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Psychoonkologie

Viel erreicht – noch viel zu tun

27.03.2018  11:14 Uhr

Von Ulrike Abel-Wanek / Eine Tumordiagnose kommt meistens unerwartet und verändert das Leben schlagartig. Krankheit und Therapie belasten den Körper, aber auch die Seele leidet mit. Psychoonkologen können dann helfen. Die PZ sprach mit dem Oberarzt Dr. Imad Maatouk, Leiter der Psychoonkologischen Ambulanz am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg.

PZ: Vor 30 Jahren gründete sich die Arbeitsgemeinschaft für Psychoonkologie in der Deutschen Krebsgesellschaft – damals noch ein sehr junges Arbeitsgebiet innerhalb der Medizin mit nur wenigen, meistens spendenfinanzierten, Stellen. Was hat sich seitdem verändert?

Maatouk: Es hat sich extrem viel getan. Eine begleitende psychoonkologische Beratung und Behandlung gilt heute als unverzichtbarer Bestandteil der modernen Tumortherapie und stützt sich auf eine breite Basis gesicherten Wissens. Die psychoonkologische Versorgung kann die Lebensqualität von Tumorpatienten nachweislich verbessern, und es sind Hilfestellungen in unterschiedlichen Phasen der Erkrankung möglich. Das zeigen eine ganze Reihe randomisierter, kontrollierter Studien und systematischer Reviews. Seit 2014 existiert zudem eine eigenständige S-3-Leitlinie »Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung von erwachsenen Krebspatienten«, die die Qualitätsansprüche definiert. Auch im Nationalen Krebsplan lautet eine Forderung, dass alle Krebspatienten bei Bedarf eine angemessene psychoonkologische Versorgung erhalten sollen. Es bedarf jedoch noch vieler weiterer, methodisch hochwertiger Psychotherapiestudien, um die Wirkung in unterschiedlichen Krankheitsgruppen und Phasen der Erkrankung zu untersuchen.

 

PZ: Wie nehmen Sie Kontakt zu den Patienten in der Klinik auf?

 

Maatouk: Das NCT ist ein sogenanntes onkologisches Spitzenzentrum. Diese Zentren müssen nachweisen, dass sie Patienten Zugang zu psychoonkologischer Betreuung durch speziell qualifizierte Ärzte und Psychologen bieten. Alle Patienten, die sich in eine Behandlung an unser Zentrum begeben, werden hinsichtlich ihrer psychosozialen Belastung mithilfe von Fragebögen gescreent – und erhalten abhängig vom Ergebnis oder bei subjektivem Bedarf dann ein Beratungsangebot.

 

PZ: Ist es nicht ganz normal, dass man nach einer Krebsdiagnose erst mal geschockt ist und seelisch aus dem Gleichgewicht gerät?

 

Maatouk: Ja, das ist häufig der Fall, auch wenn die meisten Patienten die Erkrankung mithilfe eigener Ressourcen gut bewältigen können.

 

Es ist nicht unbedingt eine außergewöhnliche Belastung notwendig, um eine psychoonkologische Beratung in Anspruch nehmen. In den Sceening-Verfahren werden die sogenannten überschwelligen Belastungen sichtbar, die wir im Rahmen einer weiteren Diagnostik dann differenzieren und schauen, ob zum Beispiel eine manifeste Depression, Angst- oder Anpassungsstörung vorliegt. Grob gesagt, gibt es die Möglichkeit der Information und Beratung und bei andauernden schweren Belastungen auch die Indikationsstellung zu einer psychotherapeutischen Behandlung. Die Übergänge sind dabei manchmal fließend. Zu Anfang der Erkrankung haben die meisten Menschen vor allem ein großes Bedürfnis nach Informationen und stellen Fragen wie: Welche Erfahrungen haben andere Patienten gemacht? Wie kommuniziere ich nach der Diagnose mit meiner Familie und den Arbeitskollegen? Wie spreche ich mit meinen Kindern über die Erkankung?

 

Dem folgt dann häufig der Wunsch nach einer weiteren Unterstützung, zum Beispiel einer supportiven Begleitung. Weil sich Schlafprobleme einstellen, Sorgen und Ängste größer werden oder sich der Patient einfach überfordert fühlt. Wie weit die Unterstützung durch einen Psychoonkologen geht, hängt vom Grad der Belastung und von den individuellen Möglichkeiten des Betroffenen ab, mit der Ausnahmesituation wie einer Krebserkrankung zurecht zu kommen. Grundsätzlich wird es von den meisten unserer Patienten als hilfreich angesehen, mit einem professionellen Helfer über die Krankheit zu sprechen. Kommen sozialrechtliche Fragen zur Sprache – und das ist meistens der Fall –, ziehen wir noch Kollegen aus dem Sozialdienst hinzu, die in einem zertifizierten Zentrum auch mit ausreichenden Stellenkontingenten vertreten sein müssen.

 

PZ: Manche Patienten stehen der Psychoonkologie skeptisch gegenüber, fühlen sich vielleicht stigmatisiert. Versuchen Sie trotzdem, auf die Menschen zuzugehen?

