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Aspirin fürs Volk

30.03.2006
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Pharmafusion

Aspirin fürs Volk

von Thomas Bellartz, Berlin

 

In Berlin richten sich immer noch viele Augen nach Leverkusen. Tausende Arbeitsplätze sind von dem anstehenden Schering-Verkauf an Bayer betroffen, der Standort bleibt sicher, das Bayer-Management macht auf gute Stimmung. Während man im Bayer-Hochhaus frohlockt, bleiben nicht nur die Analysten skeptisch.

 

Der Vorstandschef des Bayer-Konzerns, Werner Wenning, bekräftigte vergangene Woche, dass Berlin der Sitz der künftigen Tochter Bayer-Schering-Pharma sein wird. Bei der Enthüllung einer Aspirin-Skulptur am Reichstagsgebäude sagte Wenning am Donnerstag, die Bundeshauptstadt werde »für die Zukunft unseres Unternehmens nun eine ganz besondere Rolle spielen«. Nach der geplanten Übernahme des Berliner Konkurrenten Schering werde für die Pharmasparte das Unternehmen Bayer-Schering-Pharma gegründet, »mit Sitz in Berlin«.

 

Knapp zwei Wochen nach der Ankündigung eines 16,3 Milliarden Euro schweren Übernahmeangebotes für Schering beschäftigt sich Bayer mit dem Einsammeln von Kapital. Der Leverkusener Chemie- und Pharmakonzern bot institutionellen Investoren wie Banken eine nachrangige Pflichtwandelanleihe in Höhe von 2 Milliarden Euro an. Bei großer Nachfrage könne der Betrag um bis zu weitere 300 Millionen Euro erhöht werden, teilte die Bayer AG mit. Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger warnte unterdessen vor Risiken der Übernahme für Berlin.

 

Die Pflichtwandelanleihe wird am Ende ihrer Laufzeit im Juni 2009 durch die Ausgabe neuer Aktien getilgt. Die Bayer AG zählt zu den größten Publikumsgesellschaften in Deutschland mit schätzungsweise 500.000 Aktionären. Bei der Bayer AG gibt es gegenwärtig keinen Großaktionär mit einem Anteil von mehr als 5 Prozent.

 

Die geplante Schering-Übernahme ist der größte Zukauf in der 143-jährigen Konzerngeschichte von Bayer. Rund 3 Milliarden Euro sollen aus den bestehenden Barmitteln des Konzerns eingesetzt werden. Zudem hat sich Bayer bereits eine Kreditlinie zur Schering-Übernahme bei Banken gesichert. Diese Kreditlinie soll durch einen Mix aus Eigen-und Fremdkapital zu einem späteren Zeitpunkt abgelöst werden.

 

Die Pflichtwandelanleihe ist Teil der Eigenkapitalmaßnahmen, mit denen Bayer insgesamt bis zu 4 Milliarden Euro mobilisieren will. Darüber hinaus sollen mit H.C. Starck (Goslar) und Wolff (Walsrode) zwei Tochterunternehmen in Niedersachsen verkauft werden.

 

Skeptische Analysten

 

»Die Höhe der Anleihe von 2 Milliarden Euro führt dem Markt die Kosten der Übernahme nochmals deutlich vor Augen«, sagte ein Analyst. »Vielleicht ist der Schering-Kauf ein wenig zu teuer gewesen«, meint ein anderer Experte. Strategisch sei die Übernahme schon sinnvoll, der Preis von 86 Euro je Schering-Aktie aber auch recht ordentlich. Es scheine so, als ob die erste Euphorie nach einem genaueren Blick auf die Zahlen etwas schwinde.

Der Sprecher der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK), Michael Kunert, sagte der »Berliner Zeitung«: »Das Übernahmeangebot von Bayer ist zwar deutlich besser für Schering und für die Stadt Berlin, als das von Merck, doch es ist ebenfalls mit Risiken behaftet.« Das geplante Gemeinschaftsunternehmen soll zwar den Sitz in Berlin haben, doch werde es nur eine Bayer-Tochter sein. Konzernentscheidungen würden künftig in Leverkusen getroffen. Dennoch rät die SdK den Anlegern das angekündigte Bayer-Angebot, Schering für 86 Euro je Aktie zu übernehmen, zu akzeptieren. »Das ist ein guter Preis«, sagte Kunert.

 

Bundeskanzlerin informiert

 

Der Bayer-Konzern sieht für seine Übernahmepläne für den Pharmakonzern Schering positive Signale aus der Politik. Bayer-Vorstandsvorsitzender Werner Wenning habe bei einem Telefonat mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) einen positiven Eindruck gewonnen, sagte ein Sprecher. Wenning habe der Bundeskanzlerin die Strategie und das Vorgehen im Rahmen der Schering-Offerte erläutert und dargelegt, dass durch das Zusammengehen ein noch stärkeres und wettbewerbsfähigeres Pharmaunternehmen entstehen werde. Zudem habe Wenning deutlich gemacht, dass der Zusammenschluss auch für den Pharmastandort Deutschland eine gute Lösung sei.

 

Bayer hatte den Übernahmepoker um Schering mit einem kräftigen Preisaufschlag für sich entschieden. Die Leverkusener hatten den Darmstädter Pharma-Konzern Merck mit einem Gebot von insgesamt 16,3 Milliarden Euro oder 86 Euro je Aktie aus dem Rennen geschlagen. Merck gab mit einem 77-Euro-Gebot auf. Der Darmstädter Pharma- und Spezialchemiekonzern hat unterdessen auch sein Übernahmeangebot für den Konkurrenten Schering bei den EU-Wettbewerbshütern zurückgezogen. Das teilte die EU-Kommission in Brüssel ohne Angaben von Gründen mit. Das Vorhaben war am 22. März zur Prüfung angemeldet worden.

 

Im Übernahmepoker um Schering hatte Merck am 24. März sein Angebot für das Berliner Unternehmen zurückgezogen, nachdem der Bayer-Konzern die Bieterrunde für sich entscheiden konnte. Brüssel prüft Fusionsvorhaben, wenn die beteiligten Unternehmen auf einen Jahresumsatz von mehr als fünf Milliarden Euro kommen.

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