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Zikasyndrom

Kinder dauerhaft schwer behindert

05.04.2017
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Von Christina Hohmann-Jeddi / Eine Infektion mit dem Zikavirus in der Schwangerschaft schädigt das Kind schwerer als bislang bekannt. Das Virus stört die Entwicklung des Gehirns und löst darüber eine Vielzahl an Folgeschäden aus, darunter allgemeine Gelenksteife, Muskeltonusstörungen und Verhaltensauffälligkeiten.

Die Beeinträchtigungen von Kindern mit Zikasyndrom beschreibt eine Projektgruppe um Dr. Miguel del Campo von der University of California in San Diego im »American Journal of Medical Genetics« (DOI: 10.1002/ajmg.a.38170). Die Gruppe war nach Ausbruch der Zikaepidemie von der brasilianischen Gesellschaft für medizinische Genetik gegründet worden, um den Phänotyp betroffener Kinder und das Spektrum der Schäden durch das neu identifizierte Teratogen zu analysieren.

Die Forscher untersuchten 83 brasilianische Kinder, die zwischen Juli 2015 und März 2016 mit einem geringen Kopfumfang geboren worden waren und bei denen Auffälligkeiten in CT- beziehungsweise MRT-Aufnahmen der Gehirne auf eine Zikainfektion hin­wiesen. Den Forschern zufolge war das charakteristische Kennzeichen des Zikasyndroms, die Mikrozephalie, bei 75 Prozent der Kinder vorhanden. 42 Prozent der Kinder waren kürzer als der Durchschnitt, wobei der Kopfumfang mit der Körperlänge korrelierte. Allerdings gab es bei einigen Kindern wegen ungewöhnlicher Schädelform Probleme, den Kopfumfang korrekt zu ermitteln.

 

Typische Gesichtszüge

 

Typische Veränderungen des Schädels und der Gesichtszüge waren bei fast allen Kindern (96 Prozent) zu beobachten. In der Regel waren der Umfang und die Höhe des Schädels verringert, die Stirn abschüssig und der Über­augenwulst stark betont. Eine Retro­gnathie, eine Zurückverlagerung des Unterkiefers im Vergleich zur Schädelbasis, trat bei 39 Prozent der Kinder auf. Insgesamt variierten die Schädelveränderungen individuell stark, berichten die Forscher. Zwei Drittel der Kinder wiesen überschüssige, lose Haut am Kopf auf.

 

Zudem waren Beeinträchtigungen der Gelenke häufig. Bei 42 Prozent der Kinder war die Funktion mindestens eines Gelenks deutlich eingeschränkt, wobei meist Fehlstellungen des Handgelenks, der Finger und der Füße beobachtet wurden. 10 Prozent der Kinder zeigten eine angeborene ausgedehnte Gelenksteife, eine Arthrogryposis multiplex congenita.

 

Überstreckt oder gebeugt

 

Bei der Mehrheit der Kinder lagen zudem charakteristische neurologische Veränderungen vor. Am häufigsten traten Veränderungen der Muskelaktivität beziehungsweise der Muskelspannung auf. So zeigten 75 Prozent einen generalisierten Hypertonus, der sich in einer überstreckten oder gebeugten Körperhaltung äußerte. Zum Teil hatten die Kinder die Hände zu Fäusten geballt, die sich kaum öffnen ließen. Auffällig war auch, dass die Kinder wenig beziehungsweise verspätet auf Stimuli des Untersuchers reagierten und Objekten nur schlecht mit den Augen folgen konnten. Einige Kinder behielten die Augen während der gesamten Untersuchung geschlossen, berichten die Forscher.

 

Die meisten Kinder zeigten auch eine Übererregbarkeit in der Untersuchung. Sie fingen exzessiv zu weinen an und waren zum Teil nicht mehr zu trösten. Über dieses Verhalten ihrer Kinder berichteten auch einige Mütter, heißt es in der Publikation.

 

Der Grund für die Vielzahl an Symptomen ließen sich in den MRT- und CT-Aufnahmen der Gehirne der Kinder erkennen: Die Volumina der weißen und der grauen Substanz waren als Folge der Zikainfektion deutlich reduziert, der Corpus callosum, die quer verlaufende Faserverbindung zwischen den beiden Großhirnhälften, fiel dünn aus oder fehlte ganz. Bei 17 Prozent der Kinder waren der Hirnstamm oder das Kleinhirn schwach ausgebildet. Die Veränderungen variierten aber je nach Zeitpunkt der Zikainfektion in der Schwangerschaft. Insgesamt lassen die Ergebnisse vermuten, dass die betroffenen Kinder dauerhaft schwerwiegende Behinderungen haben werden, so das Fazit der Wissenschaftler. /

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