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Soziales Engagement

Der steinige Weg in die Offizin

03.04.2018
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Von Jennifer Evans, Magdeburg / Wer seine pharmazeutischen Qualifikationen außerhalb der EU erworben hat, hat es hierzulande mit der Anerkennung oft schwer. Die Apothekerin Petra Isenhuth hat es sich zur Aufgabe gemacht, Flüchtlinge dabei zu unterstützen, in der Branche Fuß zu fassen. Ihr Einsatz geht weit über die Bürokratie hinaus.

Die Erfahrungen der vergangenen Jahre möchte Petra Isenhuth nicht missen. Im Herbst 2015 hat die Leiterin der Ost-Apotheke in Magdeburg damit begonnen, Flüchtlinge mit pharmazeutischem Hintergrund beim Sprach- und Qualifikationserwerb zu unterstützen. Mittlerweile hat sie die dritte ausländische Hospitantin in ihrer Offizin. Dieses Projekt, da ist sich Isenhuth sicher, hätte niemals ohne ihr tolles Team in der Apotheke funktioniert. Vorgenommen hatte sie sich nämlich, dass ihre Hospitanten zu jedem Zeitpunkt einen Ansprechpartner haben, der sich ein wenig Zeit nehmen kann. Selbst dann, wenn Isenhuth als Apothekerin ohne Grenzen manchmal monatelang nicht selbst vor Ort sein kann.

 

Azam Hanifeh hospitierte zwischen Mai 2016 und September 2017 in der Magdeburger Apotheke. Zu dem Zeitpunkt hatte die heute 32-Jährige bereits Abitur sowie eine sechsmonatige PTA-Ausbildung in ihrer iranischen Heimat abgeschlossen. In Deutschland muss sie nun aber wieder bei Null anfangen. Hanifehs Ausbildung wird nicht anerkannt. Grundvoraussetzung ist hierzulande zunächst ein Sprachzertifikat der Stufe B2, das dem gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen zufolge das Niveau der sogenannten selbstständigen Sprachverwendung bescheinigt. Inzwischen hat Hanifeh schon die B1-Prüfung in der Tasche. Ihr fehlt lediglich noch eine Stufe bis zum Ziel.

 

Praktische Erfahrung

 

Damit aber nicht genug: In Sachsen-Anhalt müsse Hanifeh zudem eine Kenntnisprüfung vorweisen, die inhaltlich der Abschlussprüfung einer deutschen PTA-Ausbildung entspricht, erklärt Isenhuth. Der Iranerin kam sehr zugute, dass sie in der Ost-Apotheke zwei- bis dreimal in der Woche die praktische Arbeit einer deutschen Offizin miterleben durfte. Letztlich orientierte sich Hanifeh aber beruflich etwas um und begann im vergangenen September eine Ausbildung zur Medizinischen Dokumentationsassistentin.

 

Hanifehs Aufgabe in der Ost-Apotheke war es, Bestelllisten zu vergleichen, die Verfallsdaten zu kontrollieren und Indikationen zu lernen. Zudem fand sie es besonders spannend, Apothekerinnen bei der Rezeptur über die Schulter zu schauen. »Die Herstellung von Salben ist im Iran sehr selten«, sagt Hanifeh. Sie sieht eine ganze Reihe von Unterschieden: So sind die Arzneimittel in ihrer Heimat nach Indikation sortiert und stehen allesamt im Regal. Ihre Landsleute wollten die Medikamente immer sofort kaufen und einnehmen, erzählt sie. Das Umräumen in Schränke oder Schubladen lohne sich kaum. Besonders beliebt im Iran seien Marken wie Hexal und Merck. Nach Hanifehs Angaben sind diese zwar um einiges teurer, hätten aber mit Blick auf die Verträglichkeit weniger Nachteile als iranische Medikamente.

 

In Syrien gibt es wieder ein anderes Ordnungssystem in der Offizin. Arzneimittel werden dort nach Hersteller sortiert. Das erzählt Ihsan Agha, die seit rund sechs Monaten bei Isenhuth hospitiert. Die Syrerin findet außerdem, dass der Entscheidungsspielraum der Apotheker in Deutschland begrenzter ist, als sie es kennt. So dürften Apotheker in ihrer Heimat etwa Schmerzmittel spritzen oder Antibiotika ohne Rezept abgeben. Auch die entsprechende Diagnose für die Antibiotika-Einnahme stellten die Pharmazeuten selbst. »Insgesamt gibt es in Syrien mehr apothekenpflichtige Medikamente, dafür viel weniger rezeptpflichtige«, sagt sie. Ein syrischer Patient begleicht seine Rechnung zudem direkt beim Apotheker, eine Abrechnung über Krankenkassen gibt es nicht.