 

Maatouk: Es kommt darauf an, wie belastet sie sind. Zunächst klären wir einfach auf, dass man sich beraten oder unterstützen lassen kann. Und selbstverständlich ist es absolut legitim, wenn ein Patient trotz vorliegender hoher Belastung zunächst keine professionelle Unterstützung in Anspruch nehmen möchte oder dafür noch Zeit braucht.

 

Wir versuchen darüber aufzuklären, dass die psychoonkologische Beratung eine zusätzliche Chance darstellt einen Weg zu finden, mit der Krebserkrankung und ihren Folgen besser klar zu kommen – weil man besser informiert ist und dadurch weiß, was da mit einem passieren kann. Wir versuchen, in den Gesprächen möglichst viele eigene Ressourcen bei den Patienten zu mobilisieren und so Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Diese Ressourcenstärkung und auch Psychoedukation haben bei depressiven und Angsterkrankungen, aber auch bei unterschwelligen Belastungen, einen sehr hohen Stellenwert für die Verarbeitung des Krankheitsgeschehens.

 

Was wir jetzt außerdem neu etabliert haben, ist ein Online-Unterstützungsangebot, das wir im Rahmen einer Pilotstudie am NCT anbieten. Opact heißt das. Das Angebot wird speziell von einer Patientengruppe sehr gut angenommen, die Unterstützung sonst etwas seltener in Anspruch nimmt: den Männern im mittleren bis höheren Lebensalter. Bisher haben wir nur Pilotdaten, aber die sind sehr positiv. Wir planen, die Wirksamkeit im Rahmen einer multizentrischen, randomisierten, kontrollierten Studie zu evaluieren.

 

PZ: Wie sieht es mit der ambulanten psychoonkologischen Versorgung außerhalb der finanziell und personell gut ausgestatteten Schwerpunktkliniken aus?

 

Maatouk: Es gibt etwa 150 Krebsberatungsstellen in Deutschland, die ländlichen Gebiete sind eher schlechter versorgt. Darüber hinaus gibt eine große Anzahl niedergelassener psychoonkologisch qualifizierter ärztlicher und psychologischer Psychotherapeuten im ambulanten Sektor. Finanziell müssen sich viele Krebsberatungsstellen mit Spendengeldern und Stiftungsmitteln über Wasser halten. Die Länder sind hierbei sehr unterstützend. Schon lange wird versucht, eine Finanzierung auf Bundesebene hinzukriegen, Gespräche mit dem Bundesgesundheitsministerium laufen. Bis sich hier grundlegend etwas ändert, wird jedoch wohl noch Zeit vergehen. Es wird auch darauf ankommen, wie vordergründig sich der neue Gesundheitsminister für das Thema engagieren möchte.

 

PZ: Warum ist eine ambulante ­Unterstützung von Krebspatienten auch nach Abschluss der Therapie so wichtig?

 

Maatouk: Weil das Thema Krebs nicht erledigt ist, wenn die Behandlung abgeschlossen ist. Die Therapien hinterlassen Spuren in Hinblick auf das, was die Patienten emotional erlebt haben, aber auch, was möglicherweise langfristige Nebenwirkungen oder soziale Konsequenzen angeht. Also beispielsweise Fatigue, Veränderungen des Körperbildes, vielleicht auch noch Schmerzen. Manche Menschen sind in ihrer Arbeitsfähigkeit eingeschränkt oder sogar erwerbsunfähig – ein ganz wichtiger Aspekt, denn Arbeit gilt als wichtige Ressource für den langfris­tigen Genesungsprozess.

 

Vieles ist nach einer Krebstherapie nicht mehr so, wie es vorher war. Das wird einem aber oft erst bewusst, wenn man zur Ruhe kommt und der engmaschige Behandlungsrhythmus des klinischen Aufenthalts vorbei ist. Man hofft, sich wieder dem ganz normalen Leben widmen zu können. Auch Partner und vielleicht Kollegen hoffen das. Wenn das dann aber nicht funktioniert, kann es zu Problemen kommen, auch in der Beziehung und am Arbeitsplatz. Wir wissen aus empirischen Untersuchungen, dass das Ausmaß der Belastungen bei mehr als 30 Prozent der Patienten auch ein Jahr nach Abschluss der Therapie noch erhöht ist. Dieses erste Jahr nach Abschluss der Therapie wird teilweise als belastender erlebt als die Therapiezeit selbst.

 

PZ: Unter dem Namen »Ankker« bieten Sie auch spezielle Unterstützung für krebskranke Eltern und deren Kinder an.

 

Maatouk: »Ankker« ist aus einem Forschungsprojekt hervorgegangen. Kinder kriegen viel mit, aber nicht immer können sie darüber sprechen, zum Beispiel, weil sie noch zu klein sind. Manchmal sind dann Verhaltensänderungen zu beobachten.

 

Eltern sind zu Beginn ihrer Erkrankung oft sehr verunsichert und wissen nicht, wie sie mit den Kindern darüber sprechen sollen. In Gesprächen, aber auch mit kunsttherapeutischen Mitteln, Büchern und Spielen – je nach Alter der Kinder – können wir die Kommunikation unterstützen und die Familien begleiten. Die Eltern empfinden dies als sehr entlastend. Wenn nötig, begleiten wir die Familien weiter – auch wenn die Krebsbehandlung schon abgeschlossen ist. /

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