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Depressionen

Melancholie in der Medizin- und Kulturgeschichte

02.04.2007
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Depressionen

Melancholie in der Medizin- und Kulturgeschichte

Von Dietrich von Engelhardt

 

Die Melancholie, heute Depression genannt, begleitet den Menschen seit Beginn seiner Geschichte und wird auch in Zukunft zu seinem Leben gehören. Kunst und Literatur, Philosophie und Theologie bieten Interpretationen und Deutungen, die Betroffenen, Angehörigen und Therapeuten Hilfe und Anregung zum Verständnis und zur Bewältigung der seelischen Qual und Verzweiflung geben können.

 

Neben Melancholie wurde in der Vergangenheit mit jeweils spezifischem Akzent auch von Schwermut, Depression, Acedia, Hypochondrie und Trübsinn gesprochen. In der modernen Medizin findet sich die Krankheitsbezeichnung Melancholie nicht mehr. Auch wenn die biochemischen Abläufe der Entstehung, der Ursachen und Therapie depressiver Erkrankungen heute weitgehend erforscht sind, kommt ihrem seelisch-geistigen Sinn und ihren sozialen Zusammenhängen weiterhin übergreifende Bedeutung zu.

 

Von der Konstitution zur Krankheit

 

In der antiken Medizin und Naturphilosophie wurde Melancholie im Sinne der Säfte- oder Humoralpathologie als ein Überwiegen der schwarzen Galle (gr. melas = schwarz; cholé = Galle) verstanden. Entsprechend wurde in Antike und Mittelalter versucht, das Gleichgewicht zwischen den vier Säften Blut, helle Galle, schwarze Galle und Schleim, den Elementen Luft, Feuer, Wasser und Erde sowie den Qualitäten warm und kalt und feucht und trocken durch eine Reduktion der schwarzen Galle wieder herzustellen, dieses vor allem über diätetische Maßnamen wie Bäder sowie Verzicht auf dunkelfarbige Speisen beziehungsweise Bewegung, Musik und anregende Gespräche, aber auch durch chirurgische Eingriffe unter anderem zum Aderlass, durch Abführmittel, durch das Brenneisen oder ebenfalls durch medikamentöse Interventionen.

 

Melancholie galt in jener Zeit aber nicht nur als eine besondere Krankheit, sondern auch als eine spezifische Konstitution des Menschen. Ihr Auftreten wurde zudem in der Logik des Parallelismus von Mikrokosmos (Individuum) und Makrokosmos (Natur) mit Nachmittag, Herbst oder höherem Alter in Beziehung gebracht, denen ihrerseits ein melancholischer Charakter zugewiesen wurde.

 

Zwischen Gesundheit und Krankheit gab es nach Überzeugung der Antike die »Neutralität« (lat. ne-utrum = keins von beiden) als Synonym für die normale Situation des Menschen, der weder vollkommen gesund noch vollkommen krank ist. Im Spektrum der medizinischen Therapie aller Krankheiten wurde neben der Medikation und der Chirurgie der Diätetik, systematisiert von dem Mediziner Galen (um 129 - um 216), besonderes Gewicht beigemessen als Umgang mit »sechs nicht natürlichen Bereichen« (lat. »sex res non-naturales«) Luft und Licht, Schlafen und Wachen, Bewegung und Ruhe, Essen und Trinken, Ausscheidungen und nicht zuletzt Gefühle.

 

Der antike griechische Philosoph Plato (427-347 v. Chr.), der Medizin ebenfalls als Wissenschaft der Gesundheit, Krankheit und Neutralität verstand, war, wie nach ihm die Aristoteliker, vom Zusammenhang von Melancholie und Genialität überzeugt: »Warum erweisen sich alle außergewöhnlichen Männer in Philosophie oder Politik oder Dichtung oder in den Künsten als Melancholiker?« (Phaidros, um 360 v. Chr.).

 

Von Dämonen getrieben

 

Das christliche Mittelalter hielt an dem humoralpathologischen Ansatz der Antike fest und verlieh allen vier Temperamenten oder Konstitutionen wie ebenfalls den entsprechenden Krankheiten zugleich einen religiösen Sinn. Die eigentliche Konstitution des Menschen sollte aber nicht durch sein jeweils spezifisches Temperament (sanguinisch, cholerisch, melancholisch oder phlegmatisch), sondern durch seine paradiesische Natur, seine »constitutio«, wie es hieß, begründet sein.

