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Arbeitsrecht

Kündigungsgrund Krankschreibung

25.03.2015  09:45 Uhr

Von Anna Hohle / Vielen Angestellten ist es nicht bewusst, aber wer sehr oft oder lange krankgeschrieben ist, kann deshalb seinen Job verlieren. Dabei kommt es allerdings auf die Art der Krankheit und die Größe des Betriebs an, erklärt Arbeitsrechtler Martin Hassel im Gespräch mit der PZ.

PZ: Angenommen, ich bin als Angestellte häufig oder über einen längeren Zeitraum krank. Kann ich deswegen von meinem Arbeitgeber gekündigt werden?

Hassel: Grundsätzlich ja. Es gilt jedoch immer das sogenannte Verhältnismäßigkeitsprinzip. Die zuständigen Richter schauen also genau, wie oft und wie lange der Arbeitnehmer bereits krank war, wie wahrscheinlich es ist, dass er bald wieder ganz gesund sein wird und wie sehr das Unternehmen durch die Fehlzeiten belastet wird. Dann wägen sie je nach Einzelfall ab. Eine Kündigung ist dabei auch während einer Arbeitsunfähigkeit möglich.

 

PZ: Aber für eine chronische Krankheit kann doch niemand etwas?

 

Hassel: Das stimmt und Gerichte werden eine solche Entscheidung auch niemals leichtfertig treffen. Aber in bestimmten Fällen bedeutet ein andauernder Personalausfall insbesondere für kleine Betriebe eben eine sehr schwere finanzielle Belastung. Dann entscheiden die Juristen manchmal, dass dies dem Betrieb nicht länger zugemutet werden kann.

 

PZ: Wie häufig oder lange darf ich denn krank sein, ohne eine Kündigung befürchten zu müssen?

 

Hassel: Da gibt es keine festen Fristen. Die sechs Wochen Fehlzeit, in denen der Angestellte Entgeltfortzahlung erhält, müssen aber mindestens abgelaufen sein, um eine Kündigung zu rechtfertigen. Auch schauen die Gerichte, wie lange und wie häufig der Arbeitnehmer in den vorangegangenen Jahren gefehlt hat.

 

Zudem muss der Arbeitgeber nach einer längeren Fehlzeit zumindest den Versuch unternommen haben, den kranken Angestellten wieder in den Betrieb einzugliedern. Er kommt dann zum Beispiel vorerst nur zwei Stunden am Tag zur Arbeit, dann wird die Arbeitszeit langsam erhöht. Diese sogenannte betriebliche Wiedereingliederung zahlt die Krankenkasse, die ja auch ein Interesse daran hat, dass der Versicherte wieder arbeitet. Lehnt der Arbeitgeber diese Wiedereingliederung ab, sind seine Chancen vor Gericht gleich sehr viel schlechter.

 

PZ: Kommt es bei der Abwägung einer Kündigung auch auf die Art der Krankheit an?

 

Hassel: Natürlich. Wenn Sie etwa wegen eines Knochenbruchs mehrere Wochen ausfallen, danach aber voraussichtlich völlig wieder hergestellt sind, ist das kaum ein Kündigungsgrund. Schwierig wird es bei immer wiederkehrenden Beschwerden am Bewegungsapparat oder bei psychischen Erkrankungen. Hier ist die Prognose oft schlecht. Gerade bei Apothekenmitarbeitern kommen aufgrund des langen Stehens häufig chronische Knie- oder Hüftprobleme vor. Die Gerichte gehen dann nicht selten davon aus, dass die Beschwerden immer wieder auftreten werden, das Unternehmen also immer wieder belastet werden wird.

 

PZ: Erleben Sie in Ihrem Arbeitsalltag Kündigungen von Arbeitnehmern wegen Krankheit manchmal als ungerecht?

 

Hassel: Schwer zu sagen, ich kenne die Menschen ja meist nicht persönlich. Ich habe aber den Eindruck, dass Arbeitgeber an einem langjährigen loyalen Mitarbeiter, mit dessen Arbeit sie zufrieden waren, oft trotz langer Fehlzeiten festhalten. Auch erlebe ich die Apotheker unter meinen Mandanten häufig als sehr sozial. »Ich kann das arme Mädel doch nicht auf die Straße setzen«, heißt es dann. Anders sieht es meist aus, wenn das Arbeitsverhältnis schon vor der Fehlzeit belastet war. Da fällt die Kündigung vielleicht nicht ganz so schwer.

 

PZ: Und andersherum: Haben Sie es auch mit Arbeitgebern zu tun, die Probleme haben, Angestellte loszuwerden, die ständig krankfeiern?

 

Hassel: Ja, das kommt auch vor. Typisch sind etwa Fälle, in denen ein Arbeitnehmer über eine lange Zeit immer wieder montags und/oder freitags krank ist. Das Problem ist, dass ärztliche Atteste mitunter in Einzelfällen sehr leichtfertig abgegeben werden. Aber wenn der Angestellte nun mal ein ärztliches Attest hat, kann der Arbeitgeber dieses ja nicht in Zweifel ziehen.

 

PZ: Was ist, wenn ich aufgrund meiner Tätigkeit krank geworden bin – wenn sich etwa ein Apothekenmitarbeiter bei einem Patienten ansteckt oder durch häufiges schweres Heben Rückenprobleme bekommt?

 

Hassel: Bei den chronischen Rückenschmerzen ist es wie gesagt schwierig und auch schwer zu beweisen, dass diese nicht auch bei einer anderen Arbeit aufgetreten wären. Anders sieht es bei Arbeitsunfällen aus, wenn ein Angestellter sich also am Arbeitsplatz etwa an einer Maschine verletzt oder an einer Substanz verätzt. Erkrankt er dadurch, zählt dies vor einem Arbeitsgericht zu seinen Gunsten. Der Arbeitgeber muss dann sehr viel längere Fehlzeiten in Kauf nehmen, bevor er den Angestellten kündigen kann.

 

PZ: Was passiert eigentlich, wenn in einer kleinen Apotheke mit drei Mitarbeitern alle gleichzeitig krank werden? Muss sie dann vorübergehend schließen?

 

Hassel: Theoretisch ja, solange der Apothekenleiter keinen Ersatz organisieren kann. Jedenfalls kann keiner der Mitarbeiter gezwungen werden, krank zur Arbeit zu erscheinen. /

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