dieser Patienten medizinisch zu versorgen«, sagte Professor Dr. Holger Pfaff vom Zentrum für Versorgungsforschung (ZVK).

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