 

Das irdische Leben ist nach dieser Auffassung mit Krankheit und Leid oder »destitutio« notwendig verbunden. Die wahre Heilung schließlich kann allein in der Auferstehung, in der »restitutio«, nicht in der noch so erfolgreichen Medizin liegen. Zusätzlich wurde im Mittelalter mit weit reichender Resonanz in der Zukunft durch die arabische Astrologie die Melancholie vom Einfluss des Planeten Saturn abhängig gemacht.

 

Unter dem Ausdruck Acedia (Trübsinn, Trägheit) wurde in christlicher Sicht die Melancholie zu den Todsünden gezählt, da sie als Ausdruck der Verzweiflung am Heilsplan Gottes gedeutet wurde; man bezeichnete sie auch als »Mönchskrankheit« und identifizierte sie im Übrigen mit der Traurigkeit (»tristitia«).

 

Im 3. Jahrhundert beschrieb der frühchristliche Anachoret Euagrios Pontikos (346-399) die Gefühle und das Verhalten eines Mönchs, der in seiner Zelle von dieser Acedia erfasst wurde: »Die Sonne scheint dem der acedia verfallenen Mönch stillzustehen, der Tag kommt ihm unendlich lang vor. Er wird von dem Dämon getrieben, aus der Behausung zu gehen, die Sonne anzustarren und ihren Stand zu prüfen. Hass gegen seinen Aufenthaltsort, gegen sein Leben und seiner Hände Arbeit überkommen ihn, und er glaubt, dass die Liebe seiner Gefährten nachgelassen habe und es niemanden gebe, der ihn mit seinem Trost zu helfen bereit sei.«

 

Der Kirchenschriftsteller Johannes Cassianus (um 360 - um 435) verstand unter Acedia »Ekel und Angst des Herzens« (»taedium et anxietas cordis«). Melancholie konnte damals auch für ein Instrument des Teufels zur Vernichtung des Menschen gehalten werden: »Ein melancholischer Kopf ist ein Badehaus des Teufels« (»caput melancholicum est diaboli paratum balneum«), lautete eine verbreitete Wendung.

 

Antike und Mittelalter wirkten in der Neuzeit weiter. Im Übergang vom Mittelalter zur Renaissance lässt der italienische Dichter und Philosoph Dante (1265-1321) Melancholiker oder mit seinen Worten »accidiosi« in seiner »Göttlichen Komödie« (um 1307-1321) in einer Verbindung von platonisch-aristotelischer Tradition, christlicher Sündenperspektive sowie astrologischem Denken der Araber auftreten.

 

Schwermut und Einsamkeit

 

Die Neuzeit führte einerseits antik-mittelalterliche Auffassungen fort, vertrat andererseits aber mit der säkularisierten Orientierung an der Natur und dem Individuum, mit der Verdrängung des Todes sowie der Verherrlichung der Jugend, Schönheit und Gesundheit, beispielhaft dargestellt auf dem Gemälde »Der Jungbrunnen« (1546) von Lucas Cranach (1515-1586), zunehmend empirisch-natürliche Interpretationen der Melancholie, ihrer Erscheinung, ihrer Ursachen und ihrer Behandlung.

 

Philosophen und Theologen setzten sich ihrerseits mehrfach mit der Melancholie auseinander. Der Humanist und Renaissancephilosoph Marsilio Ficino (1433-1499) griff in seinem Werk »Buch des Lebens« (1489) den antiken Gedanken der Melancholie genialer Menschen wieder auf und versprach sich von Musik, Bildern, Bewegung, Gesprächen und dem Anblick glitzernden Wassers Erleichterung depressiver Stimmungen.

 

Der Reformator Martin Luther (1483-1546), selbst schwermütig, formulierte ebenfalls diätetische Empfehlungen zur Behandlung der Schwermut von Joachim von Anhalt (1536-1586). Er schlug dem Fürsten reiten, jagen, fröhliche und angenehme Gesellschaft vor, »denn es ist doch ja die Einsamkeit und Schwermut eitel Gift und Tod, sonderlich einem jungen Menschen. So hat auch Gott geboten, daß man solle fröhlich vor ihm sein und will kein trauriges Opfer haben.«

 

