Pharmazeutische Zeitung online

»Extrem positive Aussichten«

11.04.2006  10:54 Uhr

Interview

»Extrem positive Aussichten«

von Thomas Bellartz, Berlin

 

Die private Krankenversicherung steht in der Schusslinie von nicht wenigen SPD-Abgeordneten sowie des Bundesgesundheitsministeriums. Die PZ sprach mit dem Vertriebsdirektor der DKV Deutsche Krankenversicherung, Dr. David Stachon, über die Perspektiven der privaten Krankenversicherer.

 

PZ: Wie bewerten Sie die jüngsten Debatten über die Zukunft des Gesundheitssystems?

Stachon: Heute müssen wir davon ausgehen, dass gesetzlich Krankenversicherte im Jahr 2030 rund ein Drittel ihres Einkommens für die Gesundheit ausgeben werden. Betrachtet man alleine die Bevölkerungsentwicklung, also die Tatsache, dass seit über zwanzig Jahren viel zu wenige Kinder geboren werden, dann erkennt man schnell, wie die Zukunftsaussichten sind. Immer weniger junge, gesunde, arbeitende Menschen müssen einen immer größeren Anteil ihres Einkommens für immer mehr ältere Leistungsempfänger aufbringen. Um diese eine, schon recht triviale Weisheit muss sich die Politik kümmern; darum kommt sie nicht herum.

 

PZ: Die Politik in Berlin plant eine große Gesundheitsreform. Was halten Sie davon?

Stachon: Es gehört zu den Utopien der großen Volksparteien, dass sie sich verschiedenen Modellen der Finanzierungsseite widmen, weil sie glauben, darin liege die Lösung für ein sehr grundsätzliches demographisches und sehr dynamisches Problem. Dabei muss man heute schon festhalten, dass rund ein Viertel aller Leistungen im Gesundheitswesen privat finanziert werden, und das mit stark steigender Tendenz. So sind elf Prozent der Menschen privat krankenversichert. Zusätzlich, und das wird häufig nicht erwähnt, werden bereits heute 12 bis 13 Prozent der Leistungen im Gesundheitssektor privat bezahlt, beispielsweise über Zuzahlungen. Auch daran ist erkennbar, dass das heutige, staatlich dominierte und regulierte System den Weg nicht weiter mitgehen kann.

 

PZ: Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass mit dem Anstieg der finanziellen Verantwortung auch ein Interesse der Versicherten an der Qualität der Gesundheitsdienstleistungen einhergehen wird. Wo sehen Sie Entwicklungsmöglichkeiten?

Stachon: Bei den Gesundheitsdienstleistungen sollten Versicherte qualitativ selektieren können. Das ist im heutigen System grundsätzlich sehr schwierig. Es gibt nur sehr wenige Benchmarks. (Alt.: für jedermann verfügbare Informationen über die Qualität) Viele wichtige Kennzahlen werden unter Verschluss gehalten. Wir haben als privater Krankenversicherer beispielsweise einen Tarif »Best Care« eingeführt. Dieser sehr exklusive Tarif gilt für sechzehn schwerwiegende Krankheiten. Ziel ist es zu garantieren, dass der Patient innerhalb von fünf Tagen zu einem Top-Spezialisten der jeweiligen Indikation gelangt. Deshalb müssen wir vorher identifizieren, wer überhaupt zu den Top-Behandlern in Deutschland zählt.

 

PZ: Sie müssen faktisch eine Positivliste einrichten?

Stachon: Ja, das ist richtig. Wir orientieren uns dabei beispielsweise an den Komplikationsraten. Das heißt, wir versuchen herauszufinden, wer wirklich die beste Leistung erbringt. Das hat schließlich Folgen für den Patienten, aber auch für den Krankenversicherer.

 

PZ: Wer stellt in Ihrem Haus fest, wer der geeignete Spezialist ist?

Stachon: Zum einen haben wir ein so genanntes Scientific Board eingerichtet. Diese Gruppe von Spezialisten sichtet die Dokumentation und wählt die jeweiligen Kollegen, sozusagen die Koryphäen, in ihren Fachgebieten aus.

