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Jetzt schon Vakzine gegen Vogelgrippe einlagern

11.04.2006  17:51 Uhr

Jetzt schon Vakzine gegen Vogelgrippe einlagern

von Christina Hohmann, Eschborn

 

Die Länder sollten sich mit Impfstoff gegen den Erreger der Vogelgrippe H5N1 bevorraten, bevor eine Pandemie beginnt, meinen Experten. Präpandemische Vakzine verhindern Infektionen zwar nicht, würden aber die Zahl der Todesfälle deutlich reduzieren.

 

Reisebeschränkungen und Schließungen von Schulen allein reichen nach neuen Daten von Computersimulationen nicht aus, um die Zahl der Todesopfer bei einer möglichen Grippepandemie zu reduzieren. Auf solche Maßnahmen verlassen sich aber die meisten Nationen derzeit. »Im ersten halben Jahr einer Pandemie verlassen wir uns auf das etablierte Gesundheitssystem und auf soziale Distanzierung«, erklärte der US-Gesundheitsminister Michael Levitt gegenüber einem Kongressausschuss. Unter »sozialer Distanzierung« werden verschiedene Maßnahmen verstanden, die den zwischenmenschlichen Kontakt reduzieren, wie vorübergehende Schulschließungen oder Freistellung der Arbeitnehmer.

 

Im Fall einer Grippepandemie würden pharmazeutische Unternehmen sechs Monate benötigen, einen effektiven Impfstoff gegen das Pandemievirus zu entwickeln und zu produzieren. In dieser Zeit könnte eine Impfung mit einer präpandemischen Vakzine, die nicht das Pandemievirus, sondern inaktivierte Viren eines älteren Stamms des Influenzavirus H5N1 enthält, schützen. Eine solche Impfung verhindert zwar keine Infektionen, doch sie schützt vor schweren bis tödlichen Verläufen der Grippe und senkt außerdem die Infektiosität der Patienten.

 

Wie effektiv eine derartige Schutzimpfung sein könnte, ermittelten Forscher um Ira Longini von der University of Washington in Seattle anhand eines Computermodells, das die Verbreitung eines Influenzavirus zu Beginn einer Pandemie simuliert. Sie untersuchten dabei den Effekt, den Maßnahmen wie Impfung mit präpandemischer Vakzine, die Gabe von antiviralen Medikamenten oder soziale Distanzierung auf die Verbreitungsgeschwindigkeit haben. Bei einem schwach infektiösen Virus reicht jede Maßnahme allein aus, um die Ausbreitung der Grippe zu kontrollieren. Bei einem mittelmäßig infektiösem Erreger, wie es das Influenzavirus von 1918 war, zeigen Strategien zur Vermeidung von zwischenmenschlichen Kontakten keinerlei Wirkung. Im Computermodell erkrankte die Hälfte der Einwohner der USA. Eine Impfung mit präpandemischer Vakzine, die die Anfälligkeit gegen den Erreger nur um ein Drittel verringerte, senkte dagegen die Zahl der Infizierten deutlich. Noch effektiver war diese Maßnahme in Verbindung mit Distanzierungs-Strategien und der Behandlung aller Kontaktpersonen mit antiviralen Medikamenten, berichten die Forscher im Fachmagazin »Proceedings of the National Academy of Sciences« (DOI: 10.1073/pnas.0601266103). »Wie wirksam diese präpandemischen Impfstoffe sind, die nur einen geringen Schutz bieten, hat uns überrascht, sagte der Studienleiter Longini gegenüber dem Fachmagazin »NewScientist«. »Es ist eine gute Idee, sich jetzt mit Impfstoff zu bevorraten.«

 

Die USA planen dies bereits. Die Regierung will insgesamt 1,2 Milliarden US-Dollar für präpandemische Vakzine ausgeben. Die britische Regierung hat sich bereits versorgt. Sie hat bei den Impfstoffherstellern Chiron und Baxter insgesamt 3,5 Millionen Impfdosen bestellt, die bis Oktober ausgeliefert werden sollen. Sie sollen vor allem für den Schutz von Gruppen mit erhöhtem Kontaktrisiko eingesetzt werden. Auch die italienische und französische Regierung haben Impfdosen bestellt. Inwieweit Deutschland sich ebenfalls mit präpandemischer Vakzine bevorratet, ist nicht bekannt.

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