Der Oxforder Theologe Robert Burton (1577-1640) leitete in seiner »Anatomie der Melancholie« (1621) diese seelische Verfassung von biologischen, psychischen und sozialkulturellen Voraussetzungen ab. Im Spektrum neuer Erfahrungen und vergangener Konzepte gibt er auch Hinweise über die Personen, die besonders gefährdet sind: »Es sind solche, die eine ungünstige Position von Mond, Saturn oder Merkur in ihrem Horoskop haben; solche die in unterkühlten oder überhitzten Klimazonen leben; die von schwermütigen Eltern abstammen; die in den sechs non-naturalia fehlerhaft sind, dunkelhäutig oder von stark sanguinischer Gesichtsfarbe, die kleine Köpfe haben, heißes Herz und feuchtes Hirn, heiße Leber und kalten Magen, oder die lange an Krankheit zu leiden hatten; Menschen, die von Natur einsam leben, große Bücherwälzer, ganz der betrachtenden Lebensweise verfallen und der aktiven entzogen - sie alle sind am anfälligsten für Melancholie. Beide Geschlechter werden von ihr befallen; aber wenn Frauen daran erkranken, sind sie weit schlimmer und heftiger gepeinigt.«

 

Zu neuen Erfahrungen, theoretischen Deutungen und sozialen Initiativen kam es im Zeitalter der Aufklärung. Das Nervensystem wurde von Medizinern für die Melancholie verantwortlich gemacht, die nach ihnen mit mechanischen Methoden (Duschen, Rotationsmaschinen, kalte und warme Reize), physischen Mitteln (Arsen, Quecksilber, Aderlass, Klistier), aber auch mit psychischen Verfahren (Beeinflussung der Gefühle) behandelt werden sollte.

 

Melancholie konnte mit Hypochondrie und Hysterie gleichgesetzt und auf sozialhistorische Veränderungen der Zeit wie die Zunahme der Empfindlichkeit und Leidenschaft im Verlauf des 18. Jahrhunderts zurückgeführt werden.

 

Es kam in dieser Epoche auch zu Versuchen der Humanisierung der Medizin und Psychiatrie durch institutionelle Reformen, die den Umgang mit Melancholikern ebenfalls beeinflussten und die in Frankreich mit den Psychiatern Philippe Pinel (1745-1826) und Jean Etienne Dominique Esquirol (1772-1840), in Italien mit dem Arzt Vincenzo Chiarugi (1759-1820) und in Deutschland mit dem Mediziner Johann Christian Reil (1759-1813) verbunden sind.

 

Bilder der Maler William Hogarth (1697-1764), Francisco de Goya (1746-1828), Wilhelm von Kaulbach (1804-1872), Charles Muller (1746-1828) und vielen anderen illustrieren eindrucksvoll diesen Wandel. Der Geisteskranke sollte nicht mehr, wie zuvor, als Verbrecher angesehen, sondern behandelt und geheilt, in jedem Fall aber menschenfreundlich betreut werden.

 

Metaphysik des Leidens

 

Der Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) hob in Fortführung und zugleich Veränderung antiker Auffassungen besondere psychologische oder geistige Eigenschaften und Neigungen des melancholischen Menschen hervor: »Der, dessen Gefühl ins Melancholische einschlägt, hat vorzüglich ein Gefühl für das Erhabene. Er duldet keine verworfene Untertänigkeit und atmet Freiheit in einem edlen Busen. Alle Ketten von den vergoldeten an, die man am Hofe trägt, bis zu den schweren Eisen der Galeerensklaven sind ihm abscheulich. Er ist als strenger Richter seiner selbst und anderer und nicht selten seiner sowohl als der Welt überdrüssig.« (Betrachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen, 1764).

 

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831), der sich seinerseits in seinem philosophischen System mit den Störungen und Krankheiten der Seele beschäftigte, betonte die anthropologische Dimension der Melancholie oder Depression und erkannte in ihr ein grundsätzliches Entwicklungsstadium des Menschen, das auch er durchgemacht habe.

 

Jeder Mensch kenne wohl, wie er in einem Brief am 27. Mai 1810 an den depressiven Mediziner Karl Joseph Hieronymus Windischmann (1775-1839) schreibt, »einen solchen Wendungspunkt im Leben, den nächtlichen Punkt der Kontraktion seines Wesens, durch dessen Enge er hindurchgezwängt und zur Sicherheit seiner selbst befestigt und vergewissert wird, zur Sicherheit des gewöhnlichen Alltagslebens, und wenn er sich bereits unfähig gemacht hat, von demselben ausgefüllt zu werden, zur Sicherheit einer innern edlern Existenz.«

 

Der Metaphysik der Melancholie galt das besondere Interesse der Mediziner der Romantik um 1800. Zugleich wurde in diesen Jahrzehnten die übliche Bezeichnung Melancholie zunehmend durch den Ausdruck Depression ersetzt. Der romantische Mediziner Johann Christian August Heinroth (1773-1843), von dem auch der Begriff Psychosomatik stammt, sah in der Melancholie eine »Unfreiheit des Gemüts mit Depression der Empfindungen und der Phantasie; schwermütige Insichselbstversunkenheit.«