 

PZ: Das bedeutet, dass dieser Tarif wahrscheinlich noch teurer und noch exklusiver ist, als die ohnehin schon von der DKV angebotenen Tarife. Spricht das für die Zwei- oder sogar Mehrklassenmedizin?

Stachon: Die Einklassenmedizin ist eine Illusion. Es passt natürlich nicht in das Gesellschaftskonzept, wahrzunehmen und anzuerkennen, dass es nicht nur eine Zweiklassenmedizin gibt, sondern vielleicht sogar eine Drei- oder Vierklassenmedizin. Die Gesellschaft muss anerkennen, dass der Standard nach unten geht und nicht nach oben. Mit dieser Diskussion muss sich die Politik endlich auseinander setzen.

 

PZ: In der öffentlichen Wahrnehmung wird immer häufiger die Existenz der privaten Krankenversicherung hinterfragt. Ulla Schmidt vermittelt den Eindruck, als wolle sie die PKV abschaffen. Wie stehen Sie dazu?

Stachon: In einer Zeitung stand kürzlich, Schmidt wolle die PKV zertrümmern. Ich glaube, dass Frau Schmidt das tatsächlich will. Aber allein die DKV hat Altersrückstellungen in Höhe von gut 16,5 Milliarden Euro. Da kommt Frau Schmidt nicht ran. Es ist doch so, dass der Politik und den Regulierern im Gesundheitswesen das große Finanzierungsmittel fehlt und es fehlt auch der entscheidende Hebel. Ein wichtiger Punkt in diesem Zusammenhang ist die Höhe der Beitragsbemessungsgrenze. Stellen Sie sich vor, die private Krankenversicherung wäre als Konkurrenzsystem zur Gesetzlichen Krankenversicherung nicht mehr vorhanden. In kürzester Zeit würde die Politik angesichts weiterhin ausufernder Ausgaben und in Ermangelung von Finanzierungsgrundlagen das Beitragslevel weiter nach oben ziehen, und damit die so genannten Besserverdiener treffen und schröpfen. Allerdings würde auch das die Finanzierung der GKV nicht grundsätzlich verbessern. In Ermangelung eines Konkurrenzsystems würden in kürzester Zeit alle Versicherten betroffen sein. Gibt es keine Fluchtmöglichkeiten, dann steigen die Beiträge für die gesetzlich Krankenversicherten in kürzester Zeit an.

 

PZ: Sie machen nicht den Eindruck, als ob Sie das politische Kampfgetöse in Berlin sonderlich aufregen würde?

Stachon: Das kann uns natürlich nicht egal sein. Aber wir stellen natürlich fest, dass wir, selbst wenn die Vollversicherung abgeschafft werden würde - dazu wird es nie kommen - , immer noch unser Geschäft mit Zusatzversicherungen hätten. Das ist im Übrigen ein sehr interessantes Geschäft, wie auch Gesetzliche Krankenversicherer erkannt haben. Wir haben beispielsweise Kooperation mit zahlreichen AOK´n. Und die Kombination aus gesetzlicher Krankenversicherung und privater Zusatzversicherung führt dazu, dass die Wechselhäufigkeit bei den AOK-Versicherten erheblich gesunken ist.

 

PZ: Sind diese sehr zaghaften Ausprägungen von Wettbewerb in der GKV aus Ihrer Sicht ein erster Schritt für ein grundsätzlich neues wettbewerbliches Verständnis in der Krankenversicherung?

Stachon: Mit dem Wettbewerb haben die privaten Krankenversicherer ihre Erfahrungen. Dass sich trotzdem die Politik gerne einmischt, zeugt vom mangelndem wettbewerblichen Verständnis mancher Politiker, die lieber regulieren als dem Markt einigermaßen freien Lauf zu lassen. Wenn also zum Beispiel im politischen Raum die Möglichkeit zur Mitnahme von Rückstellungen beim Wechsel von einer privaten Krankenversicherung in eine andere gesprochen wird, dann zeugt das von einem grundsätzlichen Mangel an Kenntnissen über die private Krankenversicherung.

