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Arbeitswelt

Apotheker Berge und sein Berg

05.04.2011
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Von Martina Janning, Blankenburg / Im Harz betreibt die Bundeswehr die größte Unter-Tage-Apotheke der Welt. Die Nazis ließen Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge das weitläufige Tunnelsystem in den Fels treiben, um hier Raketen zu bauen. Heute arbeiten Apotheker, PTA und PKA in den Schächten. Dafür muss ständig Frischluft in den Berg gepumpt werden.

Nicht wundern, hatte Hartmut Berge am Telefon gesagt. Die Straße ende irgendwann. Nur noch ein Schotterweg führe dann weiter zur Harz-Kaserne. Die befindet sich in Blankenburg, einer kleinen Stadt am Nordrand des Harzes in Sachsen-Anhalt, etwa 70 Kilometer östlich von Werningerode. Auf dem Gelände der Kaserne liegt der Regenfels, ein Bergmassiv. Hier, tief in seinem Inneren schlägt sozusagen das Herz der Harz-Kaserne.

Ein Tor, gut verdeckt durch Tarnfarben, ist der Eingang in den Berg. Dahinter verbirgt sich eine massive Stahlwand: sechs mal sechs Meter groß, anderthalb Meter dick und 100 Tonnen schwer. Langsam wälzt sich der Koloss zur Seite, verschwindet im Fels und gibt den Blick frei in einen Stollen. »Willkommen«, sagt Berge und deutet mit dem Arm den Weg zu seinem Arbeitsplatz. Denn in dem Bergmassiv betreibt die Bundeswehr die weltweit größte Apotheke unter Tage. Hartmut Berge ist Oberfeldapotheker und leitet das »Versorgungs- und Instandsetzungszentrum Sanitätsmaterial«, wie das Depot im offiziellen Sprachgebrauch heißt. Berge ist Offizier, sein Dienstgrad entspricht dem eines Oberstleutnants.

 

Berge geht in den Stollen hinein. Pakete mit Medikamenten türmen sich hier. In den Gängen reiht sich ein robustes Metallregal an das nächste. Kaltes Neonlicht flackert an den Decken. Berge überholt einen Soldaten, der einen Handwagen voller Medikamente hinter sich herzieht. Andere uniformierte Männer und Frauen sortieren Arzneimittel in die Regale oder verfrachten sie in große Kühlcontainer. An einem langen Tisch stellen Soldaten Medikamente für den Versand zusammen und kontrollieren die Lieferungen. »Wir packen jeden Tag mindestens 250 Kisten mit Medikamenten«, erklärt Oberfeldapotheker Berge. Das entspricht mehr als 40 Lastwagen voll. Mit diesen Arzneimitteln beliefert die Bundeswehr ihre Kasernen in Ostdeutsch- land, Berlin und Hessen und versorgt 42 000 Soldaten.

 

Die Gänge, die den Berg durchziehen, sind mehr als 8000 Metern lang. »Früher gab es nur am Eingang ein Funktelefon«, erzählt Berge. »Da mussten die Anrufer schon mal länger warten, wenn die PTA im Stollen nachsah, ob ein Medikament vorrätig ist.« Er tritt einen Schritt zur Seite, damit ein Soldat auf einem Fahrrad an ihm vorbeifahren kann.

 

Neben Berge arbeiten in der Blankenburger Bundeswehrapotheke sechs Apotheker, elf PTA und bis zu zehn PKA. Nicht alle sind Soldaten. Seit Kurzem bildet die Bundeswehr hier sogar zwei zivile PKA aus. Dabei kooperiert sie mit der Kloster-Apotheke in Blankenburg, die für den zivilen Anteil der Ausbildung zuständig ist.

 

Berge gefällt die Arbeit im Berg. Besonders die geregelten Arbeitszeiten machten den Job in der Unter-Tage-Apotheke attraktiv. »Von 7 bis 16 Uhr, dann macht der Berg zu.« Manche Apothekenangestellte würde sich danach »die Finger lecken«, sagt der Bundeswehrapotheker.

Die besondere Schicht im Schacht

 

Doch die Apothekenarbeit unter Tage stresst auf andere Art. Wie in einem Bergwerk wird Frischluft in die Schächte gepumpt, damit die Menschen genug Sauerstoff atmen können. Das Brummen der Lüftung ist allgegenwärtig. Hinzu kommt eine erhöhte Brandgefahr. Denn unter Tage breitet sich ein Feuer rasch aus. Eine eigene Feuerwehr wacht deshalb über das Bergdepot.

 

Das Schlimmste an der Arbeit in der Stollen-Apotheke ist jedoch das Fehlen des Tageslichts. »Hier unten bekommen wir nichts davon mit, wie das Wetter draußen ist«, sagt Berge. Für die zivilen Angestellten ist die Arbeit im Schacht besonders belastend, denn bis auf die Pausen verbringen sie den ganzen Tag dort. Die Soldaten hingegen kommen zwischendurch immer mal wieder nach draußen ans Tageslicht, weil sie Training haben oder zur Schießübung müssen.

 

Rund 3000 verschiedene Arzneimittel lagern in den verwinkelten Gängen. »Da-runter sind Schnelldreher wie Acetylsalicylsäure, Nasenspray und alkalifreie Waschlotion«, erläutert Berge. »Wir haben aber auch viele einsatzbezogene Medikamente, zum Beispiel Alginate für schnellen Wundverschluss.«

 

Daneben stapeln sich mehr als 3600 Feldbetten und über 100 000 Wolldecken. In großen Metallkisten wartet zum Teil hochsensible Technik auf den nächsten Einsatz, darunter Defibrillatoren und Röntgengeräte. Auch Krankenhausbetten und Klinikbedarf mitsamt Sterilisatoren und Narkosegeräte verwahrt die Truppe in dem Unter-Tage-Depot. »Insgesamt lagert hier Medizin und Technik im Wert von etwa 25 Millionen Euro«, berichtet Berge.

