Pharmazeutische Zeitung online
Demografie

Chancen für Apotheker

26.03.2013  19:33 Uhr

Selten sind sich ein Gesundheitsökonom, ein Kassenfunktionär und der ABDA-Präsident einig. Am 23. März in Palma de Mallorca war es so weit. »Angesichts der demografischen Entwicklung müssen die Gesundheitsberufe intensiver zusammenarbeiten«, waren sich Friedemann Schmidt, Professor Günter Neubauer und DAK-Gesundheit-Chef Professor Herbert Rebscher sicher. Doch Einigkeit ist eine zarte Pflanze.

Für die Apotheker gibt es derzeit mehrere Baustellen. Das machte ABDA- Präsident Schmidt in seinem Vortrag deutlich. Ganz oben steht dabei das Apothekennotdienst-Sicherstellungsgesetz. Das muss laut Schmidt Anfang Juli in den Bundesrat eingebracht werden, ansonsten könnte es kaum noch vor der Bundestagswahl verabschiedet werden. Nach dem aktuellen Gesetzentwurf soll zur Finanzierung der Notdienstpauschale der Fixzuschlag auf rezeptpflichtige Arzneimittel um 16 Cent auf 8,51 Euro angehoben werden. Über die Rechenzentren erhält ein vom Deutschen Apothekerverband verwalteter Fonds das Geld. Auf der Basis der von den Apothekerkammern ermittelten Anzahl von Notdiensten erhalten dann die Apotheken ihr Honorar.

Rollende Apotheken

 

Neben dem aktuellen Einschub zum Notdienstgesetz ging Schmidt in seinem Vortrag auf die Bundestagswahl und die demografische Entwicklung ein. Bei der für den 22. September geplanten Wahl dürften sich viele Apotheker mit ihrer Entscheidung schwertun, vermutet Schmidt. Die aktuelle Bundesregeierung hat sich in den vergangenen Jahren nicht unbedingt beliebt gemacht bei den Apothekern. Zur Erinnerung zitierte Schmidt einen Parteitagsbeschluss der CDU vom vergangenen Dezember, in dem diese, angesichts sinkender Bevölkerungszahlen in ländlichen Gebieten, rollende Apotheken ins Spiel gebracht hatte.

 

Nicht viel erfreulicher aus Sicht der Apotheker ist der Leitantrag auf dem SPD-Parteitag von 2011, in dem der Parteivorstand eine Liberalisierung des Arzneimittelvertriebs ankündigte und dies mit dem Ziel erklärte, über größere Vertriebsstrukturen Preisvorteile zu erzielen. Ebenso wenig vertrauenerweckend ist der Vorschlag der Grünen-Gesundheitspolitikerin Biggi Bender, Apotheken sollten Ärzte im Bereitschaftsdienst mit einem Arzneimittelsortiment ausstatten. Und auch die FDP tut sich derzeit schwer mit den Heilberufen. In ihrem Wahlprogramm erwähnt sie lediglich, dass die Freiberuflichkeit der Garant für ein leistungsfähiges Gesundheitswesen sei.

 

Während die Pläne der Parteien noch an vielen Stellen unklar sind, hat die ABDA offensichtlich klare Vorstellungen, wie sie sich im Wahljahr posi­tionieren will. Ein wichtiges Ziel sei es, die Flächendeckung zu sichern und die gesellschaftliche Relevanz des Berufes herauszustellen. Zudem müssten die Apotheker einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, die mit der demografischen Entwicklung verbundenen Probleme zu lösen. Dies sei eine zentrale Aufgabe der kommenden Jahre. Außerdem sei es wichtig, die Sympathie­werte der Apotheker zu verbessern.

Mehr kognitive Leistungen

 

In Zukunft müssten die Apotheker stärker als bislang für kognitive Leistungen vergütet werden. Langfristig könnten die Apotheker der Abwärtsspirale der Honorierung nur entgehen, wenn sie für Leistungen honoriert würden, die keine andere Berufsgruppe anbieten könne. Das Honorar für die Distribution stehe dagegen auf weniger soliden Füßen. Dies habe sich im vergangenen Jahr gezeigt. In der reinen Distribution sei es schwieriger, sich von anderen Anbietern abzusetzen. Schmidt: »Unser bisheriges Geschäftsmodell stößt an eine Grenze.« Es werde deshalb nun darauf ankommen, in der Approbationsordnung die Klinische Pharmazie aufzuwerten und sich so stärker an den beratenden Tätigkeiten des Berufsstandes zu orientieren, die Apotheker im therapeutischen Team zu etablieren und die Kompetenzen der Apotheker deutlicher herauszustellen.