Man muss wissen, dass Planungssicherheit ihren Preis hat. In diesem Zusammenhang darf ich darauf hinweisen, dass unser Geschäft beispielsweise die Anlage von Versichertengeldern am Kapitalmarkt ist. Das haben wir in der Vergangenheit erfolgreich gemacht. Doch: Die Option, Verträge vor deren Ablauf oder während des Verlaufs zu kündigen, kostet in der Wirtschaft überall Geld. Warum sollte das in der PKV anders sein?

 

PZ: Der Wettbewerb führt zu einer starken Konsolidierung im Markt der privaten Krankenversicherungen. Wie wird sich dieser Trend fortsetzen?

Stachon: Wir als DKV haben mit der Integration der Zürich- und der Globale Krankenversicherung in den vergangenen beiden Jahren ein einzigartiges Wissen erworben. Bestimmte Dinge, wie zum Beispiel ein ausgeklügeltes Leistungs- und Gesundheitsmanagement müssen Sie im Interesse ihrer Versicherten heutzutage vorhalten. Dazu brauchen Sie neben Kenntnissen auch eine gewisse Größe, damit Sie dies betriebswirtschaftlich erfolgreich tun können. Große Unternehmen, wie die DKV, haben hier erhebliche Vorteile gegenüber den kleinen Unternehmen am Markt. Es gibt heute knapp 50 PKV-Unternehmen im deutschen Markt. Das werden in den nächsten Jahren deutlich weniger werden. Auch wir werden, wenn es sich ergibt, über Zukäufe nachdenken.

 

PZ: Die Marktaussichten im Gesundheitssystem und in der PKV bewerten Sie grundsätzlich sehr positiv. Wie wird sich der Markt entwickeln?

Stachon: Wir gehen davon aus, dass die Marktaussichten extrem positiv sind. Basis dafür ist auch die Tatsache, dass immer mehr Gesundheitsleistungen privat finanziert werden müssen. Die Signale aus der Politik in der Vergangenheit waren eindeutig. Denken Sie an das Krankengeld, an die Zahnbehandlungen oder die private Unfallversicherung. Wichtig ist natürlich die Pflicht zur Versicherung. Und wichtig ist auch, dass die klassischen Unfälle abgesichert werden. Wenn Sie in der öffentlichen Debatte verfolgen, dass Sportarten wie Paraglyding oder Tauchen als Beispiel für eine mögliche Kostenexplosion genannt werden, dann ist das natürlich Quatsch. Die Unfallversicherung soll Menschen schützen. Natürlich ist die Frage, was schützenswert ist, also was von den Versicherungen erstattet werden soll. Aber es muss ebenso geklärt werden, was privat finanziert werden soll. Ein gutes Beispiel ist die Zahnbehandlung. Hier gilt: Zahnbehandlungen sind keine lebensnotwendige Medizin. Aber natürlich gibt es auch eine soziale und gesellschaftspolitische Komponente. An diesem Beispiel kann die Gesellschaft den Weg wählen.

 

PZ: Wie also ist das Problem zu lösen? Es gibt steigende Ausgaben, sinkende Einnahmen und einen immer größeren Anteil, der privat finanziert werden muss. Was ist aus Ihrer Sicht möglich?

Stachon: Ich würde grundsätzlich das zweigleisige System erhalten und die GKV von den versicherungsfremden Leistungen entlasten. Richtig ist, dass Versicherte in Zukunft mehr Verantwortung für ihre eigene Gesundheit übernehmen müssen. Sie müssen von der Politik in die Lage versetzt werden, mehr eigenverantwortliche Zukunftsvorsorge leisten zu können. An einem Mehr an Kapitaldeckung nach dem Beispiel der PKV führt kein Weg vorbei. Das wird nicht zügig genug umgesetzt. Im Übrigen glaube ich, dass die Versicherungswirtschaft von solchen Impulsen profitieren könnte. Als privater Versicherer gehören die freien Berufe nicht nur zu unseren Geschäftspartnern, sondern auch zur klassischen Klientel beim Abschluss.

 

PZ: Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Stachon: Wir haben einen klaren Schulterschluss mit den freien Berufen. Der Erhalt der Freiberuflichkeit ist von größter Bedeutung für den Erfolg der Gesundheitsversorgung und des Gesundheitssystems insgesamt. Freiberuflichkeit sichert die Versorgung. Die Politik darf diesen Aspekt nicht vernachlässigen.

Mehr von Avoxa