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Großbritannien

Apotheker sollen Ärzte unterstützen

01.04.2015
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Von Arndt Striegler, London / In Großbritannien wird Anfang Mai ein neues Parlament gewählt. Die britischen Apotheker sind jetzt unverhofft mitten in den Wahlkampf gezerrt worden. Es geht darum, inwieweit Apotheker künftig Leistungen zusätzlich erbringen können, die bislang die Domäne der Hausärzte sind.

Die Wartezeiten auf einen Termin beim Hausarzt werden in Großbritannien immer länger. Deshalb sollen Apotheker zukünftig den britischen Hausärzten »öfter helfen und bestimmte Patienten versorgen«, so die Vorstellung des Londoner Gesundheitsministeriums. Derartige Initiativen stoßen natürlich nicht nur auf Zuspruch.

 

»Kritische Dimensionen«

 

Dem Ministerium zufolge werden Patienten in diesem Jahr rund 67 Millionen Mal eine Woche oder noch länger auf einen Termin bei ihrem Hausarzt warten müssen. Grund dafür ist nach Aussage der British Medical Association (BMA) ein Hausärztemangel, der besonders in abgelegenen Regionen inzwischen »kritische Dimensionen« angenommen habe. Während in ländlichen Gebieten die Hausärzte knapp werden, gibt es dort allerdings nach wie vor meist genug Apotheken. Doch deren Rolle bei der Patientenversorgung ist bislang gesetzlich stark beschränkt.

 

Im staatlichen britischen Gesundheitswesen, dem National Health Service (NHS), gibt es rund 11 000 Primärarztpraxen. Diese haben eine Schlüsselfunktion, da in Großbritannien das sogenannte Primärarzt-Prinzip gilt: Der Zugang zu Fachärzten und Kliniken erfolgt stets über die Hausarztpraxis. Laut BMA haben die gesundheitspolitischen Sparmaßnahmen der Regierung Cameron in den vergangenen Jahren zu einer »deutlichen Angebotsverknappung« im staatlichen Primärarzt-Sektor geführt.

 

Um NHS-Patienten einen schnelleren Zugang zum Hausarzt zu ermöglichen, soll bestimmten Patienten anstelle eines Gesprächs in der Praxis eine Konsultation bei einem Apotheker angeboten werden. Das könnten zum Beisp­iel chronisch kranke Patienten sein, die ein Wiederholungsrezept benötigen. Laut Gesundheitsministerium bringt das einen deutlichen Zeitvorteil. Der Hausarzt werde entlastet, in der Folge würden die Wartezeiten sinken, hieß es. Auch bestimmte diagnostische Versorgungsangebote wie zum Beispiel Früherkennungstests für bestimmte Krankheiten sollen nach Vorstellungen der Regierung Cameron in die Apotheken verlegt werden.

 

Während Patienten- und Apothekerverbände überwiegend positiv auf die Vorschläge reagierten, gab es innerhalb der britischen Ärzteschaft ein gespaltenes Echo. So warnte eine BMA-Sprecherin davor, »Apotheker als billigen Hausarztersatz« zu missbrauchen. Bestimmte Dienstleistungen könnten nur von ausgebildeten Primärmedizinern ausgeführt werden, nicht von Apothekern.

 

Heißes Thema

 

Dagegen äußerte sich der Hausärztebund Royal College of General Practitioners (RCGP) positiv. »Apotheker können sinnvoll eingesetzt werden, um die langen Wartezeiten in den Hausarztpraxen zu reduzieren«, so RCGP-Sprecherin Maureen Baker in London. Das Thema spielt im derzeitigen Wahlkampf vor der Unterhauswahl im Mai eine wichtige Rolle. Die Gesundheitspolitik und besonders die langen Wartezeiten im Primärar­zt-Bereich sind eines der heißesten Wahlkampfthemen.

 

Für die britischen Apotheker bietet dies nach Einschätzung gesundheitspolitischer Beobachter enorme Chancen, ihre Kompetenzen auszuweiten und damit letztlich auch ihr Einkommen zu verbessern. »Wir beobachten die Debatte mit sehr großem Interesse«, so ein Sprecher des Apothekerverbands Royal Pharmaceutical Society gegenüber der PZ. Man sei durchaus dafür, den Apothekern im Gesundheitswesen mehr Aufgaben zu übertragen. »Apotheker sind dafür hervorragend qualifiziert.« /

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