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Höhenkrankheit

Dünne Luft, dicker Kopf

05.04.2017
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Von Annette Mende, Berlin / Die ungewohnt dünne Luft kann Reisenden bei Aufenthalten in großen Höhen schwer zu schaffen machen. Die akute Bergkrankheit betrifft etwa jeden zweiten Touristen. Wie sie sich vermeiden lässt und wann ein Abbruch der Reise unvermeidlich ist, wurde bei einem Symposium des Centrums für Reisemedizin (CRM) in Berlin deutlich.

Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Übelkeit und Erbrechen, Schwindel, Benommenheit und Appetitlosigkeit: Die Symptome der akuten Bergkrankheit (AMS) ähneln denen einer schweren Migräne. Die Ursache ist Sauerstoffmangel. Da der Luftdruck mit steigender Höhe sinkt (siehe Kasten), reduziert sich auch der Sauerstoffpartialdruck, also die Menge des im Blut gelösten Sauerstoffs. Die Versorgung der Organe mit Sauerstoff nimmt ab, was der Körper durch eine Zunahme von Puls und Atemfrequenz zu kompensieren versucht.

»Die Höhenkrankheit tritt oftmals dann auf, wenn Reisende nicht ausreichend akklimatisiert sind«, sagte Professor Dr. Tomas Jelinek, wissenschaftlicher Leiter des CRM. Das sei zum Beispiel dann der Fall, wenn die Reise nicht von Meereshöhe langsam in die Höhe führt, sondern mit einem Direktflug zu einem hoch gelegenen Flughafen beginnt. In Südamerika sind das etwa die Flughäfen von Cusco in Peru (3400 m) und La Paz in Bolivien (4061 m), in Asien beispielsweise Lhasa (3570 m) und Qamdo (4334 m) in Tibet. Eine Akklimatisation ist ab einer Höhe von etwa 2500 m erforderlich. Dort angekommen, sollten sich Reisende in den ersten Tagen wenig bewegen, die tägliche Flüssigkeitszufuhr auf 2,5 bis 3 Liter erhöhen und viel schlafen.

 

Climb high, sleep low

 

Soll es noch weiter nach oben gehen, helfen folgende Faustregeln, eine AMS zu vermeiden: Gemäß dem Motto »climb high, sleep low« sollte die Schlafhöhe unter der tagsüber maximal erreichten Höhe liegen. Pro Tag sollten maximal 300 bis 500 m an Schlafhöhe gewonnen werden. Alle 1000 m sollte ein zusätzlicher Ruhetag eingeschoben werden. Zeigen sich dennoch Symptome einer AMS, gilt: »Don’t go up until symptoms go down«, also erst weiter ansteigen, wenn sich die Beschwerden gebessert haben.

 

Eine AMS tritt nicht unmittelbar nach einem zu schnellen Höhengewinn auf, sondern frühestens vier Stunden später. Die Symptome erreichen ihr Maximum nach ein bis zwei Tagen und sind nach weiteren zwei bis drei Tagen abgeklungen. Halten sie länger an, sollten Betroffene die Höhe verlassen. Das gilt auch, wenn sich die Beschwerden trotz Ruhe verschlechtern, Bewegungsstörungen (Ataxie) auftreten oder Atemnot und Husten zunehmen.

Die Ataxie ist das Leitsymptom für das lebensgefährliche Höhenhirnödem. Weitere Anzeichen können langsam zunehmende Kopfschmerzen, Verwirrtheit, Trägheit, Gleichgewichtsstörungen, schwallartiges Erbrechen und eine Bewusstseinstrübung sein. »Hier hilft nur der sofortige Abstieg«, sagte Jelinek. Steht Sauerstoff zur Verfügung, sollten 4 bis 5 Liter gegeben werden. Auch bei Höhenlungenödem sollten Reisende mit Sauerstoff behandelt werden und die Höhe schnellstmöglich verlassen. Unterstützend kann Dexamethason und/oder Nifedipin wirken. Das Kauen von Cocablättern, das in vielen Internetforen empfohlen wird, hat dagegen keinen nachgewiesenen positiven Effekt. Auslöser sowohl des Hirn- als auch des Lungenödems ist nicht der Sauerstoffmangel, sondern der niedrige Luftdruck.

 

Vorbeugend eingenommen, kann Acetazolamid (Diamox®) eine AMS unter Umständen verhindern. Die übliche Dosis beträgt zweimal täglich 125 bis 250 mg. Der Carboanhydrasehemmer erhöht die Ausscheidung von Hydrogencarbonat, was einen Anstieg des CO2-Partialdrucks im Blut kompensieren kann. Die Prophylaxe beginnt ein bis zwei Tage vor Reiseantritt. »Man sollte allerdings vorher zu Hause schon einmal testen, ob man das Medikament verträgt«, riet Jelinek. Denn Acetazolamid kann als Nebenwirkungen unangenehme Parästhesien auslösen, zudem wirkt es schwach diuretisch, ein möglicherweise ebenfalls unerwünschter Effekt. Wichtig sei es, die Reisenden darauf hinzuweisen, dass Acet­azolamid die Symptome einer AMS maskiert, das Problem aber nicht behebt. »Kommt es trotz der Prophylaxe zu Beschwerden, sind diese unbedingt ernst zu nehmen und die Reise sollte abgebrochen werden«, betonte Jelinek.

 

Keine Frage des Trainings

 

Die Anfälligkeit für die Höhenkrankheit korreliert übrigens nicht zwingend mit der körperlichen Fitness. Auch vollständig gesunde, gut trainierte Menschen kann es bei zu schnellem Anstieg erwischen. Jelinek zufolge verspüren 10 bis 25 Prozent der Bergsteiger in 2500 m Höhe erste Symptome, in einer Höhe von 4500 bis 5000 m sogar 50 bis 85 Prozent. In einer Studie, die 2012 im »Journal of Travel Medicine« erschien (DOI: 10.1111/j.1708-8305.2012.00606.x), waren etwa 50 Prozent der Reisenden in die Stadt Cusco in Peru (3400 m) betroffen. Das Risiko war bei chronisch-obstruktiver Lungenkrankheit (COPD) und Adipositas erhöht, bei Schlafapnoe dagegen verringert. /

Sinkender Luftdruck

Der Luftdruck entspricht dem hydrostatischen Druck der Luftsäule über einem Körper. Auf Meereshöhe beträgt er im Mittel 1013 hPa, in höheren Lagen ist er aufgrund der kürzeren Luft­säule niedriger. Da auch die Luft selbst durch den Luftdruck komprimiert wird, hat sie auf Meereshöhe eine höhere Dichte als im Gebirge. Der Luftdruck nimmt daher mit steigender Höhe nicht linear ab, sondern entsprechend der sogenannten barometrischen Höhenformel. Demnach beträgt er auf 1000 m durchschnittlich 891 hPa (88 Prozent des Drucks auf Meereshöhe), auf 2000 m 784 hPa (77 Prozent) und auf 4000 m 606 hPa (60 Prozent).

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