 

Noch konkreter und ebenso philosophischer heißt es bei ihm an anderer Stelle in seinem Lehrbuch der »Störungen des Seelenlebens« (1818): In der Melancholie »wird der Mensch eine Beute der zwingenden Gewalten, welche auf sein Herz eindringen... Sich loßzureißen und wieder selbständig zu werden, ist keine Möglichkeit mehr... Weil aber in diesem Zustande das Herz nicht mehr des Menschen ist, sondern des Gegenstandes, so faßt den Menschen eine unendliche Qual, denn er ist in einen unendlichen Widerspruch versetzt, in diesen: daß er von sich selbst geschieden ist, und doch nicht von sich scheiden kann. Dies ist wahre Höllenqual: denn das Wesen der Hölle ist die Anschauung und das Gefühl dessen, was in sich Eins ist, als eines Getrennten. In diesem Selbstgefühl des Nicht-sich-selbst-Angehörens ist das Gemüt bei der Melancholie verloren; und dies ist das Wesen der Melancholie.«

 

Der romantische Mediziner, Naturphilosoph und Maler Carl Gustav Carus (1789-1869) brachte 1835, ganz im Sinne der Antike, die geniale Gestalt von Faust in eine Verbindung mit Melancholie. Auch der Philosoph Arthur Schopenhauer (1788-1860) hebt in dieser Tradition hervor, dass die Melancholie des Genies die bedrückend-ambivalente Folge habe, »dass der Wille zum Leben von je hellerem Intellekt er sich beleuchtet finde, desto deutlicher das Elend seines Zustandes wahrnimmt.« (Die Welt als Wille und Vorstellung, 1819) 

 

Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard (1813-1855) verleiht der Schwermut in Abkehr von der idealistisch-romantischen Auffassung einen existentiellen Sinn, der die Psychopathologie bis ins 20. Jahrhundert prägte: »Als unmittelbarer Geist hängt der Mensch mit dem ganzen irdischen Leben zusammen, und nun will der Geist gleichsam aus dieser Zerstreutheit heraus sich sammeln und sich in sich selbst erklären; die Persönlichkeit will sich ihrer selbst in ihrer ewigen Gültigkeit bewußt werden. Geschieht dies nicht, wird die Bewegung unterbrochen, wird sie zurückgedrückt, so tritt Schwermut ein.« (Entweder-Oder, 1843).

 

Verstimmung und Seinstiefe

 

Nach zahlreichen Beiträgen der Medizin und Psychiatrie zur Melancholie im empirisch-positivistischen 19. und 20. Jahrhundert wandte sich auch die Psychoanalyse der Melancholie zu. Für Sigmund Freud (1856-1939) ist sie in der Perspektive seines Seelen- und Weltverständnisses »seelisch ausgezeichnet durch eine tief schmerzliche Verstimmung, eine Aufhebung des Interesses für die Außenwelt, durch den Verlust der Liebesfähigkeit, durch die Hemmung jeder Leistung und Herabsetzung des Selbstgefühls, die sich in Selbstvorwürfen und Selbstbeschimpfungen äußert und bis zur wahnhaften Erwartung der Strafe steigert.« (Trauer und Melancholie, 1917)

 

Eine kulturhistorisch umfassende und psychologisch tiefgehende Analyse mit besonderem Akzent auf dem »Typus melancholicus« oder der Melancholie als Konstitution wurde noch einmal von dem Psychiater Hubertus Tellenbach (1914-1994) in seiner Studie Melancholie (1961, 4. Auflage 1983) vorgelegt.

 

Zwei Charakteristika sind nach ihm für diesen Typ besonders kennzeichnend: Zum einen »Remanenz« als »zeitliches Zurückgeworfensein« und zum anderen »Inkludenz« als »räumliches Eingeschlossensein«. Melancholiker können sich nicht der Zukunft öffnen. denken nur an die Vergangenheit und unterliegen einem übertriebenen Ordnungsbedürfnis. Eindrucksvoll und anregend sind Tellenbachs Analysen zur Wiedergabe der Melancholie in Werken der Belletristik.