 

Agha hat Pharmazie studiert und 15 Jahre lang als Apothekerin gearbeitet. Wegen des Krieges musste sie mit ihrer 17-jährigen Tochter 2015 das Land verlassen. Ihr Ehemann brach bereits sechs Monate früher auf. »Er ist zu Fuß nach Deutschland gelaufen«, erzählt sie.

 

Große Unterschiede

Im Rahmen ihrer Berufsanerkennung musste Agha neben dem B2-Sprachzertifkat eine Fachsprachenprüfung bei der Apothekerkammer Sachsen-Anhalt ablegen. Im vergangenen Dezember hat sie diese bestanden. »Das ganze Team hat sich wahnsinnig gefreut«, erinnert sich Isenhuth. Die dreiteilige Fachsprachenprüfung ist auch Voraussetzung für die Erteilung der Approbation und besteht aus einem simulierten Apotheker-Patienten-Gespräch, dem Anfertigen eines in der pharmazeutischen Praxis vorkommenden Schriftstücks und einem Gespräch mit einem weiteren Heilberufler.

 

Das Prozedere ist Isenhuth zufolge aber von Bundesland zu Bundesland sehr verschieden, beispielsweise mit Blick auf Kosten und Zuständigkeiten sowie die Häufigkeit, mit der die Prüfungen für ausländische Apotheker angeboten werden. Im Fokus der Fachsprachenprüfung steht die sprachliche Kompetenz, eine zusätzliche Kenntnisprüfung zielt dann auf das für den Beruf nötige pharmazeutische und rechtliche Wissen ab. Der Inhalt der Kenntnisprüfung ist nach Angaben der ABDA vergleichbar mit dem der deutschen staatlichen Abschlussprüfung für Apotheker.

 

Ihr Universitätsabschluss in Pharmazie und die jahrelange Erfahrung in der Apotheke helfen der 40-jährigen Agha hierzulande kaum. »Wer in Deutschland keinen anerkannten Abschluss hat, ist nicht einmal Pharmazeuten im Praktikum gleichgestellt, sondern darf lediglich Hospitant sein«, so Isenhuth. Demzufolge ist es Agha auch nicht erlaubt, pharmazeutische Tätigkeiten zu übernehmen. Für diese Schieflage müsse es endlich eine eindeutige Regelung geben, fordert Isenhuth. Immerhin wäre es derzeit für ausländische Apotheker theoretisch möglich, die hierzulande nötigen Qualifikationen zu erlangen und im Anschluss ohne jede Praxis in einer deutschen Offizin zu landen.

 

Isenhuth wünscht sich eine Diskus­sion darüber, ob Betroffene ab einer gewissen Berufserfahrung nicht Pharmazeuten im Praktikum gleichgestellt werden sollten und ob ein Praktikum in der Apotheke nicht verpflichtend sein sollte. Nicht alle sind so engagiert wie die Syrerin und hospitieren parallel zu ihren Prüfungsvorbereitungen in einer deutschen Apotheke. Gerne hätte die Apothekenleiterin Agha und Hanifeh für ihre Unterstützung honoriert. »Die Jobcenter würden sogar mittlerweile einen Teil der Arbeit in einer Apotheke bezahlen, aber hierfür gibt es derzeit keine berufsrechtliche Grundlage«, erläutert Isenhuth das Problem.

 

Dass PTA laut Beschäftigungsverordnung nicht als sogenannter Mangelberuf gilt, erschwert zusätzlich den Berufseinstieg in Deutschland. Für Personen mit Qualifikationen aus entsprechend gelisteten Bereichen sind die Bedingungen hingegen leichter.

 

Insgesamt freut sich Isenhuth sehr über die große Bereitschaft ihrer Kunden, die ausländischen Hospitanten selbst bei Beratungsgesprächen zuhören zu lassen. Für ihr soziales Engagement erhielt die Magdeburgerin im vergangenen Jahr den Deutschen Apotheken-Award. Wichtiger als die Auszeichnung ist für die Apothekenleiterin und ihr Team aber »der Gewinn an tollen Erfahrungen über fremde Kulturkreise«.

 

In der Branche Fuß fassen

 

Bislang kamen interessierte Flüchtlinge mit pharmazeutischem Hintergrund stets über Mundpropaganda zu Isenhuth. Sie hofft, dass dies auch so bleibt. Denn auch in Zukunft will sie weiter ausländischen Hospitanten Einblicke in ihre Offizin gewähren und diese dabei unterstützen, in der Branche Fuß zu fassen. Für Isenhuth ist die Aufgabe mehr als ein Projekt, auch bei allgemeinen Anträgen und Behördengängen steht sie ihren Schützlingen mit Rat und Tat zur Seite: »Es geht schließlich auch um unseren Berufsnachwuchs«, sagt sie. Gerne gibt die Apothekerin ihre Erfahrungen sowie praktische Tipps an interessierte Kollegen weiter, die sich von ihrem Engagement inspiriert fühlen. Die Kontaktdaten sind auf der Website der Apotheke www.ostapotheke.net zu finden. /

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