Wie Schmidt griff auch DAK-Chef Rebscher die demografische Entwicklung auf. In seinem Vortrag verlieh er der Sorge Ausdruck, dass gerade in den ländlichen Gebieten der Anteil der Se­nioren an der Bevölkerung immer weiter steige, während gleichzeitig junge Ärzte in die Stadt zögen. Diesen Mangel könnten aus Rebschers Sicht die Apotheker beheben. Ihnen spiele die Demografie in den Karten. Sie sollten Organisationsstrukturen schaffen, in denen sie Aufgaben übernehmen könnten, gemeinsam mit den verbliebenen Ärzten die Menschen in ländlichen Regionen zu versorgen. Eine funktionierende Organisationsstruktur brauche es deshalb, weil die Kassen einen verlässlichen Ansprechpartner benötigten.

 

Apotheker sollen Vorleistungen erbringen

 

Wie bei Kassenfunktionären nicht unüblich, verzichtete Rebscher allerdings darauf, für seine Wünsche bei Apothekern zu werben, etwa indem er eine Vergütung für diesen Service in Aussicht stellte. Stattdessen verlegte er sich auf das alte Erfolgsrezept der Drohung: »Wenn Sie es nicht machen, dann machen es andere«, sagte Rebscher und gab damit schon mal den Stil für die spätere Podiumsdiskussion vor. Eine angemessene Honorierung für die zusätzlichen Leistungen stellte er auch nicht in Aussicht. Die Apotheker sollten jetzt erst einmal Versorgungsstruktur und Angebot aufbauen und beweisen, dass sie die Anforderungen erfüllen könnten, so Rebschers Vorstellung.

 

Wie sich die einzelnen Parteien in Sachen Gesundheitspolitik positionieren, hat Gesundheitsökonom Neubauer untersucht. Sein Fazit: »Die Reformvorschläge gehen alle am Kern des Problems vorbei.« Die Herausforderungen seien indes enorm. Bis zum Jahr 2060 schrumpfe die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland von 54 Millionen auf dann nur noch 35 Millionen. Gleichzeitig gebe es immer mehr Menschen im Rentenalter. Obwohl die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) mit einem stolzen Finanzpolster von mehr als 28 Milliarden Euro aktuell gut aufgestellt sei, drohe langfristig eine große Finanzierungslücke. Denn während der Bedarf der Bevölkerung an Gesundheitsleistungen um jährlich 2 bis 4 Prozent wachse, stiegen die finanziellen Ressourcen der GKV lediglich um 1 bis 3 Prozent.

Skeptisch äußerte sich Neubauer mit Blick auf die flächendeckende Versorgung. »Ich glaube nicht, dass es gelingen wird, junge Ärzte und Apotheker in Regionen zu locken, denen die junge Generation ansonsten den Rücken kehrt«, sagte er. Medizinische Versorgung über Gesundheitszentren sei daher die einzige Alternative. Apotheker und Ärzte müssten sich in Zukunft stärker miteinander vernetzen. Darüber hinaus werde die Delegation ärztlicher Leistungen an andere Gesundheits­berufe an Bedeutung gewinnen.

 

Einheitsversicherung funktioniert nicht

 

Mit SPD, Grünen und Linkspartei setzten gleich drei politische Lager auf eine Bürgerversicherung und damit langfristig auf das Aus der Privaten Krankenversicherung. Auf diese Weise soll der viel beschworenen Zwei-Klassen-Medizin ein Ende bereitet werden. Neubauer glaubt nicht an den Erfolg eines solchen Systems. »Es wird immer Menschen geben, die bereit sind, mehr zu bezahlen, um etwa im Wartezimmer bevorzugt zu werden.« Gleichzeitig werde es auch auf Anbieterseite immer jemanden geben, der sich auf diesen »Handel« einlässt.