 

Auf die Schwierigkeit des Kontaktes und der Kommunikation hat mit Nachdruck der Psychiater Walter Schulte (1910-1972) hingewiesen: »Melancholisch Kranke tun von sich aus nichts dafür, dass eine Begegnung zustande kommt. Es fehlt an der erforderlichen Entschlußkraft. Sie sind in sich gekehrt und abgekapselt. Ihre Gedanken kreisen (darunter leiden sie) selbstquälerisch, angstvoll und hypochondrisch um einen einzigen ichbezogenen Punkt, ohne sich auf eine andere Thematik, und sei es auch nur die Banalität des Alltages, einstellen zu können (Über den Zugang zu Melancholisch Kranken, 1965).

 

In der gegenwärtigen Psychiatrie wird Melancholie als Krankheitsbezeichnung nicht mehr verwandt und findet sich deshalb auch nicht in der International Classification of Diseases (ICD 10 ). Die Rede ist vielmehr von  Depressionen oder depressiven Störungen und Episoden unterschiedlicher Schwere und Dauer.

 

Wie für Tellenbach besitzen auch für den Psychiater und Philosophen Karl Jaspers (1883-1969) die Darstellungen der Künste und Literatur neben den Interpretationen der Medizin und Philosophie eine erhellende Bedeutung für das Verständnis der seelischen Phänomene in Gesundheit und vor allem Krankheit: »Es ist daher kein Zufall, daß Dichter in Gestalten des Wahnsinns wie in Symbolen das Wesen des Menschseins, seine höchsten und entsetzlichsten Möglichkeiten, seine Größe und seinen Fall zur Darstellung brachten.« (Allgemeine Psychopathologie, 1913, 9. Auflage 1973).

 

Wahn und Suizid

 

Melancholie ist ein verbreitetes Thema nicht nur der Medizin und speziell Psychiatrie, der Philosophie und Theologie, sondern ebenso der Literatur und der Künste. Zahlreich und vielfältig sind von der Antike bis in die Gegenwart die entsprechenden Beispiele. Bei allen Übereinstimmungen und Parallelitäten muss allerdings auch die Differenz von Wirklichkeit und Kunst beachtet werden.

 

Hegel war in dieser Perspektive von dem großen Vorzug der Kunst zur Erfassung ideeller Wahrheiten überzeugt: »Die harte Rinde der gewöhnlichen Welt machen es dem Geiste saurer zur Idee durchzudringen als die Werke der Kunst.« (Vorlesungen über die Ästhetik, posth. 1835).

 

Zu wesentlichen literarischen Texten, in denen das Thema der Melancholie aufgegriffen wurde, gehören »Ajax« (Sophokles, 496-406 v. Chr.), »Hamlet« (Shakespeare, 1564-1616), »Werthers Leiden« (Johann Wolfgang von Goethe, 1749-1832), »Anton Reiser« (Karl Philipp Moritz , 1756-1793), »Ein Held unserer Zeit« (Michail J. Lermontow, 1814 -1841), »Oblomow« (Ivan Alexandrowitsch Gontscharow, 1812-1891), »Frau Marie Grubbe« (Jens Peter Jacobsen, 1847-1885), »Der Tod in Venedig« (Thomas Mann, 1875-1955), »Die Ringe des Saturn« (Winfried Georg Sebald, 1944-2001). Wiederholt wurde Melancholie auch Thema von Gedichten und Werken der Musik.

 

Schwermut, Wahn und Suizid werden im »Ajax« von Sophokles eingehend beschrieben; bewegend ist das letzte Gespräch zwischen Ajax und seiner Frau, die seinen Selbstmord ahnt, ihn mit ihrem gemeinsamen Sohn davon abzubringen versucht, aber nicht offen mit ihm zu sprechen wagt.

 

Shakespeare schildert »Hamlet« (um 1601) als zögernd-schwankenden Melancholiker und erinnert in Cäsar (1599) an das Schicksal von Porcia, der Frau von Brutus, die in einem depressiven Anfall mit dem Verschlucken glühender Kohlen ihr Leben beendet.

 

Die Acedia der Mönche wurde mehrfach von Malern wiedergegeben. Das Laster der Verzweiflung erscheint bei Giotto (1267-1337) in der von ihm ausgemalten Scrovegnikapelle (Padua, 1306) in der Gestalt einer Selbstmörderin. Die letzte und vergebliche Begegnung von Ajax mit seiner Frau greift Asmus Jakob Carstens (1754-1798) auf einem Gemälde (um 1791) auf.

 

Eine Melancholikerin stellt Thédore Géricault (1791-1824) auf einem Bild von 1823 dar. Die Therapie des Melancholikers mit Hilfe der Musik ist ein wiederholtes Sujet der Malerei, so etwa bei Rembrandt (1606-1669), der auf einem Bild David die Schwermut von König Saul durch sein Harfenspiel lindern lässt (um 1629-30).