 

Aus dem Riesenlager versorgt die Bundeswehr ihre Einsatzkräfte auch im Ausland, wie etwa in Afghanistan. Außerdem kommen Medizin und Technik bei Katastrophen zum Einsatz. Beispielsweise half Deutschland nach dem schweren Erdbeben in Haiti im Januar 2010 mit Feldbetten von hier. Auch bei dem schlimmen Hochwasser an der Elbe im Jahr 2002 schickte die Bundeswehr Hilfsmittel aus Blankenburg. Zusätzlich zu den Mitteln fürs Militär lagern in den Gängen noch etliche Paletten mit Neuraminidase-Hemmer aus der vorigen Schweinegrippesaison. Denn die Unter-Tage-Apotheke ist auch Impfstoffdepot für die Zivilbevölkerung.

Kein Kontakt zu den Kunden

 

Oberfeldapotheker Berge ist seit drei Jahren in Blankenburg und einer von rund 300 Apothekern bei der Truppe. Er war schon Berufssoldat, als er Pharmazie und Lebensmittelchemie zu studieren begann. Die Bundeswehr, sagt Berge, sei »genau das Richtige« für ihn. Doch um pharmazeutisch auf dem Laufenden zu bleiben, arbeitet der Offizier nebenbei noch in einer öffentlichen Apotheke.

 

Berge kann deshalb gut vergleichen. »Der größte Unterschied ist, dass ein Bundeswehrapotheker keinen Kundenkontakt hat. Soldaten bekommen Arzneimittel aus der Hand eines Truppenarztes.« In dringenden Fällen aber dürfen sie Rezepte in einer öffentlichen Apotheke einlösen. Denn der Truppenarzt muss Medikamente bei der Bundeswehrapotheke bestellen. Bis er sie in Händen hält, vergehen in der Regel zwei Wochen. Dank Oberfeldapotheker Berge geht es in Blankenburg schneller. Er hat die Laufzeit für ein Rezept auf zwei Tage verkürzt, weil der Arzt Medikamente per E-Mail bestellen und das Rezept später nachreichen kann. »Diese Idee wird bald auf ganz Deutschland ausgedehnt«, berichtet Berge stolz.

 

Vergilbte Dienstpläne aus der DDR

 

Die Apotheke in der Harz-Kaserne ähnele in vielen einem pharmazeutischen Großhandel, findet Berge. Doch im Ernstfall könnten die Apotheker hier in dem Labor auf dem Kasernengelände selbst Arzneimittel in größerem Stil herstellen und so den Bundeswehrkrankenhäusern bei dieser Aufgabe helfen.

 

Berge ist inzwischen in der Schaltzentrale angekommen. Von hier aus werden die Stollengänge überwacht und zum Beispiel die Lüftung und das massive Stahltor am Eingang gesteuert. Bis heute dient dazu Technik aus der DDR-Zeit. An einer wandgroßen Schalttafel mit vielen Knöpfen und bunten Lämpchen regeln und verfolgen Techniker die Vorgänge im Berg. Nebenan liegt das ehemalige Kommandantenbüro der Nationalen Volksarmee (NVA). Dort hängen noch vergilbte Dienstpläne an den Wänden. Darunter eine Tabelle für die Meldungen und Berichte. Die Termine sind genau notiert – nach Moskauer Zeit.

 

Nicht erst die Armee der DDR entdeckte die Unter-Tage-Anlage für sich. Die militärische Nutzung des Stollens war von Anfang an geplant. Die ersten Gänge des Systems entstanden schon im Dritten Reich. Die Nazis ließen Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge Schächte in den Fels treiben, um hier Raketen zu bauen. Dazu kam es aber nie.

 

Nach dem Krieg lagerten in den Felsgängen Gemüse und Mineralwasser. Auch zur Champignonzucht sollen sie gedient haben. Dann, Mitte der 1970er Jahre, nahm die NVA den abgelegenen Ort in Besitz. Sie baute das Tunnelsystem zu seiner heutigen Länge aus und sicherte Teile gegen Atombomben. Fortan unterlag die Anlage strengster Geheimhaltung.

 

Das förderte Gerede. Besonders hartnäckig hielt sich das Gerücht, die DDR lagere hier Mittelstreckenraketen. »Das war nie der Fall«, sagt Berge. Nur einmal sei ein Armeefahrzeug mit Luftabwehrraketen in den Stollen gefahren. »Das blieb aber in der ersten Kurve stecken.« Die NVA bewahrte vor allem Munition und Panzermotoren in den Gängen auf.

 

Die Bundeswehr hat das Lager im Berg im Jahr 1992 übernommen und es zur Harz-Kaserne ausgebaut. Nun weckt die geplante Verkleinerung der Truppe Furcht, die Bundeswehr könnte den Standort aufgeben. Aber noch ist das Riesendepot in Betrieb und manchmal dürfen sogar Gäste in den Stollen. Den nächsten Tag der offenen Tür veranstaltet die Bundeswehr am 10. September 2011. Dann zeigt Oberfeldapotheker Berge Besuchern seinen Berg. /

Tag der offenen Tür

Am 10. September 2011 hat die Harz-Kaserne von 9 bis 23 Uhr für Besucher geöffnet.

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