 

Neubauer hat ein eigenes Finanzierungsmodell für die Gesetzliche Krankenversicherung entwickelt. Demnach zahlen die Versicherten einen pauschalen Beitrag direkt an ihre Krankenkasse. Die Höhe dieser Abgabe sollen die Kassen jeweils selbst festlegen, sie könnte im Schnitt bei 135 Euro im Monat liegen. Wer den Betrag nicht aufbringen kann, erhält eine Unterstützung aus Steuergeldern. Neubauer hält diese Form der Finanzierung für gerechter als das bestehende Modell. Denn wenn Zuschüsse für einen Sozialausgleich aus Steuermitteln kommen, werden Gutverdiener insgesamt stärker belastet als in einem System, in dem eine Beitragsbemessungsgrenze existiert.

 

2015 werde vermutlich die nächste Gesundheitsreform anstehen, sagte Neubauer. Hoffnungen auf nachhaltige Veränderungen hat er allerdings nicht. »In Deutschland steckt jede Gesundheitsreform in einer Demografiefalle.« Diejenigen, die Gesundheitsleistungen am stärksten in Anspruch nähmen, seien tendenziell gegen einschneidende Reformen. Zu ihnen zähle der ältere Teil der Bevölkerung, der eine wichtige Wählergruppe darstellt und stetig wächst.

 

Neubauer fordert daher, die Wählerstimmen innerhalb der Bevölkerung anders zu verteilen. So sollten auch Kinder eine Stimme bekommen, die zunächst auf ihre Eltern übertragen werde. Zudem sollten junge Menschen bereits mit 16 Jahren wählen dürfen. »Dann wäre Deutschland reformfreudiger.«

 

In der anschließenden Podiumsdiskussion forderte Neubauer, verstärkt Wirtschaftlichkeitsreserven im Gesundheitssystem zu heben. Dabei könnten die Apotheker eine bedeutende Rolle spielen: Sie sollten über Medikationschecks zu einer zielgenaueren Versorgung beitragen. »Dafür müssen wir Geld bereitstellen«, sagte Neubauer. Zudem müsse man die Patienten dazu bringen, wenn möglich eine Stammapotheke zu wählen.

 

Informationen bündeln

 

DAK-Chef Rebscher nannte diese Vorstellung realitätsfern. Statt Patienten an eine Apotheke zu binden, müsse man verstärkt Informationen zusammenführen, auf die von verschiedener Seite zugegriffen werden kann. »Die Beratung intensivieren können Apotheker nur, wenn ihnen die relevanten Daten vorliegen«, so Rebscher, der allerdings deutliche Wissenslücken offenbarte, welche Möglichkeiten die Apotheken heute schon bieten. Auch die Details zum ABDA-KBV-Modell, in dem vieles, was Rebscher forderte, erprobt wird, schienen ihm unbekannt.

 

Dem konnte ABDA-Präsident Schmidt zumindest zum Teil entgegenwirken. Bereits heute würden viele Apotheker die Informationen ihrer Stammkundschaft bündeln und damit gezielt in die Betreuung der Patienten einbeziehen, sagte Schmidt. Das gemeinsame Modell von ABDA und Kassenärztlicher Bundesvereinigung sehe darüber hinaus eine zentrale Medikationsdatei vor, auf die alle teilnehmenden Apotheken und Arztpraxen Zugriff haben sollen.

 

Rebscher zeigte sich skeptisch, dass das Modell funktioniert. Der Widerstand unter den Ärzten sei groß. Dieses Argument wollte Schmidt nicht gelten lassen. »Wenn innovativen Konzepte immer gestoppt werden, nur weil sich nicht gleich alle daran beteiligen wollen, würgen wir jede Entwicklung ab.« Dem DAK-Chef warf er vor, seine Krankenkasse habe sich zu früh vom ABDA-KBV-Modell verabschiedet.

 

Mit Blick auf die anhaltende Diskussion über Honorare für Betreuungsleistungen empfahl Neubauer den Apothekern, die Patienten mit ins Boot zu holen. Sie sollten einen gewissen Betrag zuzahlen und sich mit den so anfallenden Kosten an ihre Krankenkasse wenden. Auf diese Weise würde über eine Art Graswurzelbewegung Druck auf die Kassen ausgeübt. /

Mehr über den Management­kongress auf Mallorca lesen Sie in der nächsten Ausgabe der PZ.

Mehr von Avoxa