 

Untätiges Hinbrüten

 

Beispielhaft für die Verbindung antiker, christlicher und neuzeitlicher Dimensionen in der Renaissance ist die allegorische Darstellung der Melancholie oder Schwermut auf Albrecht Dürers (1471-1528) Kupferstich »Melencolia I« aus dem Jahre 1514, das mehrfach und kontrovers interpretiert wurde und offen für neue Deutungen bleibt.

 

Die sinnend-untätige Frauengestalt im Zentrum des Stiches repräsentiert die Verbindung von Melancholie und Künstler. Die zahlreichen Attribute wie Handwerksgeräte, magisches Quadrat, Leiter, Sanduhr, Waage, Komet, aber auch Lebewesen wie der aktive Putto, der abgemagerte Hund, die Fledermaus symbolisieren die vielfältigen Beziehungen der Melancholie zu Theologie, Philosophie und Medizin. Offensichtlich enthält der Kupferstich auch biographische Züge. Dürer litt selbst an schwermütigen Stimmungen, die Zahl 1514 auf dem magischen Quadrat im rechten Bildfeld ist zugleich das Todesjahr seiner Mutter.

 

Besonders eindringlich fällt die Beschreibung des Melancholikers im Roman »Anton Reiser« (1794) von Karl Philipp Moritz aus: »In solchen Zuständen konnte er dann tagelang sitzen, ohne Gedanken mit einer Feder auf dem Papier kritzeln und sich selbst über diese Verschwendung der Zeit verabscheuen, ohne doch Kraft genug zur besseren Anwendung derselben zu haben. Da kamen dann Stunden, ja ganze Tage, wo er in einem untätigen Hinbrüten auf dem Bette lag und ganz den Ausschweifungen seiner empörten Phantasie nachhing.«

 

Die Literatur der Romantik und Klassik um 1800, aber auch Texte des 19. Jahrhunderts und vor allem des Symbolismus greifen die Melancholie immer wieder auf. Langeweile und Leere prägen das Bild des so genannten »überflüssigen Menschen« in den Werken der russischen Literaten  Mikchail J. Lermontow (1814-1841), Ivan A. Gontscharow (1812-1891), Fjodor Michailowitsch Dostojewskij (1821-1881) und Anton Pawlowitsch Tschechow (1860-1904).

 

Gontscharows Porträt eines lebensmüden Menschen in seinem Roman »Oblomow« (1859) führte sogar zu einem entsprechenden medizinischen Krankheitsbild (»Oblomow-Syndrom«): »Verstand und Wille waren längst schon und, wie es schien, unheilbar gelähmt. Die Begebenheiten, die sein Leben ausfüllten, waren mikroskopisch klein geworden, aber nicht einmal mit diesen Begebenheiten vermochte er fertig zu werden.« 

 

Das 20. Jahrhundert setzt die literarische Tradition fort, beispielhaft etwa in dem Roman »Die Ringe des Saturn« (2001) von Winfried Georg Sebald (1944-2001). Der Erzähler macht sich in diesem Roman auf die Reise, »in der Hoffnung, der nach dem Abschluß einer größeren Arbeit in mir sich ausbreitenden Leere entkommen zu können.«

 

Dieses Ziel wird allerdings nicht erreicht, die Bewegung bringt nicht die erhoffte Wirkung. Das Gefühl der Melancholie wird verstärkt durch die Beobachtung der umfassenden Zerstörung allen Lebens und der ganzen Welt: »Auf jeder neuen Form liegt schon der Schatten der Zerstörung. Es verläuft nämlich die Geschichte jedes einzelnen, die jedes Gemeinwesens und die der ganzen Welt nicht auf einem stets weiter und schöner sich aufschwingenden Bogen, sondern auf einer Bahn, die nachdem der Meridian erreicht ist, hinunterführt in die Dunkelheit.«

 

Jacob Balde (1604-1668), John Milton (1608-1674), Andreas Gryphius (1616-1664), Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803), Nikolaus Lenau (1802-1850), John Keats (1795-1821), Charles Baudelaire (1821-1867), Georg Trakl (1887-1919) und viele andere schufen Gedichte zur Melancholie.

 

Mehrfach hat sich Georg Trakl  in seinen Gedichten  »Melancholie des Abends« (1910-12), »Melancholie I« (1913), »Melancholie II« (1914) und »Die Schwermut« (1914) dem Thema der Melancholie zugewandt.

