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Viren gegen Krebs

04.04.2006
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Viren gegen Krebs

von Christina Hohman, Eschborn

 

Viren haben keinen guten Ruf. Sie lösen verschiedene Krankheiten aus und viele tragen auch zur Krebsentstehung bei. Einige Virenarten könnten in Zukunft aber als Therapie gegen Krebs eingesetzt werden: So genannte onkolytische Viren greifen gezielt Tumorzellen an.

 

»Normalerweise gelten Viren als Ursache von Krebs«, sagte Professor Dr. Jean Rommelaere, Leiter der Abteilung Tumorvirologie am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg auf einer Veranstaltung des Zentrums. »Es gibt aber auch Viren, die die Tumorentstehung hemmen können.« Auf diesen onkolytischen Viren ruht seit einiger Zeit die große Hoffnung von Krebsforschern.

 

Onkolytische Viren lassen sich in zwei Gruppen unterscheiden. Die »replication defective viruses« können sich nicht vermehren, sie dienen nur als Vektor, um für die Zelle tödliche Gene in Krebszellen einzuschleusen. Die »replication competent viruses« dagegen können sich replizieren und vermehren sich vornehmlich in Krebszellen, wodurch sie diese zerstören. »Das ideale Virus repliziert sich nur in Tumorzellen, nicht in normalen Körperzellen«, sagte Rommelaere. In Körperzellen sollten die Viren entweder nicht eintreten oder sich in ihnen nicht vermehren können.

 

Krebszellen bevorzugt

 

Diese Onkospezifität ist zum Teil spontan bei Wildtyp-Viren vorhanden, so zum Beispiel bei einigen Paroviren, Paramyxoviren, Rhabdoviren oder Reoviren. Aber auch Viren ohne intrinsische Onkospezifität können durch genetische Veränderungen gezielt gegen Tumorzellen eingesetzt werden. Hierzu zählen einige Adeno-, Herpes- oder Picornaviren.

 

»Viren gegen Krebs einzusetzen ist keine Träumerei«, sagte Rommeleare. Es laufen bereits etwa 20 klinische Studien mit onkolytischen Viren. Eine Adenovirus-Chimäre (Onyx-015) in der Therapie gegen Kopf/Hals-Krebs befindet sich bereits in Phase 2/3. Dem Schnupfenerreger fehlt ein Protein, das das Tumor-Suppressor-Gen p53, den Wächter des Zellzyklus, inaktiviert. Das veränderte Virus kann sich in Tumorzellen ohne p53 vermehren und die Zellen zerstören, aber nicht in Zellen, die das p53-Protein besitzen.

 

Die ersten Zieltumoren von onkolytischen Viren in klinischen Studien sind neben den Kopf/Hals-Tumoren unter anderem auch Gliome und das Pankreaskarzinom. »Alles Tumore, die nicht mit Standardtherapien zu behandeln sind«, sagte Rommelaere.

 

Die meisten Viren in klinischen Studien sind »engineered«, das heißt gezielt gentechnisch verändert. Um onkoselektive Viren zu erhalten, gibt es verschiedene Strategien, erklärte der Mediziner. Eine Methode ist, Liganden von Viren so zu verändern, dass diese nur noch an tumorspezifische Rezeptoren (wie EGFR oder Integrin) binden und somit ausschließlich in Krebszellen eindringen können. Eine weitere Methode ist, Kontrollelemente von Viren auszutauschen, so dass wichtige Gene für die Replikation nur noch in Tumorzellen aktiv sind. Wenn zum Beispiel der virale Promoter durch einen tumorspezifischen ersetzt wird, kann sich das modifizierte Virus nur in Krebszellen vermehren.

 

In einer weiteren Methode stellen Forscher Viren her, die einen Defekt haben. Sie können den Schutzmechanismus, den Zellen gegen Viren besitzen, nicht mehr hemmen. Daher können sie sich nur in Zellen vermehren, in denen dieser Schutzmechanismus schwach ausgeprägt ist, wie in einigen Tumorarten.

 

Natürliche Onkospezifität

 

Manche Viren besitzen bereits von sich aus eine Onkospezifität. So zum Beispiel Paroviren, an denen die Arbeitsgruppe von Rommelaere forscht. Die mit nur 25 nm Durchmesser zu den kleinsten zählenden Viren mögen das Milieu in Tumorzellen. Denn Krebszellen exprimieren bestimmte Faktoren, die die Viren zur Replikation benötigen und die andere Körperzellen nicht produzieren. Daher befallen die lytischen Viren bevorzugt Krebszellen. In verschiedenen Tiermodellen hat Rommelaere die therapeutische Wirkung der Paroviren schon untersucht. Bei Ratten verschwanden nach der Behandlung der Tiere mit dem Parovirus H1 die Hirntumoren. Die Ratten wurden gesund und hatten sogar einen langfristigen Schutz vor Rezidiven. »Selbst neu implantierte Tumore konnten sich nicht halten«, berichtete der Mediziner. Gute Ergebnisse hätten auch modifizierte Herpesviren in der Behandlung von Gliomen in klinischen Studien geliefert.

 

Solche Erfolge wünsche man sich auch bei Menschen, doch die Ergebnisse aus den Tierversuchen seien nicht so einfach zu übertragen, sagte Rommelaere. Jetzt entwickeln die Heidelberger Forscher neue Tiermodelle für Krebsarten mit schlechter Prognose bei Menschen.

 

Onkolytische Viren seien ein neuer Trend in der Forschung. »Sie sind aber nicht die Wunderwaffe von morgen«, warnte der Mediziner vor zu großen Hoffnungen. Sie müssten wahrscheinlich in Kombination mit anderen Therapien wie Bestrahlung oder Chemotherapie eingesetzt werden. Die größten Hürden, die der Entwicklung von onkolytischen Viren derzeit im Weg stehen, sind der Sicherheitsaspekt bei der Anwendung am Menschen und die Kosten der Produktion von therapeutischen Viren in ausreichender Reinheit und Wirksamkeit. Bis die ersten therapeutischen Viren auf den Markt kommen, werden noch einige Jahre vergehen.

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