Pharmazeutische Zeitung online
Tuberkulose

Neue Wirkstoffe in Sicht

26.03.2013
Datenschutz bei der PZ

Von Annette Mende, Berlin / Bedaquilin und Delamanid: Diese Namen sollte man sich im Zusammenhang mit Tuberkulose (TB) merken. Denn die beiden TB-Therapeutika stehen kurz vor der Zulassung in Europa. Das wurde bei einer Veranstaltung des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) in Berlin im Vorfeld des Welttuberkulosetags am 24. März deutlich.

Jeder dritte Mensch auf der Erde ist nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit dem Tuberkulose-Erreger infiziert, die meisten allerdings latent, das heißt ohne Symptome. Besonders hoch ist die Prävalenz in Asien und Afrika. Laut jüngstem Tuberkulose-Bericht der WHO erkrankten 2011 8,7 Millionen Menschen neu an Tuberkulose. Bei 310 000 Patienten war der Erreger multiresistent (MDR-TB, siehe Kasten), in 9 Prozent dieser Fälle sogar extrem multiresistent (XDR-TB). In Deutschland hat die Zahl der Neu­erkrankungen mit 4317 im Jahr 2011 laut Robert-Koch-Institut nach einem zuvor über mehrere Jahre rückläufigen Trend ein Plateau erreicht.

Erste Innovationen seit 50 Jahren

 

Bedaquilin und Delamanid sind die ersten neu entwickelten Arzneistoffe zur Behandlung von Tuberkulose-Infektionen seit 50 Jahren. Bedaqualin wurde von der US-Arzneimittelbehörde FDA im Dezember 2012 in einem beschleunigten Verfahren zugelassen und darf in Deutschland bereits in Härtefällen eingesetzt werden. Es wird bei MDR-TB zusätzlich zur Standardtherapie gegeben. Chemisch handelt es sich um ein Diarylchinolon. Der Wirkmechanismus ist neu: Die Substanz hemmt die mykobakterielle ATP-Synthase und schneidet die Tuberkulose-Bakterien dadurch von ihrer Energieversorgung ab.

 

Das Nitro-Dihydro-Imidazooxazol Delamanid dagegen hemmt die Synthese von Mykolsäuren. Diese langkettigen, verzweigten Fettsäuren sind Bestandteil der Zellwand von Mycobacterium tuberculosis und für die Widerstandsfähigkeit des Erregers gegen viele antibakterielle Wirkstoffe verantwortlich. Auch bewährte TB-Mittel wie Isoniazid und Ethambutol greifen hier an. Wie Bedaquilin soll auch Delamanid die Standard-Behandlung von Patienten mit MDR-TB ergänzen. Der japanische Hersteller Otsuka Pharma hat die europäische Zulassung auf der Basis von Phase-II-Studiendaten beantragt, Phase-III-Studien laufen.

 

Zulassungserweiterung für Moxifloxacin

 

Darüber hinaus könnte mit Moxifloxacin in absehbarer Zukunft ein weiterer Arzneistoff die Therapieoptionen bei Tuberkulose erweitern. Das Breitspektrum-Antibiotikum ist bereits seit 1999 unter anderem zur Behandlung ambulant erworbener Pneumonien als Avalox® auf dem Markt, der Patentschutz endet 2014. Als Tuberkulose-Therapeutikum befindet sich der Wirkstoff momentan in Phase III der klinischen Prüfung. »Wenn die jetzt laufenden Studien die erhofften positiven Ergebnisse liefern, könnte Ende 2014 die Zulassungserweiterung gegen Tuberkulose erfolgen«, sagte David Greely von der TB Alliance. Diese Organisation bringt als nicht kommerzielle Produktentwicklungspartnerschaft Regierungen und private Geldgeber, Forschungsinstitute und Pharmaunternehmen zusammen, um die Entwicklung und den Zugang zu neuen Tuberkulose-Medikamenten zu beschleunigen.

 

Greely zufolge sind vor allem die Entwicklung neuer Medikamente gegen resistente Tuberkulose-Erreger, die Bereitstellung von TB-Therapeutika in pädiatrischen Dosierungen und die Verkürzung der sehr langwierigen Therapie vorrangige Ziele des weltweiten Kampfes gegen die Tuberkulose. Momentan müssen Patienten selbst bei einer Infektion mit nicht resistenten Erregern sechs Monate lang mit einer Mehrfach-Kombination von TB-Mitteln behandelt werden.

 

»Da die Symptome sehr schnell verschwinden, die Nebenwirkungen aber andauern, ist den Patienten die Notwendigkeit der fortgesetzten Behandlung oft nur schwierig zu vermitteln«, sagte Dr. Siegfried Throm vom VFA. Häufige Nebenwirkungen der Standardmittel sind beispielsweise Akne (Isoniazid), Rotfärbung von Körperflüssigkeiten (Rifampicin) sowie Übelkeit und Erbrechen (Pyrazinamid). Eine Zweit- oder gar Drittlinientherapie gegen resistente Keime dauert in der Regel sogar zwei Jahre oder länger. Mithilfe der neuen Medikamente könnte sich die Therapiedauer auf vier oder sogar zwei Monate verkürzen. / 

Einteilung nach Resistenzgrad

Stämme von Mycobacterium tuberculosis, die auf die Standard-Mittel Isoniazid, Rifampicin, Pyrizinamid, Ethambutol und Streptomycin empfindlich reagieren, bezeichnet man mit dem englischen Begriff drug-susceptible (DS-TB). Sind die Erreger mindestens gegen Rifampicin und Isoniazid resistent, handelt es sich um multiresistente Keime (multidrug-resistant, MDR-TB). Tuberkelbakterien, die außer gegen Rifampicin und Isoniazid auch gegen Fluorchinolone und intravenös verabreichte TB-Mittel wie Amikacin, Kanamycin und Capreomycin unempfindlich sind, heißen extensively drug-resistant (XDR-TB).

Mehr von Avoxa