Melancholie des Abends

Der Wald, der sich verstorben breitet

Und Schatten sind um ihn, wie Hecken.

Das Wild kommt zitternd aus Verstecken,

Indes ein Bach ganz leise gleitet

Und Farnen folgt und alten Steinen

Und silbern glänzt aus Laubgewinden.

Man hört ihn bald in schwarzen Schlünden -

Vielleicht, dass auch schon Sterne scheinen.

Der dunkle Plan scheint ohne Maßen,

Verstreute Dörfer, Sumpf und Weiher,

Und etwas täuscht dir vor ein Feuer.

Am Himmel ahnet man Bewegung,

Ein Heer von wilden Vögeln wandern

Nach jenen Ländern, schönen, andern.

Es steigt und sinkt des Rohres Regung.

 

Georg Trakl

Nicht nur melancholische Menschen, sondern auch melancholische Landschaften sowie melancholische Tiere und Pflanzen werden in Kunst und Literatur dargestellt. Von dem französischen Dichter Guillaume Apollinaire (1880-1918) stammt ein Gedicht über Karpfen als »Fische der Melancholie« (»poissons de la mélancholie«): »Dans vos viviers, dans vos étangs, Carpes, que vous vivez longtemps. Est-ce que la mort vous oublie, Poisson de la mélancolie.« (»In euren Lebensräumen, euren Seen, Karpfen, wie lange Zeit ihr lebt. Vergißt euch etwa der Tod, Fische der Melancholie«)

 

Mehr Aufklärung

 

Melancholie gehört wesenhaft zur Natur und Kultur des Menschen und hat deshalb auch seit der Antike immer wieder nicht nur Wissenschaftler und Psychiater, sondern auch Künstler und Schriftsteller, Theologen und Philosophen fasziniert und zu ihren Darstellungen und Deutungen angeregt. Die Fülle der Texte, Bilder und ebenfalls musikalischen Beispiele ist unübersehbar. Beachtung verdienen auch Biographien und Werke der Selbsterfahrungs-Literatur.

 

Wie aktuell das Thema auch heute noch ist, kann man an der großen Resonanz der Berliner Ausstellung «Melancholie« im Jahre 2006 sehen. Auch wenn in der modernen Psychiatrie Melancholie als spezifische Krankheitsbezeichnung aufgegeben und durch Depression ersetzt wurde, bleibt ihre Gültigkeit als anthropologische Grundverfassung und fundamentale Weltauffassung weiterhin erhalten.

 

Herausforderungen stellen sich bleibend für die Medizin, jeden einzelnen Menschen und die Gesellschaft. Die Möglichkeiten der medikamentösen Behandlung und Psychotherapie haben sich in den letzten Jahren eindrucksvoll verbessert. Neben den verschiedenen kunsttherapeutischen Richtungen besitzen vergangene diätetische Maßnamen wie Lichttherapie, Schlafentzug und Bewegung zum Ausgleich depressiver und schwermütiger Verstimmungen auch heute noch eine Bedeutung.

 

Für eine erfolgreiche Behandlung müssen diese Störungen jedoch rechtzeitig erkannt werden. Depressionen verbergen sich oft hinter körperlichen Beschwerden wie Brust-, Kopf-, Rücken- und Bauchschmerzen, Appetit- und Gewichtsveränderungen, Müdigkeit und Schlafstörungen.

 

Immer besteht vor dem depressiven Hintergrund die Gefahr eines Suizids. Das »Deutsche Bündnis gegen Depression« (www.buendnis-depression.de) hat sich als bundesweit tätige Initiative eine bessere Versorgung, Information und Beratung  psychisch kranker Menschen zum Ziel gesetzt.

 

Die Kernbotschaften dieses Bündnisses lauten: »Depression kann jeden treffen, Depression hat viele Gesichter, Depression ist behandelbar.« Diese wichtige und eindrucksvolle Initiative wendet sich mit ihrem Plädoyer um mehr Aufklärung nicht nur an Ärzte und Apotheker, sondern auch an Lehrer, Theologen, Politiker, an Angehörige und insgesamt an die Gesellschaft.

 

Zugleich sollte die reiche Welt der Kultur nicht ungenutzt bleiben. Kunst und Literatur, Philosophie und Theologie können mit ihren Darstellungen und Deutungen Ärzten und Psychologen Orientierungen sowie Betroffenen und Angehörigen bei der Bewältigung des seelischen Leidens und der Verzweiflung Trost und Hilfe anbieten, können Möglichkeiten eröffnen, den dunklen Welten der Depression zu entfliehen.

Anregungen zur Lektüre

Beckerle, Monika: »Depression ­ Leben mit dem Gesicht zur Wand. Erfahrungen von Frauen«, Fischer, Frankfurt am Main, 1989, 1992.

Dahlke, Rüdiger: »Depression: Wege aus der dunklen Nacht der Seele«, Goldmann, München, 2006.

Deick, Hubertus: »Depression: Das Erlebnis einer Heilung«, Projekte-Verlag, Halle 2007.

Fink, Anna: »Der Seiltanz: Mein Sieg über chronische Krankheiten und Depressionen«, Spirit-Rainbow-Verlag, Aachen, 2006.

Flach, Frederic F.: »Depression als Lebenschance; Seelische Krisen und wie man sie nutzt«, Rowohlt, Rheinbek bei Hamburg, 1982.

Hautzinger, Martin: »Ratgeber Depression; Informationen für Betroffene und Angehörige«, Hogrefe, Göttingen, 2006.

Josuran, Ruedi, Verena Hoehne und Daniel Hell: »Mittendrin und nicht dabei; Mit Depressionen leben lernen«, herausgegeben von Anne Rüffer, Ullstein, Berlin 1999, 2006.

Kuiper, Piet C.: »Seelenfinsternis: Die Depression eines Psychiaters«, Fischer, Frankfurt am Main 1991, 2000.

Muhr, Caroline: »Depressionen«, Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 1978.

Neidhöfer, Christa: »Ängste und Depressionen überwinden lernen; Hilfe für 55 Tage«, Pro Business, Berlin, 2007.

Hosner, Robert: »Als meiner Seele der Strom ausging; Lebenserinnerungen eines depressiven Arztes«. Books on Demand GmbH, Norderstedt, 2006.

Sillem, Peter (Hg.): »Melancholie oder vom Glück, unglücklich zu sein«, München, DTV 1997, 2006.

Zehenbauer, Josef: »Melancholie: Die traurige Leichtigkeit des Seins«, Kreuz Verlag Stuttgart, 2001.

 

Weiterführende Literatur

Clair, Jean (Hg.): Melancholie. Genie und Wahnsinn in der Kunst. Hatje Cantz, Ostfildern-Ruit  2005.

Engelhardt, Dietrich v., Horst-Jürgen Gerigk, Guido Pressler und Wolfram Schmitt (Hg.): Melancholie in Literatur und Kunst, Pressler, Hürtgenwald 1990.

Földényi, László F.: Melancholie, Matthes und Seitz, München 1988, Berlin 2004.

Klibansky, Raymond, Erwin Panofsky und Fritz Saxl: Saturn und Melancholie. Studien zur Geschichte der Naturphilosophie und Medizin, der Religion und Kunst, Suhrkamp, Frankfurt/Main 1990, 1994.

Lepenies, Wolf: Melancholie und Gesellschaft, Suhrkamp, Frankfurt/Main 1969, 1987, Neuausgabe 1998.

Tellenbach, Hubertus: Melancholie. Problemgeschichte, Endogenität, Typologie, Pathogenese, Klinik, Springer, Berlin 1961, 1983.

 

Der Autor

Dietrich von Engelhardt studierte Philosophie, Geschichte und Slavistik in Tübingen, München und Heidelberg. Nach seiner Promotion in Philosophie 1969 war er unter anderem als Mitarbeiter eines kriminologischen Forschungsprojektes kriminaltherapeutisch am Institut für Kriminologie der Universität Heidelberg tätig. Der ordentliche Professor für Medizin- und Wissenschaftsgeschichte (Habilitation 1976) ist seit 1983 Direktor des Instituts für Medizin- und Wissenschaftsgeschichte der Universität zu Lübeck. Unter anderem war Dietrich von Engelhardt von 2000-2004 Vorsitzender der Ethikkommission für Forschung der Universität zu Lübeck, von 1993-1996 Prorektor der Universität zu Lübeck, von 1994 bis 1998 Vizepräsident und von 1998-2002 Präsident der Akademie für Ethik in der Medizin. Seit 2003 ist er Vorsitzender des Klinischen Ethikkomitees (KEK) der Universität zu Lübeck.

 

 

Anschrift des Verfassers:

Professor Dr. Dietrich v. Engelhardt

Institut für Medizin- und Wissenschaftsgeschichte

Königstraße 42

23552 Lübeck

v.e(at)imwg.uni-luebeck.de

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